Städtecharakteristik: Darmstadt

Korrespondenz-Nachrichten.

Es gibt gewiß wenige Fürsten, die mit so vieler Wärme die Kunst pflegen, als Se. Hoheit der Großherzog. Besonders in musikalischer Hinsicht, wo ihm als Kenner ein kompetentes Urtheil zusteht, ist seit ein Paar Jahren durch anhaltenden Eifer bedeutend viel geleistet worden; das Orchester zählt sehr brave Mitglieder (worunter der dirigirende Konzertmeister ¦ Mangold als achtungswerther Violinspieler besonders auszuzeichnen ist), und wird von einer Anzahl Liebhaber aus allen Ständen, von Se. Königl. Hoheit dazu aufgemuntert, fleißig unterstützt, – so wie ebenfalls, was den Gesang betrifft, außer ein Paar fürs Konzert engagirten Sängern, auch aus lauter Dilettanten ein sehr zahlreiches schönes Chor gebildet ist, das gewiß jedem Fremden beym ersten Anhören erfreulich imponirt.

Mit diesen vereinten Kräften wurden sonst wöchentlich 3 bis 4 sogenannte Konzert-Proben im Großherzogl. Schlosse veranstaltet, wo größere Musik-Stücke, als Opern, Oratorien, Kantaten etc. aufgeführt wurden, und wozu nur wenigen Zuhörern der Eintritt gestattet war. Der Großherzog wohnte selbst allen diesen Proben bey, und war, indem er in einer Partitur nachlas, aufs eifrigste für die Richtigkeit des Vortrags besorgt. Das Auffallendste war Ref. ein Piano, dergleichen er noch von keinem Orchester gehört zu haben sich erinnert, doch steht es auch manchmal, besonders nach Forte-Stellen, nicht an seinem Platze, weil die Mittel-Tinten verloren gehen, und es sich selbst seinen Eindruck schwächt. Auch vermißte Ref. ein kräftiges tönendes Forte, aus Mangel an guten Ton aus ihren Instrumenten ziehenden Geigern und Violoncellisten; wird diesem Mißstande abgeholfen, wie man es von den Einsichten Se. Hoheit erwarten kann, so darf sich das Darmstädter Orchester zu den besten Deutschlands zählen. Die ungemeine Herablassung und Artigkeit, die Se. Hoheit der Großherzog übrigens bey allen diesen Gelegenheiten beweist, muß Ihm gewiß die Liebe aller seiner Untergebenen erwerben.

Trotz aller dieser Aufmunterungen von Seiten des Regenten, ist doch nicht der eigentliche Musik-Sinn in Darmstadt zu finden, der sich in den kleinen häuslichen Zirkeln am lebhaftesten ausspricht, wo das Bedürfniß und der Drang zur Kunst die Menschen vereint, unter einander Quartette etc. zu veranstalten. Man sieht da die Musik gleichsam als eine Art von Dienstpflicht an, die man übt, um sich dem Herrn gefällig zu zeigen; und kaum ist die Probe vorbey, so ruht das Instrument bis zur nächsten.

Daß diese Kälte endlich schwinden, und allgemeiner die Liebe für das Schöne erwarmen möge, wünscht Ref. von Herzen, und hofft es auch nach und nach von dem wohlthätig wirkenden Einflusse des Theaters und der dadurch nothwendig größeren Anzahl von guten Künstlern, die Darmstadt bewohnen werden. Es ist zwar keine Kleinigkeit, ein neues Theater gut zu organisieren, und hier bedarf es vor allem eines thätigen, sachkundigen Direktors, aber der feste Wille Se. Hoheit des Groß-Herzogs, der dahin zu gehen scheint, eine wahrhaft gute Bühne zu besitzen, wird gewiß alle Schwierigkeiten besiegen.

