Carl Maria von Weber an Hinrich Lichtenstein in Berlin
Gotha, Samstag, 12. September 1812

Absolute Chronologie

Vorausgehend

Folgend

Korrespondenzstelle

Vorausgehend

Folgend

Gott zum Gruß! und trauter Handschlag zuvor.

Es ist mir wie ein Traum daß ich Berlin und alles das verlaßen habe was mir so lieb und theuer geworden ist. Ich kann mich noch immer gar nicht überzeugen daß es für eine lange lange Zeit ist, daß ich mich von euch trennte, ich glaube auf einer Spazierfahrt zu seyn wo ich dann beym nach Hause kommen desto mehr würde zu erzählen haben. der Himmel erhalte mir noch lange diesen glüklichen Wahn, der mir erlaubt mit mehr Frohsinn an euch zu denken als es wohl sonst geschehen würde. Bis jezt hat auch noch kein widriger Zufall meine Ruhe gestört, und fast fange ich an zu fürchten, – da es mir seit geraumer Zeit wirklich zu gut geht, – es möchten derbe Gewitterstürme auf mich warten.

Nun! in Gottes Nahmen. ich habe schon manchen derben ausgehalten, bin schon durch und durch genezt und in scharfen Wäßern gebadet worden, es hat mir nichts geschadet, mich nicht gebeugt, und hätte es auch eine kleine Erkältung zur Folge gehabt, so braucht es wahrlich nur eines Anstoßes wie meinen Berliner Aufenthalt, und mein Glaube an gute Menschen, den ich so gerne festhalte, bekomt neue Stüzzen, und mit ihm neue Blüthen die Hoffnung meines Lebens. Ich kann es wohl sagen daß du mir vor vielen Lieb geworden bist. Wir haben nicht viel zusammen verkehrt, und doch glaube ich wir haben uns verstanden. Auch du bist nicht blos in der Vaterstadt von gewöhnlichen Basen und Tanten Zufällen, gerüttelt worden, und nur im großen Strudel lernt man sich selbst finden, und freudig reicht man dann dem die Hand den das Schiksal auch mit in den Pfuhl warf, und der Kraft genug hatte nicht drin zu erstikken. – ich habe dir im Geiste schon lange, so freundlich die Hand entgegen gestrekt, laß mir die schöne Hoffnung daß du Sie mit eben der Wärme ergreiffen und fest halten wollest als ich sie darreiche.

Ganz unwillkührlich bin ich ernster geworden als ich wollte. ich muß mich davor hüten denn es verstimmt mich sehr und hier habe ich keinen anderen Stimmer als mein eigenes Gemüth. also zu etwas anderem.

Emilie Gabain habe ich deinen Brief gegeben, die Zeit meines Aufenthaltes war aber zu kurz als daß ich dem ganzen Hause hätte etwas näher kommen können als ein gewöhnlicher Bekannter, du weißt das geht bey uns so schnell nicht. ich habe deinen Abschiedsspruch, dem Redakteur der Eleganten Zeitung lesen laßen. Sie wünschen ihn in Ihrem Blatte abzudruken. würdest du es wohl erlauben? So schreibe mir es bald daß ich eine Abschrift nach Leipzig schikke, und ob du deinen Nahmen darunter sezzen willst oder nicht. ich glaube ja. Wenn du es zufrieden bist, machst du mancher guten Seele eine herzliche Freude damit.

Ich bin vom Herzog äußerst gütig aufgenommen worden, und man sorgt mit einer Aufmerksamkeit für alle die kleinsten Bedürfniße, die mir Freude macht. Er verreißt Heute auf 7 Tage, und da habe ich viele Zeit zum Arbeiten die ich mit Gottes Hülfe tüchtig benuzzen will. ich habe viel, sehr viel zu thun. die Ruhe die an Todtenstille gränzt, ist mir wohlthätig und Nothwendig, hat man sich die ersten paar Tage an den Schreibtisch gezwungen geht es die übrigen von selbst.

Beyliegendes Bulletin bringe an die Behörden, ich dachte mich recht in Eure Mitte wie ich es schrieb, und ist es Allen eine fröhliche Errinnerung an den Entfernten, so ist mein Zwek erreicht.

Schreibe mir, wenn du Zeit und Lust hast; und sieh meine Briefe nicht als Wechsel an die du durch schuldige Antwort zu honoriren brauchst. Freunde müßen sich frey bewegen können, und die Freundschaft muß ihnen durch Formen keine Feßeln aufzwingen. auch wenn du mir ein Jahr nicht schreibst, würde ich an dich glauben.

Grüße besonders Amalie Sebald und alles in Pankow herzlichst von mir. an Flemming und Koch schrieb ich von Leipzig aus. Lebe wohl und behalte lieb deinen Weber.

|

Erstes Bulletin.

