Caroline von Weber an Hinrich Lichtenstein in Berlin
Hosterwitz, Mittwoch, 21. Juni 1826

Acht schreckliche Tage habe ich nun schon verlebt seit der Trauerpost* – ich lebe noch, ja ich gehe herum, aber wie im schweren Traume. Mein Gott! ich kann noch nicht zu der Überzeugung kommen, daß das schreckliche wirklich geschehen ist. Stunden lang versuche ich es mir, den Gedanken lebhaft zu denken, aber es liegt wie eine bleidecke über mir. – Und bei all dem soll ich Red’ und Antwort geben, soll bei der genauen Untersuchung der Gerichte gegenwärtig sein, muß sehen wie fremde Menschen sein Schreibpult durch suchen, was ich stets gewohnt war, wie ein Heiligthum zu betrachten – Ach lieber Gott! alles das ist sehr hart! ja in diesen Seelen Leiden muß ich mit Menschen und in Dinge sprechen, die mich tief verwunden, da drängt alles in mich: der Kinder wegen das Alles zu thun. Ich weiß wohl es ist meine Pflicht und, nur für sie zu leben, aber – das Leben ist eine schwere Bürde für mich geworden. Gott wird mir tragen helfen, ja er schenkt meinem Körper wunderbare Kraft. – denn noch halte ich mich aufrecht. Ihr tröstlicher Brief hat dazu beigetragen, denn sich solch eines Freundes bewußt zu sein, ist ein Sonnenblick in dieser Trauer-Zeit. – | Ich habe Ihnen schon geschrieben - aber ich weiß nicht mehr was; mein Kopf ist so angegriffen, daß ich alles vergesse, ich kann auch nicht mehr an Geschäftssachen denken – es schwimmt mir alles in einander. – die ersten Tage war es nicht so schlimm wie jetzt, da konnte ich noch thun und begreifen, was meine Freunde mir sagten, jetzt aber kann ich nur immer weinen und an ihn denken. Zürnen Sie mir daher nicht bester Freund, wenn ich Ihren Brief, Ihre so noblen Anerbietungen jetzt nicht klar beantworten kann, meine Gedanken sind verworren, ich weiß nicht, was geschehen kann. Winkler ist auch ein treuer Freund, er hat ihn auch geliebt, er wird Ihnen schreiben, er wird vereint mit Ihnen für Webers Kinder sorgen. Um des Vaters willen nimmt man Theil an den armen 2 Waisen. Sie zürnen mir gewiß nicht, daß ich so vor Ihnen meinen Schmerz ausweine. Weber sagte zu mir, Lichtenstein ist viel besser als ich – ach und er war ja so gut. (–)

Leben Sie wohl, theurer Freund, Gott erhalte Sie für Ihre Frau und Kinder und zum Wohl Ihrer Lina Weber

Schlesinger hat meinen armen Mann, den letzten Verdruß verursacht, er hat nemlich erfahren, daß er in einem unwürdigen Aufsatz in den Zeitungen seinen Nahmen gemißbraucht. Sein letzter Befehl an mich, war der Widerruf dieses Artikels. –

Apparat

Zusammenfassung

schildert ihre Situation und ihren Zustand, sorgt sich um ihre Kinder, dankt für seinen Brief, den sie jetzt nicht beantworten kann. Teilt ihm mit, daß Schlesinger ihrem Mann noch Kummer bereitet hat, in dem er in einem Zeitungsaufsatz dessen Namen mißbraucht habe. Der letzte Befehl ihres Mannes war noch, einen Widerruf dieses Artikels zu veranlassen

Incipit

Acht schreckliche Tage habe ich nun schon verlebt

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Kopie: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (D-B)
Signatur: Weberiana Cl. V (Mappe IA), Abt. 3, Nr. 31c

Quellenbeschreibung

  • 1 Bl. (2 b. S.)
  • Abschrift von Jähns mit Anm. von ihm: "Dieser hier folgende Brief ist im Original ganz von Thränen benetzt"

Textkonstitution

  • "für": Hinzufügung.

Einzelstellenerläuterung

  • "… schon verlebt seit der Trauerpost": Es steht zu vermuten, dass Caroline am 13. oder 14. Juni die Todesnachricht erhalten hat, denn am 12. Juni wusste sie noch nichts, vgl. ihren Brief an Schlesinger von jenem Tage; A. B. Fürstenau benachrichtigte Gottlob Roth, derzeit in Hosterwitz, am 6. Juni brieflich aus London

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