Projekt: Noth- und Hülfsbüchlein für reisende Tonkünstler

Vorarbeiten

Der eigentlichen Idee zu dem von Carl Maria von Weber konzipierten, letztendlich aber niemals realisierten, Buch-Projekt einer „musikalischen Topographie“ gingen inhaltlich Vorarbeiten zum kulturellen Leben einzelner Städte voraus, die Weber in Form von Aufsätzen in Zeitschriften, teilweise auch anonym, teilweise unter seinem Pseudonym Melos veröffentlichte. Die beiden Berichte über Stuttgart (Dezember 1809, am 20. 12. an die Zeitung für die elegante Welt geschickt) und Mannheim (11. oder 12. Juni 1810) sind wohl als Vorstufe zu den Städtebildern zu werten; der Bericht über Stuttgart mit dem Titel „Ansicht des gegenwärtigen Zustandes der Kunst und Literatur in Stuttgart“ führt zahlreiche Personen aus dem Kulturleben auf (nicht nur Musik, sondern Kunst, Literatur usw.); der Bericht über Mannheim widmet sich vordergründig einem Konzertbesuch Webers mit Kompositionen Gänsbachers.

Städtecharakteristik/Städtebilder

Die Anregung zu den sogenannten „Städtebildern“ bekam Weber höchstwahrscheinlich durch den Verleger Johann Friedrich Cotta, der auch Tonkünstlers LebenT publizieren wollte1, wie dem Brief Webers an Gänsbacher vom 24. September 1810 zu entnehmen ist: „[...] am angenehmsten aber war es mir, daß ich meinen Freund Cotta den bekannten großen Buchhändler aus Tübingen antraf, der mich bat etwas über Baaden fürs Morgenblatt zu schreiben /:, welches ich unter der Firma des H: Melos that, :/ und dem ich mein Künstlerleben zum Verlag antrug. Er nahm es zu meiner großen Freude an, und es soll zu künftiger Oster Meße mit einigen Kupfern erscheinen. Sein Verlag hat einen so ausgezeichneten Litterarischen Ruf, daß dadurch allein schon das Glük und der Werth meiner Arbeit in den Augen der Welt halb entschieden ist.“

Die drei Städte, zu denen Weber Charakteristiken schrieb, waren ihm sehr gut bekannte Orte; in Mannheim und Darmstadt hielt er sich in den Jahren 1810 und 1811 mehrere Male auf, in Baden-Baden für einen reichlichen Monat im Sommer 1810. So bleiben die Ausführungen über Baden-Baden (1. August 1810 für Cotta geschrieben) ein sehr allgemein gehaltener Bericht über das Kurbad; Weber geht auf das Kasino, die Denglersche Schauspielergesellschaft und auf den Badischen Hof (Hotel) ein. In den „Notizen über Mannheim“ (Darmstadt, 26. Januar 1811) – nicht zu verwechseln mit dem vorher erwähnten Bericht über Mannheim – geht Weber jedoch explizit auf seine Beweggründe zur Verfassung dieser „Notizen“ ein, die bereits eine Nähe zu den Absichten des späteren Hilfsbüchleins erkennen lassen. Anstoß für die „Städtebilder“ gab offenbar das enttäuschende Erlebnis in Mannheim, welches Weber nun in seinen Ausführungen über diese Stadt „dem größeren Publikum zur Beurteilung und andern Künstlern zur Warnung“ schildert. Dieses Erlebnis reflektiert der zu Recht frustrierte Weber auch im Brief an Gänsbacher vom 13. Januar 1811: „d: 23t gieng ich zurük nach Mannheim, und wurde da so bombardirt noch ein Concert zu geben, daß ich [mich] endlich dazu entschloß, ich bat die Musiker und [vielmehr: um] ihre Mitwirkung, alle versprachen es, und ich kündigte nun mein Concert an, hatte eine herrliche Subscription und allen Anschein zu einer guten Einnahme war vorhanden, als auf einmal das Orchester sich anderst besann [...] und mir schrifftlich erklärte, so lange Ihre Concerte dauerten, hätten sie ein Gesez welches Ihnen verböte einen Fremden Künstler zu unterstüzzen. ich nicht faul, ließ daß in die Zeitung sezzen auf eine freie Art, daß die Herrn ihr Wort zurük genommen h[ätten], welches viel Aufsehen, machte, aber was half es mich, ich war um schöne Einnahme geprellt. ein paar Tage darauf kommen die H: Kreuzer und Leppich mit Ihrem Panmelodion und siehe da, die geben Concert, daß ich dazu nicht still schweigen werde, kannst du denken, und da giebts es vielleicht eine kleine Fehde.“2 Bei dem Artikel über Darmstadt (Februar 1811) handelt es sich um einen wieder sehr allgemein gehaltenen Bericht über die Stadt; Orchester und Chor werden lobend erwähnt, weiterhin hebt Weber das Engagement des Großherzogs Ludewig I. von Hessen, (1753–1830) für Konzert und Theater, hervor. Bezug darauf nehmen Briefe an Gottfried Weber vom 27. Februar 1811 und vom 30. April 1811. So sind denn die drei „Städtecharakteristiken“ eher als singuläre Reflexionen von Erlebnissen und Eindrücken des Komponisten an ausgewählten Kunststätten zu betrachten, und noch nicht dem später gefassten, freilich auch aus einer biographischen Notwendigkeit heraus entstandenen, konzeptionellen Plan einer „musikalischen Topographie“ zuzuordnen. Im Falle von Mannheim stellt Kaiser in seiner Schriftenausgabe, S. 21 durch die Überschrift „Notizen über Mannheim / Beitrag zur musikalischen Topographie“ diesen Zusammenhang her.