Völker! Baschkiren!!! *

Des Himmels Seegen, schwebte über meinen Sizzen, – leitete die Zügel der muthigen PostKlepper, und schwächte den berauschenden Schnapps der PostKnechte*, – damit unaufhaltsam ich dem großen Ziele – dem Hotel de Baviere – entgegen eilte.

Noch waren nicht zwey volle Tage verfloßen, schon hatte ich viermal so viele Mahlzeiten überwunden, und ihr staunt mit Recht die raschen Schritte des Schiksals an.

Mein erstes Geschäft d: 2t Sept: in Leipzig* war, einen alten Feind, den Musikverleger Kühnel, in seinem Lager hinter den bekannten Verschanzungen der schlechten Zeiten und des geringen Absazzes, anzugreiffen. Mein bloses Erscheinen bewog ihn sie zu verlaßen und gutwillig* den Artillerie Park, der Overture, der Beherrscher der Geister, – ein noch zu errichtendes ClavierConcert, – ein leichtes Battaillon eben mobil zu machender Variationen, von Joseph angeführt, – und ein Concertino für Clarinette, in seine Staaten aufzunehmen* und zu verlegen. Nach diesem leichten* Sieg besuchte ich den verbündeten Baschkiren Freund Gabain, und überlieferte deßen Tochter die anvertrauten Afrikanischen Depeschen; nahm d: 4t bey ihm ein fröhliches Mahl ein, und sezte darauf meinen Zug* nach Weimar weiter fort.*

Die Großfürstin verlangte mit Ungeduld die Auslieferung einer gewißen berüchtigten Sonate, die ich so eben zusenden werde* und nach meinem Gothaschen Aufenthalt Höchstselbst vordresche*.

Den 6t langte ich in Gotha an, und erlaubte dem Herzog mich gütigst zu empfangen. Reißte den 8t mit ihm nach Reinhartsbrunn zur Revue meiner Truppen, und erhielt da das schönste Terrain, meine Lungenflügel und Hände vom frühen Morgen bis späten Abend im Feuer manövriren zu laßen. d: 10t kam ich wieder zurük und eilte nun meinen lieben Getreuen alle diese höchst merkwürdige Dinge kund und zu wißen zu thun.

Mit gerechtem Unwillen muß ich aber sagen, daß Ihr in Eurer Mitte ein Subject beherbergt welches durch eine vorsäzliche Zurükbehaltung* meinen ganzen Zorn auf sich geladen hat. Ich habe zu seiner HabhaftWerdung nachstehenden Stekbrief ausfertigen laßen, und indem ich Euch deßen Verbreitung schärfstens befehle, seegne ich alle Baschkiren und deren Anhänger aufs Feyerlichste und erwarte mit Sehnsucht einen genauen Rapport Ihres Thuns und Treibens.

Auch verordnen Wir schließlich, daß = da von vielen Seiten unsres Reiches, Klagen über die Schwierigkeit des Lesens unserer Handschriftlichen Zeichen eingelauffen – der Unglükliche der solche vorzulesen bekömt, und sich glüklich ohne Anstoß seines Auftrages entledigt, noch ein Glas Kümmel, extra* aus den Händen der liebenswürdigen Haustochter erhalten soll.

So geschehen d: 12t Sept: 1812 zu Gotha. [Unterschrift] Maria.

|

Stekbrief.

Der MusikWeber* Geselle Kielemann, der einige Zeit zwar nicht gerade in Lehre aber doch in Arbeit bey dem Weber Maria gestanden, und eines vertrauten Umgangs mit demselben gepflogen; – hat sich einer vorsäzlichen Veruntreuung höchst verdächtig gemacht. Er hatte nehmlich ein Stükchen Zeug von eigner originaler Erfindung verfertiget und selbes zum Eigenthum dem Weber vermacht, indem es sehr dazu geeignet war, sich zu Zeiten darin zu hüllen, und dadurch schöne Erinnerungen zu erwekken, hat aber solches ihm nicht eingehändiget, sondern wahrscheinlich mit Willen zurükbehalten, da Er von jeher von verstokter und heimlicher GemüthsArt gewesen.

Da nun unterzeichneter Behörde sehr viel daran gelegen des zierlichen Gewebes habhaft zu werden*, so ersucht sie hierdurch alle Baschkiren und anderweitige Behörden, auf besagten gefährlichen* Kielemann ein wachsames Auge zu haben, und ihm betretenden Falls, das Stükchen abzunehmen und betreten gegen Erstattung aller Unkosten, und Erbietung Gegendienstlicher Handlungen*, einzuliefern*. die Grundfarbe des Gewebes war D Dur. die HauptBilder, Laune, und Herzlichkeit, das Ganze aus Liebe und Freundschaft gewebt muß* jedem dem es zur Anschauung komt ein freudiges Thränenlächeln abzwingen.

Signalement.

