Carl Maria von Weber an Friedrich Wieck in Leipzig
München, Sonntag, 13. August 1815

Absolute Chronologie

Vorausgehend

Folgend

Korrespondenzstelle

Vorausgehend

Folgend

Geehrter Herr!

Empfangen Sie vor Allem meinen besten Dank für Ihre schön gefühlten Gesänge,* die ich am 18. Mai in Prag zu erhalten das Vergnügen hatte, und entschuldigen Sie mich gefälligst, wenn ich Ihnen nicht früher darüber meine Freude an den Tag legte. Ich erhielt sie in dem grossen Gewirr von Geschäften, die meine Anfangs Mai begonnene Urlaubsreise verursachten. Nach meinen damaligen Plänen hoffte ich, auf dieser Reise Leipzig selbst zu besuchen, Ihnen persönlich zu danken und ausführlicher und besser Ihre in Ihrem Briefe geäusserten Wünsche erfüllen zu können.

Umstände und Verhältnisse berauben mich dies Jahr des Vergnügens Ihrer persönlichen Bekanntschaft, und ich muss mich also schon begnügen, Sie vor der Hand nur schriftlich meiner wärmsten Theilnahme an Ihrem Streben zu versichern.

Ich glaube, Ihnen keinen bessern Beweis meiner Aufmerksamkeit und Achtung geben zu können, als wenn ich mir erlaube, Ihnen offen und unverhohlen meine Meinung über Ihre Gesänge zu sagen. Ja, ich fühle mich durch Ihr Zutrauen förmlich dazu aufgefordert.

Ihre Melodien sind zart und innig gedacht und fassen meist glücklich den Dichter auf. Sie streben aus der gewöhnlichen Liederform zu weichen und alles Streben nach Schönem und Gutem ist rühmlich.

Aber die Schöpfung einer neuen Form muss durch die Dichtung, die man componirt, erzeugt werden.

Bei meinen Gesängen hat mich immer das grosse Streben, meine Dichter vollkommen wahr und korrect deklamirt wieder zu geben, zu manch’ neuer Melodiengestalt geführt. Ihre Singstimme ist mitunter etwas unsingbar und Ihre Harmonie oft unrein, wo das Reine und Natürliche ganz nahe gelegen hätte, und es mir scheint, als hätten Sie blos der Neuheit wegen nach dem Mangelhaften gegriffen, das Sie natürlich in dem Augenblicke nicht dafür hielten. Ihre Modulation ist oft ausschweifend und selten das Gefühl der Grundtonart recht begründet.

Die Modulation ist etwas sehr Heiliges und nur dann an ihrem Platze, wenn sie den Ausdruck befördert und erhebt; ohne dieses aber eben so leicht störend.

Ihre Deklamation ist zuweilen sehr unsorgfältig und zerreisst oft den Zusammenhang des Sinnes.

Die Beweise dieses allen werden Sie in der Zergliederung des Einzelnen finden:

Nr. I ist recht schön gedacht und gefühlt. Tact 5 hätte ich a statt g getroffen, das g entrückt zu schnell dem A-dur – „ächte Minne zieht die Sinne schmerzend nach“, – gehört zusammen; bei Ihnen heisst es, – ächte Minne zieht die Sinne, – welches nicht nur durch die abgesetzten Noten der Singstimme, sondern noch mehr durch die schliessende Harmoniefortschreitung erzeugt wird.

So würde vielleicht geholfen sein.

"ächte Minne zieht die Sinne schmerzend sich nach"

Ebenso unrichtig

"Wollt der Schmerzen ihr o Herzen"

ist die Trennung des Wortes bei „Wollt der Schmerzen ihr o Herzen – gerne los und ledig sein;“ – sehr gut, aber hierauf ist das – „werft das Lieben“ etc. – Warum haben Sie nicht die ganze zweite Strophe so behandelt, wo dann das Wiederkehren der ersten Melodie in der dritten sehr richtig gewesen wäre, indem es zugleich den verwandten Sinn ausgesprochen hätte, dass seine Leiden des ächten Betrübens und Lebens, doch auch zugleich sein Weiden ist. Die Octaven des Basses mit der Oberstimme Tact 30-36 bemerke ich Ihnen blos.

Nr. II Sehr richtig der ruhig wogende heitre Charakter aufgefasst. Nach meinem Gefühl aber ist die Harmonieausführung von Tact 7-10 nach den Gesetzen der harmonischen Mode unrichtig. Tact 7 begründet das Gefühl in a dur, statt dass er uns wieder zurück nach d dur führen sollte, welches dann etwas gewaltsam Tact 9 geschieht. Diess wäre auch viel leichter geworden, wenn Tact 6 die Singstimme (selbst vermöge des Ruhepunktes in der Dichtung) in sich schlösse.