An Hrn. Wohlbrück hat man eine interessante Acquisition gemacht, und von solchen einzelnen braven Künstlern kann man den vortheilhaftesten Einfluß auf die Bildung des Ganzen erwarten. Auch Mad. Schönberger entzückte in einigen Rollen das Publikum, und die Darstellungen der Entführung aus dem Serail, und der drey Sultaninnen, die Ref. zu sehen das Vergnügen hatte, waren wirklich schon recht gediegen und vielversprechend. Besonders sind die Chöre, die aus lauter der Kunst neugeworbenen Mädchen und Jünglingen bestehen, und deren Anzahl an die 50 ist, – unter der Leitung des braven Sängers Markwort, in der unglaublich kurzen Zeit von ein Paar Monaten so gereift, daß binnen Kurzem wenige Theater Deutschlands sich eines solchen Chores zu rühmen haben werden. Kurz, es fehlt durchaus an keinen Mitteln, einen schönen Zweck zu erreichen, und daß diese gehörig benutzt werden mögen, wünscht Ref. von Herzen, zur Freude des kunstliebenden Herrschers und zur Bildung des guten Geschmackes.

Apparat

Zusammenfassung

Weber lobt den kunstliebenden Großherzog und das passable Orchester; allerdings mangle es an musikalischer Begeisterung bei der allgemeinen Bevölkerung; benennt noch einzelne bedeutende Künstlerpersönlichkeiten wie Wohlbrück und Schönberger

Generalvermerk

Entstehung

Niederschrift vermutlich Februar 1811 (nach KS und Brief an G. Weber vom 27.2.); 20. April 1811 (laut TB Absendung an Cotta)

Verantwortlichkeiten

Überlieferung in 2 Textzeugen

  1. Morgenblatt für gebildete Stände, Jg. 5, Nr. 118 (17. Mai 1811), S. 472

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Kaiser (Schriften), S. 155–157 (nach ED, ergänzt durch ersten Absatz aus Entwurf) (Nr. 21)
  2. Entwurf: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Mus. ms. autogr. theor. C. M. v. Weber WFN 6, (IV) Bl. 34a/r – 34b/r oben

    Quellenbeschreibung

    • über dem Manuskript "Kunstzustand in Darmstadt". Incipit: Ich möchte hier wohl mit dem Hettmann in Benjowsky sprechen"; keine Datierung
    • auf Bl. 1r bis Bl. 2r oben eines DBl. (Format 33x20,3 cm, WZ: Lilienblüte, Gegenmarke: MH; Kettlinien ca. 2,6 cm, graues Papier); von Weber mit S. 39–41 paginiert; Vermerk Webers über ED im Autograph

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • HellS II, S. 65–68
    • MMW I, S. 243–245