Überlieferte Dokumente zur Topographie

Es ist mehr als folgerichtig, dass die Entstehung dieses Projektes in der Lebensphase Webers anzusiedeln ist, in der er vorrangig als „reisender Virtuose“ seinen Unterhalt erwirtschaften musste, d. h. als Pianist durch die Lande zog. Diverse Auftritte dieser Art sind bereits in der Breslauer Zeit (1804–1806) sowie auf der Reise von Schlesien nach Württemberg 1807 nachweisbar; den Höhepunkt der Konzerttätigkeit bildeten jedoch die Reisejahre zwischen März 1810 und April 1813, als Weber als Solist durch Süddeutschland und die Schweiz bzw. ab Dezember 1811 gemeinsam mit dem Klarinettisten Heinrich Baermann nach Prag, durch Mitteldeutschland nach Berlin und schließlich nach Wien reiste. Außerdem ist es wohl nicht zufällig, dass Webers Idee zum Noth- und Hülfsbüchlein zeitlich mit seiner aktiven Beteiligung am sogenannten „Harmonischen Verein“ zusammenfällt, einer Vereinigung der befreundeten Künstler Carl Maria von Weber, Johann Gänsbacher, Giacomo Meyerbeer, Gottfried Weber und Alexander von Dusch, die es sich zum Ziel gesetzt hatte „zum Besten der Kunst sich gegenseitig thätig unterstützend, handeln und wirken“ zu können. Die sich selbst als Mitbrüder bzw. „Confrater“ bezeichnenden Mitglieder des im Herbst 1810 gegründeten Vereins hatten es sich zuallererst zur Aufgabe gemacht, „das Gute [in der Kunst] zu erheben und hervorzuziehen“, gleichzeitig vor „schlechten Produkten [...], die oft nur durch Autoritäten und elende Rezensionen gehoben werden [...] zu warnen“ und einhergehend damit für „die Verbreitung und Würdigung der Arbeiten der Brüder“ Sorge zu tragen, d. h. vor allem die kompositorischen und literarischen Werke gegenseitig zu rezensieren und somit publik zu machen3.