Nr. III Sollten Sie hier nicht die ersten Worte – „die Wahrheit ruht auf düstrem Grunde“ – verleitet haben, einen andern Sinn dem Ganzen unterzulegen, als den eigentlich darin lebenden?

Die Thräne wird ja hier als erquickende* Begleiterin des stummen Schmerzes, den sie sanft und wohlthuend löst – gezeigt. Ja, selbst der Freude wird sie zugetheilt und erscheint also nicht trübe, sondern als etwas weich und tief gefühltes. Die Deklamation ist unrichtig bei – „Spricht sie durch das Gefühl zu Dir“ – Die erste, zweite und dritte Strophe verlangten eine andre Deklamation des letzten Verses.

Nr. IV ist die sinnentstellende Trennung der Worte am grössten. Die Tactart zwar gut gewählt, aber Sie bewegen sich ängstlich und gezwungen darin. –

Z. B. Tact 8-9. Sie haben der letzten Strophe eine andere Endigung gegeben, warum nicht auch den übrigen?

Nr. V. Mein Liebling. Voll schöner Phantasiezüge und ungemein herzlich und innig.

Obwohl ich auch hier Manches zu erinnern hätte, z. B. dass ich C moll statt D dur Tact 10 wünschte u. s. w., so wäre es doch wirklich unrecht, bei etwas so Schönem die Kritik vorherrschen zu lassen. Besonders schön ist gedacht – „Worte nur Dich entweihen“ – in Beziehung auf – „mein Mädchen wurde mein“ – und vorzüglich schön auch – „helfet mir treu entflehn“ u. s. w. Nehmen Sie meinen Glückwunsch für dieses gelungene treffliche Stück.

Es ist schade, dass nach den ersten 4 schönen Tacten des Nr. VI Sie den ruhigen Gang durch die harte Modulation im schnellen Rückgang nach A dur stören.

Nr. VII sehr zart, herzig, und mir auch vorzüglich lieb. Die Octaven und Uncorrectheit in den letzten 3 Tacten wünschte ich weg.

Nr. VIII Schön gefühlt und gedacht.

Eine Anzahl Druckfehler werden Sie selbst schon bemerkt haben, und mir bleibt nun nichts mehr übrig, als Ihnen nochmals recht herzlich zu danken, und Sie zu bitten, in meiner vielleicht anscheinend zu strengen Kritik nur den Willen zu sehen, Ihnen wahrhaft nützlich zu sein und so das zu rechtfertigen, was Sie so schmeichelhaft mir schon zu danken zu haben glauben.

Geben Sie mir ferner Gelegenheit, Ihnen dies beweisen zu können und glauben Sie mich Ihren
aufrichtigen Freund
Carl Maria v. Weber.

Apparat

Zusammenfassung

ausführlicher Kommentar zu den Weber gewidmeten 8 Gesängen op. 7 von Wieck, in dem Weber seine eigenen Prinzipien bei der Liedkomposition darlegt.

Incipit

Empfangen Sie vor Allem meinen besten Dank für Ihre

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

Textzeuge

Verbleib unbekannt

Weitere Textquellen
  • A. von Meichsner: Friedrich Wieck und seine beiden Töchter Clara Schumann, geb. Wieck, und Marie Wieck. Biographische Notizen über dieselben nebst ungedruckten Briefen von H. v. Bülow, Czerny, Robert Schumann, Carl Maria von Weber usw. Ein Familiendenkmal, Leipzig: Heinrich Matthes, 1875, S. 15–21
  • tV: AMZ, Neue Folge, Jg. 11, Nr. 47 (22. November 1876), Sp. 745
  • KS 62, S. 175–178

Textkonstitution

    Einzelstellenerläuterung

    • "… Ihre schön gefühlten Gesänge ,": Acht Gesänge mit Begleitung des Pianoforte in Musik gesetzt und dem Baron Carl Maria von Weber gewidmet von Friedr. Wieck Op. 7. (Leipzig, Hofmeister)
    • "… wird ja hier als erquickende": im ED immer gesperrt statt (hier) kursiv

    XML

    XML Download

    Wenn Ihnen auf dieser Seite ein Fehler oder eine Ungenauigkeit aufgefallen ist,
    so bitten wir um eine kurze Nachricht an bugs [@] weber-gesamtausgabe.de.