2. Reaktion von Carl Maria von Weber auf Kritiken zu den Aufführungen der Oper „Das Waldmädchen“

Beantwortung zu Nr. 4. u. 5. in der Beylage der hiesigen gem. Nachr. p. 39.

1) Mein Hr. Stadtmusikus! Sie sind sehr irriger Meynung, wenn Sie glauben, daß ich mir von meiner Arbeit so großen Beyfall versprach. – Allein jeder Arbeiter ist doch seines Lohnes werth, welcher durch Ihre Aufführung schändlich untergraben worden; warum gieng die Hauptprobe brav und gut? – und die Vorstellung so elende? – nicht die braven Leute im Orchester waren schuld daran, sondern ihr schläfriger Anführer, welcher die erste Hauptpflicht, das reine Einstimmen des Orchesters vernachläßigte, kein einziges forte oder piano, kein cres noch decrescendo im geringsten beobachtete, kein tempo nach Vorschrift gehörig marquirte, und dadurch dem Gemählde den gehörigen Schatten und Licht raubte, folglich alles verdarb, und also unmöglich gefallen konnte.      Mithin hat Ihr Neid und Mißgunst seinen gesuchten Zweck erreicht. Zu deme ist es nicht genug zu Tadlen – man muß es besser verstehen und machen können. Die Composition einer Oper ist kein englischer Tanz! – Daß Sie in der Musikkenntniß und deren Contrapunkt kein Theoretiker nach Ihrem eignen Geständniß sind, glaube ich recht sehr gerne, dahero Ihr angemaßter Tadel sich also selbst widersprechend, und am allerbesten, wenn der Schuster bey seinem Leiste bleibt – Daß ich den 18. Decbr. 1786. Abends halb 11 Uhr gebohren, beweiset mein Taufschein, folglich verliehrt ihr beliebtes angeblich seine Kraft, o wie ist derjenige Componist zu beklagen, der seine Arbeit unter einer solchen Anführung so zerfleischen hören muß! Und nun zur kurzen Beantwortung Ihres aufgeforderten Herzensfreundes in der Beylage Nr. 5. p. 49.

2) Auch ich mußte über die große Dreustigkeit erstaunen, mit welcher der Herr Cantor Fischer meine Oper das Waldmädchen herunterzusetzen sich bemühte, um vermuthlich nur den Beyfall und Lohn seines mißgünstigen, Ihme aber treu ergebensten Freundes einzuärnden. Denn sonst wüßte ich keinen andern Bewegungsgrund, da ich Sie, mein Hr. Cantor, niemals nur mit einer Mine beleidigt hätte – Wie konnten Sie sich zu Beurtheilung einer Sache auffordern lassen, die Ihnen ja gar nichts angeht? Wenn ich mich also en detaille mit Ihnen einlassen möchte, so müßte das Echo sehr grob widerhallen, welches aber meiner Natur schon zuwider, und den Grundsätzen der mir gegebnen Erziehung ganz entgegen spricht. Der Punct meiner angeblichen Jahrenzahl ist bereits in obiger Antwort erörtert, nur dient zur mehrern Nachricht, daß mein Vater den 20. August 1785. in Wien mit meiner Mutter sich vermählte. Daß ich übrigens vorzügliche Geistesgaben habe, verdanke ich meinem Schöpfer, und daß ich in meiner noch kurzen Lebenszeit mehr gesehen und gehört als mancher in 50 Jahren, ist auch erweißlich wahr. Daß ich ferner von den grösten Kapellmeistern der ersten Höfe und deren Hofkapellen als ein solcher anerkannt bin, der den Contrapunct richtig und gründlich studirt hat, folglich die Instrumente sowohl als Text, Harmonie und Rythmum nebst Singstimmen gehörig und regelmäßig zu behandlen weiß, dienet zu meiner Beruhigung, also hört nur der offenbahre Neid und Mißgunst, Fehler! Mein Gott! ich will ja kein Cantor und kein Stadtmusikus werden, und weiß gar wohl, daß zu diesen beyden Stellen, aus mancherley Ursachen die gehörige Kenntniß und Geschicklichkeit mir fehle. Zu dem bin ich Mensch, und kann fehlen, so gut wie jeder Mensch dem Fehlen unterworfen ist. Ich lasse mich sehr gerne zurechte weisen, und danke denjenigen, der mich mit Bescheidenheit aber nicht mit Grobheit und Stolz einhertrabend schulmeistern will. Ueberdies sind Sie, mein Hr. Cantor ja gar nicht mein competenter Richter, und ich will eben so wenig von Ihnen was lernen, als mir je der sträfliche Gedanke nur einfallen sollte Sie etwas zu lehren. Fer|ner habe ich gar nicht das geringste gegen die braven Individua des hiesigen Orchester, und will auch glauben, daß der Hr. Stadtmusikus Siegert besser anführen kann, wenn er will. Nur bey dieser Oper hat er das Gegentheil leider! gezeigt, und mir dadurch den Beyfall eines sonst so gütigen und theilnehmenden Publikums geraubt, welches zu edel denkt, als daß es den Keim einer aufgehenden Pflanze zu ersticken geneigt wäre. Ein klarer Beweiß ist davon die gränzenlose Hochachtung und enthusiastische Liebe für das Freyberger hochzuverehrende Publicum, da mein Vater mit seiner Familie eine große berühmte Residenzstadt verließ, eine kostbare Reise anhero übernahm um hier an dem Umgang dieses so gütigen, biedern, und freundschaftlichen Publikums Theil zu nehmen, um seine wenigen alte Tage in diesem edlen Circul noch verleben zu können. – Und wenn ich würklich Fehler begangen hätte, so wäre es gar nicht zu verwundern, da ich von dem Directeur des Schauspiels zu sehr pressirt wurde und den 2ten Akt in 4 Tagen geschrieben habe, welches drey der hiesigen Herren Hautboisten bekräftigen werden, da sie meine Arbeit aus meiner Hand noch ganz naß zur Copiatur erhielten, und so einige Nächte damit bey und mit mir zubrachten, auch ist die Bravour-Arie, der Mad. Seyfert und deren Passagen ganz nach ihrem eignen Verlangen gesetzt, wie sie ist, da sie bey deren Bearbeitung meist gegenwärtig war, auch dieses können bemerkte Herren Hautboisten bezeugen. Ueberdies war der Text so, daß ich kein andres Wort zum Schlusse setzen konnte als Liebe, weil kein anderes da war; Amore wäre mir freylich lieber gewesen, folglich ist dieser Tadel sehr schwach. Auch sind mir viele Arbeiten der angezogenen Meister und Compositeurs gar nicht unbekannt, so wohl wie verschiedne Partituren der 3 Gebrüder, Joseph Michel und Johann Haydn, eines Fuchs, Thuma, Pater Martini, Mozardt, Vogler, Naumann, Vanhall, Albrechtsberger, Kozeluch, Schulze, Wagenseil, Gatti, Jomelli und Händel, deren meisten Opern und Oratoria ich besitze, auch gar gut bekannt. Auch beweißt mir noch der rechtschaffene Ehrenmann, daß es mit meinen schon vor beynahe 3 Jahren in Salzburg geschriebenen kleinen Fugetten, so sehr fehlerhaft abgedruckt, (eben die Fugetten habe ich im September-Monath abgewichenen Jahres nebst 6 meiner Variazionen dem Hrn. Cantor zu präsentiren die Ehre gehabt.) seine eigene Bewandniß habe. – Mein Gott! wie habe ich mich in Ihnen mein Hr. Cantor geirrt! Nimmermehr hätte ich mir nur können einfallen lassen, daß Sie als ein Mann, den ich so sehr schätzte, so anzüglich seyn könnten! Sie müssen wohl kein Freyberger seyn? und bewegen mich dahero mit der heiligsten Versicherung daß ich auf keine Sylbe mehr antworten werde, da ich meine Zeit zu etwas Bessern anwenden kann;