Im September/Oktober 1811 befand sich Weber auf einer Konzertreise durch die Schweiz, die ihn erneut mit der Frustration nicht zustandekommender Konzerte konfrontierte und die Notwendigkeit einer Art Nachschlagewerkes für reisende Musiker offenbar werden ließ. Im Tagebuch unter dem 2. September 1811 in Zürich ist zu lesen: „Erste Idee gefaßt zu dem Noth und Hülfsbüchlein für reisende Tonkünstler“, später dann im Plan (Ideen zu einer musikalischen Topographie Deutschlands als Versuch eines Beitrages zur Zeitgeschichte der Kunst, und zunächst als ein Hilfsbuch für reisende Musikfreunde) ausformuliert4. Zu dem signifikanten Titel angeregt haben dürften Weber bereits existierende Führer dieser Art, z. B. von Rudolph Zacharias Becker, Noth- und Hülfs-Büchlein für Bauerleute, Gotha und Leipzig 1788 oder Gottlob Meyer, Der Passagier zu Pferde, ein Noth- und Hülfsbüchlein für Reisende, um ihre Pferde gesund zu erhalten, sich vor Schaden zu hüten und jeder Gefahr auszubeugen, Erfurt 18051. Inhaltlich mögen diese Werke wenig zusätzliche Anregungen geboten haben, da sie in ihrer jeweiligen Thematik völlig andere Lebensbereiche streifen, allerdings lassen beide Führer ein gewisses Bedürfnis nach Systematik und Struktur erkennen, die es dem Benutzer ermöglichen, das Büchlein nach bestimmten Schlagworten abzusuchen, die sein spezielles Problem behandeln, ohne das komplette Buch lesen zu müssen – sozusagen eine Art Lexikon-Qualität, die Weber auch bei der Anlage seines Planes vorschwebte, da er diesen bewusst nicht wie die bis dato entstandenen „Städtebilder“ in Prosa, sondern in tabellarischer Form anlegte.

Einzelne Briefe an seine Mitstreiter des „Harmonischen Vereins“ vom Spätsommer 1811 geben Auskunft über Webers gedankliche Vorarbeit zum „Noth- und Hilfsbüchlein“, weil er in ihnen nachvollziehbar darstellt, was ihn innerlich zu diesem Projekt antrieb; so z. B. der Brief an Gottfried Weber vom 14./15. September 1811. Konkrete Vorstellungen von der Realisierbarkeit eines solchen Kompendiums werden dann eine Woche darauf im Brief an Gänsbacher vom 22. September 1811 präzisiert: „ich habe in Zürch die Idee gefaßt, ein Noth und Hülfsbüchlein für Reisende Tonkünstler zu schreiben, welches zugleich ein Beytrag zur KunstGeschichte der Zeit werden soll. der Plan ist im ganzen genommen der, durch dieses Buch, den Reisenden im Voraus in Stand zu sezzen, ganz genau alle Musikalischen Verhältniße einer Stadt zu kennen, zu wißen an wen er sich zu wenden habe pp kurz ihm alle die 1000 schwer zu erfahrenden Geld und Zeit raubenden HülfsMittel sogleich klar, vorzulegen. das Buch soll vorderhand, Deutschland im weiteren Sinn des Wortes [meint die deutschsprachigen Länder] umfaßen, und von jedem Land, schikke ich einen allgemeinen Ueberblik des KunstZustandes in demselben voraus, und dann eben so von jeder Stadt. [...] Ich habe auch schon einen Verleger dazu, die berühmte Orell und Füßlische Buchhandlung in Zürch.“

Seine Überlegungen ergänzte Weber durch einen systematisch strukturierten „Fragekatalog“ (am Ende des Briefes), basierend auf dem vorher entworfenen Plan, der als quasi Muster Punkt für Punkt von seinen Mitbrüdern abgearbeitet werden kann. Der Plan als unausgefülltes Muster ist handschriftlich im Entwurf erhalten sowie durch die Veröffentlichungen von Theodor Hell und Max Maria von Weber überliefert; vgl. Weber-Schriften. In beiden Publikationen findet sich eine dem Entwurf ähnliche, jedoch etwas abgewandelte Struktur gegenüber der Form in Webers Brief an Gänsbacher. Die hier aufgeführten Punkte in der rechten Spalte erscheinen im Brief an Gänsbacher als Punkte (I–IV), in den Publikationen mit Buchstaben (A–D) geordnet; die im Brief als Fragekatalog angegebenen Punkte entsprechen im Wesentlichen dem Inhalt der rechten Spalte in Webers Plan-Entwurf, außer Punkt D bzw. IV, der im Schema des Briefes auffällig gekürzt wurde. Aus dem Entwurf ist zudem zu entnehmen, dass Weber den geographischen Umfang des Projektes weitersteckte als im Brief und hier „nicht deutschsprachige“ Länder mit einschloss.