Lesarten

  • Textzeuge 1: Korrespondenz-Nachrichten.
    Textzeuge 2: Kunstzustand in Darmstadt.
  • Textzeuge 1: Darmstadt, April.
    Textzeuge 2: Text nicht vorhanden.
  • Textzeuge 1: Text nicht vorhanden.
    Textzeuge 2: Ich möchte hier wohl mit dem Hettmann in Benjowsky sprechen, wenn ich sage, KunstZustand in Darmstadt, so verstehe ich darunter, daß die Kunst eigentlich gar keinen Zustand in Darmstadt hat, und so ist es auch leider bis jezt beynah gewesen, und würde es auch noch geblieben seyn, wenn nicht die Gründung des neuen Hoftheaters eine günstige Revolution hervorzubringen verspräche.
  • Textzeuge 1: Wärme
    Textzeuge 2: Liebe und Wärme
  • Textzeuge 1: pflegen
    Textzeuge 2: pflegten
  • Textzeuge 1: Text nicht vorhanden.
    Textzeuge 2: Großherzogliche
  • Textzeuge 1: Se. Königl. Hoheit
    Textzeuge 2: S. H:
  • Textzeuge 1: so wie ebenfalls,
    Textzeuge 2: Text nicht vorhanden.
  • Textzeuge 1: Text nicht vorhanden.
    Textzeuge 2: so ist
  • Textzeuge 1: ist
    Textzeuge 2: Text nicht vorhanden.
  • Textzeuge 1: erfreulich imponirt
    Textzeuge 2: imponiren wird
  • Textzeuge 1: Mit diesen vereinten Kräften wurden sonst wöchentlich 3 bis 4 sogenannte Konzert-Proben im Großherzogl. Schlosse
    Textzeuge 2: Von diesem wurden sonst vereint alle Wochen 3 bis 4 sogenannte Concert Proben
  • Textzeuge 1: Opern, Oratorien, Kantaten etc. aufgeführt
    Textzeuge 2: die Macht der Töne von Winter, der Tod Jesu von Graun, und auch Opern ausgeführt
  • Textzeuge 1: war.
    Textzeuge 2: wurde, eigentliche öffentliche Concerte hatten schon seit langer Zeit nicht Statt, daher ich auch oft an andern Orten scherzweise hörte, in Darmstadt sey eine ewige Probe ohne Aufführung.
  • Textzeuge 1: Der Großherzog wohnte selbst
    Textzeuge 2: S: H. der Großh: wohnten
  • Textzeuge 1: war, indem er in einer Partitur nachlas, aufs eifrigste für die Richtigkeit des Vortrags besorgt
    Textzeuge 2: indem Er in einer Partitur nachliest, ist er selbst aufs eifrigste besorgt daß der Vortrag präzis und mit Licht und Schatten ausgeführt wurde. Die ungemeine Herablaßung und Artigkeit die er dabey beweißt, muß ihm gewiß die Liebe aller seiner Untergebenen erwerben
  • Textzeuge 1: dergleichen er noch von keinem Orchester gehört zu haben sich erinnert, doch steht es auch
    Textzeuge 2: deßen er sich noch nie erinnert von einem Orchester gehört zu haben es ist wirklich
  • Textzeuge 1: nicht
    Textzeuge 2: a né plus l’entendre und deßwegen wohl auch nicht immer
  • Textzeuge 1: Text nicht vorhanden.
    Textzeuge 2: was das Frankfurter Orchester so sehr troz seiner viel geringern Anzahl erhebt.
  • Textzeuge 1: wird
    Textzeuge 2: würde
  • Textzeuge 1: Text nicht vorhanden.
    Textzeuge 2: sich
  • Textzeuge 1: darf
    Textzeuge 2: könnte
  • Textzeuge 1: besten
    Textzeuge 2: ersten
  • Textzeuge 1: Die ungemeine Herablassung und Artigkeit, die Se. Hoheit der Großherzog übrigens bey allen diesen Gelegenheiten beweist, muß Ihm gewiß die Liebe aller seiner Untergebenen erwerben.
    Textzeuge 2: Text nicht vorhanden.
  • Textzeuge 1: Text nicht vorhanden.
    Textzeuge 2: troz aller guten Beispiele
  • Textzeuge 1: häuslichen Zirkeln am lebhaftesten
    Textzeuge 2: Circeln
  • Textzeuge 1: einander
    Textzeuge 2: sich Musiker, als
  • Textzeuge 1: Man sieht da die Musik
    Textzeuge 2: Nein, man sieht die Musik
  • Textzeuge 1: Text nicht vorhanden.
    Textzeuge 2: unberührt
  • Textzeuge 1: nach und nach von dem
    Textzeuge 2: von dem nach und nach
  • Textzeuge 1: neues Theater gut
    Textzeuge 2: ein gutes Theater
  • Textzeuge 1: bedarf es vor allem eines thätigen, sachkundigen Direktors
    Textzeuge 2: scheint es vor allem an einem thätigen Sachkundigen Direktor zu fehlen
  • Textzeuge 1: Bühne
    Textzeuge 2: Schaubühne
  • Textzeuge 1: man
    Textzeuge 2: die Bühne seit kurzem
  • Textzeuge 1: Auch
    Textzeuge 2: Text nicht vorhanden.
  • Textzeuge 1: Text nicht vorhanden.
    Textzeuge 2: auch
  • Textzeuge 1: Text nicht vorhanden.
    Textzeuge 2: von
  • Textzeuge 1: schon recht gediegen und vielversprechend
    Textzeuge 2: sehr gediegen und ungemein vielversprechend
  • Textzeuge 1: der Kunst neugeworbenen
    Textzeuge 2: neu der Kunst geworbenen
  • Textzeuge 1: wenige
    Textzeuge 2: kein
  • Textzeuge 1: zu rühmen haben werden
    Textzeuge 2: wird zu rühmen haben
  • Textzeuge 1: Kurz, es fehlt durchaus an keinen Mitteln, einen schönen Zweck zu erreichen, und daß diese gehörig benutzt werden mögen, wünscht Ref. von Herzen, zur Freude des kunstliebenden Herrschers und zur Bildung des guten Geschmackes.
    Textzeuge 2: Text nicht vorhanden.

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