Der MusikWeberGeselle Kielemann ist lang und trokken. von Natur einem Pariser Violinbogen nicht unähnlich. schwärzliches Gesicht, von vielem Gebrauch des Colofoniums *. Geht viel ohne Hut, und ist vorzüglich daran kenntlich daß er mit dem Violoncell einen vertrauten Umgang pflegt, und häufig auf dem krummen Sande betreten worden ist. Ist übrigens ein herumziehendes Leben gewohnt, und weis Wechsel und andere wichtige* Papiere aufs richtigste zu machen.

Seine Kleidung ist nicht genau zu bestimmen*, nur daß er zuweilen HofUniform trägt und den Wirth macht, muß bemerkt werden. Ueberdem singt er gewöhnlich Alt, als ob er dazu arrangiert wäre.

Die Einfachen und doppelten ContraPunkts
Gerichte.

L: S:

Apparat

Zusammenfassung

im Brief erinnert sich Weber wehmütig seiner Berliner Freunde; 1. Beilage: humoristischer Reisebericht; berichtet über Verhandlungen mit Kühnel wegen diverser Kompositionen; 2. Beilage: humorvoll formulierte Bitte um Zusendung des bei seinem Abschied aus Berlin aufgeführten Musikalischen Scherzes von Kielmann

Incipit

Gott zum Gruß! und trauten Handschlag zuvor. Es ist mir wie

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

Textzeuge

Leipzig (D), Städtische Bibliotheken, Musikbibliothek (D-LEm)
Signatur: PB 37 (Nr. 1) und (Nr. 2)

Quellenbeschreibung

  • Brief 1 DBl. (3 b.S. o.Adr.) und Beilagen 1 DBl. (3 b. S.)
  • Beilagen im Entwurf: D-B, Mus. ms. autogr. theor. C. M. v. Weber WFN 6, (V) Bl. 37a/v
Weitere Textquellen
  • MMW I, S. 375–378
  • Rudorff: Westermanns illustrierte deutsche Monats-Hefte, 44. Jg. (1899), 87. Bd., S. 22–23 (u. Einlagen S. 23–24)
  • Rudorff 1900, S. 14–20
  • Worbs 1982, S. 42–43

Textkonstitution

  • "und": durchgestrichen.
  • "sie": "Sie" überschrieben.
  • "sieh": "Sieh" überschrieben.
  • "betreten": durchgestrichen.

Einzelstellenerläuterung

  • "… Völker! Baschkiren!!! ": E fehlt: Baschkiren!!!
  • "… den berauschenden Schnapps der PostKnechte": E: Postillionen
  • "… 2 t Sept: in Leipzig": E: fehlt: in Leipzig
  • "… sie zu verlaßen und gutwillig": E: mit Freuden
  • "… , in seine Staaten aufzunehmen": E: fehlt: aufzunehmen und
  • "… zu verlegen. Nach diesem leichten": E: Wort fehlt
  • "… und sezte darauf meinen Zug": im E aus Reise hierhin verbessert
  • "… verbessert nach Weimar weiter fort.": im E hier der durchgestrichene Satz: ich war nicht so glüklich Wieland aus dem Fenster gukken zu sehen, aber [die Großfürstin...]
  • "… ich so eben zusenden werde": E: die ich ihr eben jezt zu sende
  • "… Gotha schen Aufenthalt Höchstselbst vordresche": E: nach meinem Gothaer Aufenthalt höchstselbst vordreschen werde.
  • "… welches durch eine vorsäzliche Zurükbehaltung": im E ursprünglich: durch seine ver...ges Furcht???
  • "… ein Glas Kümmel , extra": E: mehr
  • "… Der MusikWeber": ursprünglich: ?, im E auch anderes Wort urspr.: ..hns??
  • "… zierlichen Gewebes habhaft zu werden": E: sehr viel an Habhaftwerdung dieses gefährlichen Menschen, und Herausgeber des zierlichen Gewebes gelegen
  • "… anderweitige Behörden, auf besagten gefährlichen": im E nachträglich: gefährlichen
  • "… Unkosten, und Erbietung Gegendienstlicher Handlungen": Dieser Einschub fehlt im E
  • "… fehlt im E , einzuliefern": An dieser Stelle im E gestrichen: Zur Erleichterung der Nachforschung haben Wir hier die Beschreibung deßhalb hinzugefügt.
  • "… Liebe und Freundschaft gewebt muß": im E verbessert aus: kann
  • "… vielem Gebrauch des Colofoniums ": im E lediglich: oben am Kopf, schwarz wie Kolofonium
  • "… weis Wechsel und andere wichtige": E: kostbare
  • "… ist nicht genau zu bestimmen": im E: verbessert aus: verschieden

XML

XML Download

Wenn Ihnen auf dieser Seite ein Fehler oder eine Ungenauigkeit aufgefallen ist,
so bitten wir um eine kurze Nachricht an bugs [@] weber-gesamtausgabe.de.