Ausgearbeitete Beispiele dieses Fragekataloges sind nur mittels zweier Dokumente überliefert: die von Weber vermutlich selbst hergestellte Aufschlüsselung zu Basel (Schloss Wolfsberg bei Konstanz, 17. Oktober 1811) – Weber weilte vom 5. bis 14. Oktober in dieser Stadt – und das Schriftstück zu Sachsen und Dresden, welches vermutlich im Februar 1812 anlässlich von Webers Aufenthalt in Dresden während der Konzertreise mit Baermann vom 5. bis 19. Februar 1812 entstand. Aus Briefen an Gänsbacher ist zu erschließen, dass auch bereits eine Version über Wien existiert haben muss, die aber verschollen ist, vgl. Schreiben vom 28. Januar 1812 sowie vom 16. Mai 1812. Anhand der Aufschlüsselung von Basel ist zu ersehen, wie detailliert Weber die Informationen über die Zustände der Orte zu geben gedachte, wobei sich die Ausführungen sehr genau an dem im Plan vorgebenen Schema orientieren. Unter A.1–3 werden die Verantwortlichen vor Ort genannt, die für die Konzertdurchführung und Genehmigung zuständig sind, die Namen der Zeitungen, die Werbung machen, welche Personen geladen werden sollten usw. Dabei unterscheidet Weber die Konzertgeber in drei unterschiedliche Klassen a) die mittellosen Künstler, b) Künstler, die nicht lange bleiben können und c) bekannte Künstler, die schon einen Ruf haben. Es folgt unter B.1–5 eine genaue Bestandsaufnahme des Orchesters, Uhrzeiten zum Konzertbeginn, wichtige Namen der Direktion, Empfehlungen zur Programmgestaltung (wie viele Musikstücke aufgeführt werden sollten). Im Punkt C.1–7 nennt er die bevorzugten Jahreszeiten, Monate und Tage für Konzerte sowie die zu erwartenden Einnahmen bzw. Billetpreise, Angaben zur einzuplanenden Vorbereitungszeit der Konzerte. Obwohl Punkt D bei dem Unterpunkt 3. zu den Instrumentenmachern abbricht, geht Weber unter 2. sehr ausführlich auf eine bestimmte musikalische Konzerttradition des Ortes ein, ein öffentliches Konzert an jedem Sonntag im Winter zu veranstalten, und die dazugehhörigen Abonnementpreise und -bedingungen. Der Bericht über Sachsen und Dresden wirkt dagegen weniger strukturiert und etwas unübersichtlich. Es findet sich weder eine Einteilung in Buchstaben noch Ziffern, die Daten sind auf den zwei Blättern jeweils zweispaltig, sehr stichpunktartig und schlecht lesbar hingeworfen. Nach einem kurzen Abriss über die musikalischen „Epochen“ von Sachsen erläutert Weber unter vier jeweils in der linken Spalte platzierten Stichworten „Erlaubniß“, „Locale“, „Bekanntmachung“ und „Kapelle“ die für Dresden wesentlichen Personen und Institutionen sowie deren Bedingungen und Besonderheiten. Den Abschluss der Ausführungen bilden kurze Anmerkungen zur lokal vorherrschenden beliebten bzw. gewöhnlichen Programmgestaltung. Obwohl ein Direktvergleich durch das Nichtvorhandensein des Baseler Autographs nur bedingt möglich erscheint, läßt die Anlage der Dresdner Notizen gegenüber dem in Sätzen ausformulierten Bericht über Basel den Schluss zu, dass es sich bei ersterem um einen Entwurf handeln muss, den Weber sicherlich später zu überarbeiten gedachte, was aber vermutlich niemals in die Tat umgesetzt wurde.