Ich achte meine Hassergleich wie das Regenwasserso gar bald fließt vorbey,und wenn sie mich schon neiden,so müssen sie doch leiden,daß Gott mein Helfer sey.

Nachschrift. Sollten Sie aber mein Herr Cantor Ihren gefaßten Groll gegen mich ablegen und ehrlich handlen wollen, so bin ich der erste, der die Hand zur Versöhnung darbietet, und erböthig ist, Ihnen meine ganze Arbeit in Originali vorzulegen, selbst ganz vorzuspielen, um Sie dadurch eines andern zu belehren und [zu] überzeugen, daß Sie vieles nicht recht gehört haben, ich aber alles vergessen, und in diesem Falle mit wahrer Achtung immer seyn werde Ihr ergebenster Diener. C. M. v. Weber.
3) Dem unbekannten Herrn aus Chemnitz dienet zur Antwort, daß ich das Bellen kleiner H... nicht achte. C. M. v. W.
NB. Auf obige Beantwortung 2) erwiedere ich kein Wort. J. G. Fischer, Cantor

Apparat

Zusammenfassung

Weber argumentiert, dass die Aufführung des "Waldmädchen" wegen der schlechten Ausführung kein Erfolg werden konnte; er gibt sein Geburtsdatum fälschlich mit 1787 an, um noch als Wunderkind durchzugehen; verweist auf seine ausgiebigen Kompositionsstudien und praktische Erfahrung trotz seines jungen Alters

Incipit

Generalvermerk

Die drei Reaktionen (vgl. auch Weberschriften) gehören zu einer öffentlichen Zeitungs-Fehde, deren Ursache die Kritik über die Aufführung von Webers Oper Das Waldmädchen am 24. November 1800 in Freiberg war. Obwohl die Beiträge von Weber selbst unterzeichnet wurden, ist höchstwahrscheinlich sein Vater Franz Anton von Weber als Mitautor in Erwägung zu ziehen; vgl. auch die Aufführungsbesprechung sowie die Entgegnungen der Zeitgenossen

Entstehung

Februar 1801

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Solveig Schreiter

Überlieferung

Textzeuge

Gnädigst bewilligte Freyberger gemeinnützige Nachrichten für das Chursächsische Erzgebirge, Jg. 2, Nr. 7 (12. Februar 1801, Beilage), S. 69–70

Textkonstitution

    Einzelstellenerläuterung

    • recte "1786": in der Vorlage "1787"

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