Ein weiteres im Original überliefertes Dokument, welches unmittelbar mit dem Noth- und Hülfsbüchlein-Projekt in Verbindung steht und dessen viertes Teilstück neben dem Plan sowie den Berichten über Basel und Dresden bildet, ist ein im Katalog der Webersammlung von Friedrich Wilhelm Jähns unter der Rubrik „Reisen Weber’s betreffend“ als Nr. 1 aufgeführtes „Städte-Verzeichniß für reisende Tonkünstler“, über dessen „wundersame Auffindung“ in Weberiana 16 (2006), S. 63–68 berichtet wurde. Es handelt sich dabei um ein nur einseitig beschriebenes Blättchen in Oktavformat, von Jähns mit „(Zürich.) (1811.) (Sept. Oct.)“ datiert, auf dem Weber im oberen Teil 80 geographisch geordnete Ortsnamen, im unteren Teil 47 alphabetisch geordnete Ortsnamen notierte. Die im unteren Teil erscheinenden, allerdings bei Buchstabe L abbrechenden Namen wurden oben überwiegend gestrichen. Es zeigt vor allem, dass Weber in diesem frühen Stadium seiner Arbeit am ‚Notbüchlein‘ bereits recht genaue Vorstellungen besaß, welche Städte und Orte aufgenommen werden sollten. Diese Ortsnamen repräsentieren zum einen seine eigene vergangene Reise-Biographie, handelt es sich zum Großteil doch um Orte, die er selbst bewohnte bzw. bereiste, zum anderen konkretisieren die zahlreich vertretenen Schweizer Städte das zum Zeitpunkt der Entstehung der Liste im September/Oktober 1811 erschlossene neue Reisegebiet, dessen Besuch Weber, wie schon erwähnt, maßgeblich zu seinem Hilfsbüchlein-Projekt anregte. Über einige Orte, die er selbst noch nicht oder nur flüchtig kannte, hoffte Weber vermutlich durch seine Freunde aus dem Harmonischen Verein oder andere Gewährsleute Auskunft zu erhalten, so z. B. über Innsbruck wiederum von Johann Gänsbacher und über Würzburg von dem dortigen Musikdirektor Franz Josef Fröhlich. Leider lässt das „Städteverzeichnis“ auch Fragen offen: es wirkt unvollständig, obwohl auszuschließen ist, dass sich die Wiederholung der Ortsnamen in alphabetischer Reihefolge auf einer zweiten Seite mit Buchstabe M–Z fortsetzte, in diesem Falle müssten die entsprechenden Durchstreichungen in der geographischen Liste vorhanden sein. Weber konnte vermutlich bei Buchstabe L die weiteren Namen überblicken und ersparte sich deren doppelte Notierung. Rätselhaft ist außerdem „daß auch Städte aufgeführt sind, bei denen heute kaum noch auszumachen ist, was Künstler damals dorthin gezogen haben könnte, wie z. B. Oederan, eine kleine Poststation auf der Route ChemnitzFreibergDresden, die Weber aus seiner Freiberger Zeit (1800/01) bekannt war.

Schlussbemerkung

Im Gegensatz zu den zahlreichen Reisebeschreibungen der Bildungsreisenden der damaligen Zeit, die individuelle Eindrücke in literarischer Form schildern sowie den aus dem antiken Griechenland von Perigeten (Fremdenführern) verfassten zeitlosen Reisehandbüchern, in denen die Besonderheiten, vor allem die Bau- und Kunstdenkmäler einzelner Städte und Landschaften aufgezählt und beschrieben wurden, zeichnet sich Webers Projekt dadurch aus, dass es dem reisenden Musiker als zeitgemäßes Nachschlagewerk dienen sollte, was auf ein grundlegendes Problem der Reiseführer verweist: die Notwendigkeit der stetigen Aktualisierung der Informationen. Jaisers Resümee (S. 37), dass bei aller Nützlichkeit eines solchen Werkes, die Arbeit am Not- und Hülfsbüchlein „in den Anfängen stecken blieb“, weil sie „weder die Befriedigung literarischer Ambitionen noch die Auseinandersetzung mit künstlerischen Fragen überhaupt“ ermöglichte, „vor allem keine Verbesserung der örtlichen Zustände“ vollbrachte, erscheint plausibel, aber wahrscheinlich zu überinterpretiert. Vielmehr müssen Webers sich verändernde Lebensbedingungen als Grund für die Vernachlässigung des Vorhabens gesehen werden. Zu bedenken ist dabei freilich, dass Webers zahlreiche Konzertreisen 1811/12 hauptsächlich dem Ziel dienten, eine neue dauerhafte, ihn ernährende Beschäftigung zu finden, welche auch nicht lange auf sich warten ließ: die auf Betreiben des Prager Intendanten Johann Karl Liebich erfolgte Anstellung als Kapellmeister des Ständetheaters, die per Kontrakt vom 8. Februar 1813 wirksam wurde. Das Noth- und Hülsbüchlein-Projekt fand also keine Fortsetzung oder Vollendung, weil durch die (wenn auch nur vorübergehende Sesshaftigkeit, die sich dann in der weiteren Anstellung in Dresden fortsetzte) eigentlich keine rein subjektive Notwendigkeit mehr für ein Kompendium solcher Art bestand.

Literatur

  • Georg Kaiser, Sämtliche Schriften von Carl Maria von Weber, Berlin und Leipzig 1908, S. 15f.
  • Gerhard Jaiser, Carl Maria von Weber als Schriftsteller. Mit einer in Zusammenarbeit mit der Weber-Gesamtausgabe erarbeiteten quellenkritischen Neuausgabe der Romanfragmente Tonkünstlers Leben, Mainz u.a. 2001 (= Weber-Studien, Bd. 6)
  • Solveig Schreiter, Dornröschen in der falschen Hecke. Neues über Webers musikalischen Baedeker mit Veröffentlichung einer Vorarbeit zum Noth- und Hilfsbüchlein für reisende Tonkünstler, in: Weberiana 16 (2006), S. 63–68
  • Solveig Schreiter, Carl Maria von Webers Plan eines „musikalischen Baedeker“ als Dokument des öffentlichen Konzertwesens, in: Weber-Studien, Bd. 9; Mainz 2014, S. 45–66.

Einzelnachweise

  1. 1Vgl. Gerhard Jaiser, Carl Maria von Weber als Schriftsteller. Mit einer in Zusammenarbeit mit der Weber-Gesamtausgabe erarbeiteten quellenkritischen Neuausgabe der Romanfragmente Tonkünstlers Leben, Mainz u.a. 2001 (= Weber-Studien, Bd. 6), S. 35ff. Einen Überblick über Webers schriftstellerische Tätigkeit gab auch schon Georg Kaiser in seiner Diss. Beiträge zu einer Charakteristik Carl Maria von Webers als Musikschriftsteller, Berlin und Leipzig 1910.
  2. 2Vgl. auch Till Gerrit Waidelich, „Ich will es nicht, wie weiland Carl Maria, machen“, Conradin Kreutzer, Weber, Meyerbeer und Friedrich Kind, in: Weberiana 21 (2011), S. 61f.
  3. 3Zitate nach Die Schriften des Harmonischen Vereins, Teil 1 1810–1812, Texte von Alexander von Dusch, Johann Gänsbacher, Giacomo Meyerbeer und Gottfried Weber, hg. von Oliver Huck und Joachim Veit, (Weber-Studien, Bd. 4) Mainz 1998, S. 5.
  4. 4Weitere TB-Einträge unter 4. September: „früh den Plan zum Noth und H: B: entworfen.“ und 5. September: „Abends mit Füßli noch gesprochen wegen dem Noth und HilfsB: er bot 1 Car: per Bogen.“ Die in Kaiser (Schriften), S. LIII ebenfalls genannte Datierung „Jegisdorf(sic!) bei Bern, den 24. September 1811“ kann durch das TB nicht belegt werden.

XML

Wenn Ihnen auf dieser Seite ein Fehler oder eine Ungenauigkeit aufgefallen ist,
so bitten wir um eine kurze Nachricht an bugs [@] weber-gesamtausgabe.de.