Trauer und dankbare Erinnerung –
Zum Tod von Dr. Gabriele Buschmeier

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Am 14. Juli 2020, wenige Monate vor ihrem bevorstehenden Eintritt in den Ruhestand, verstarb Dr. Gabriele Buschmeier, die in der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur über ein Viertel Jahrhundert als Koordinatorin der musikwissenschaftlichen Editionsvorhaben segensreich gewirkt und sich in ihrer Amtszeit große Verdienste um die Musikwissenschaft und das Editionswesen erworben hat. Auch die Weber-Gesamtausgabe hat ihr viel zu verdanken, war sie doch eine unermüdliche Förderin unserer für manche Kolleg*innen ungewohnten, weil nicht werk- sondern quellenbetonten Editionsgrundsätze und unseres oft mühsamen Wegs in die digitale Zukunft des Editionswesens.

Gabriele Buschmeier mit Irmlind Capelle bei der Besichtigung der Projektstrasse während der Tagung der Gesellschaft für Musikforschung am 25. September 2019 in Detmold.

In der Mainzer Akademie hatte Gabriele Buschmeier zunächst in der Christoph Willibald Gluck Gesamtausgabe gearbeitet, die sie bis zuletzt auch neben ihrer im Sommer 1994 angetretenen Koordinatorenstelle für die musikwissenschaftlichen Editionsvorhaben leitete. Als Nachfolgerin von Dr. Hanspeter Bennwitz, dem es gemeinsam mit dem Generalsekretär Dr. Günter Brenner nach langen Bemühungen gelungen war, in Abstimmung mit Prof. Dr. Gerhard Allroggen (Detmold), Prof. Dr. Ludwig Finscher (Heidelberg) und Dr. Wolfgang Goldhan (Staatsbibliothek zu Berlin ) die geplante Weber-Gesamtausgabe Anfang 1993 zunächst mit der Berliner Arbeitsstelle in die Finanzierung durch das Akademienprogramm zu überführen, gehörte es zu den ersten Aufgaben von Gabriele Buschmeier, auch die Detmolder Arbeitsstelle – die bis dahin im Rahmen einer DFG-Förderung nur mit der Vorbereitung einer Briefausgabe beauftragt war – ins Akademienprogramm aufzunehmen. Das gelang 1996, zum Bedauern von Gabriele Buschmeier allerdings nur mit einer statt der auch für Detmold vorgesehenen zweiten Mitarbeiter*innen-Stelle. Über lange Jahre hat sie sich bemüht, diese zweite Stelle für die Ausgabe zu schaffen – was ihr schließlich 2009 gelang und zur Anstellung Peter Stadlers führte, mit dem die digitalen Bestrebungen der Ausgabe dann in professionelle Bahnen gelenkt wurden.

Aber nicht nur durch die – auch finanziell teils schwierigen – Geburtswehen der Ausgabe entstand rasch ein intensiver Austausch mit der WeGA, sondern ebenso durch eine Aktivität, die noch Buschmeiers Vorgänger Bennwitz angeregt hatte: Im Sommer 1994 fand in der Akademie das folgenreiche Kolloquium Komponistenbriefe des 19. Jahrhunderts statt, bei dem Gerhard Allroggen und Joachim Veit die schon von der neuartigen Arbeit mit dem „Rechner“ geprägten Pläne der Weber-Briefausgabe (die integraler Bestandteil der Werkausgabe sein sollte) ausführlich vorstellen durften. Erstmals war auf diesem Kolloquium von „Daten“ und „Datenaustausch“ die Rede. Zugleich führte das große Bedürfnis nach einer Abstimmung zwischen den verschiedenen Editionsvorhaben zur Gründung der AG Musikerbriefe, die als erstes in einem kleineren Kreise Richtlinien-Empfehlungen zur Edition von Musikerbriefen erarbeitete, die 1997 erschienen und erfreulich viel genutzt wurden. Unter Leitung von Gabriele Buschmeier tagte diese AG dann regelmäßig in erweiterter Form bei den jährlichen Treffen der Gesellschaft für Musikforschung im Rahmen der Aktivitäten der Fachgruppe Freie Forschungsinstitute und vermittelte dabei nicht nur vielfältige Impulse für neue Briefprojekte, sondern förderte auch die Zusammenarbeit der Ausgaben.

Diese Zusammenarbeit und der Austausch zwischen den Ausgaben, aber vor allem auch über die engen Fachgrenzen hinaus gehörten stets zu den besonderen Anliegen von Gabriele Buschmeier. So unterstützte sie nicht nur die von Helga Lühning und später Reinmar Emans, Klaus Döge und Armin Raab als Fachgruppensprecher*innen gepflegte fruchtbare Zusammenarbeit mit der AG für germanistische Edition oder die Veranstaltung spezieller Editorentagungen, sondern ebenso entsprechende Initiativen der WeGA, wie etwa das Berliner Kolloquium zur Schauspielmusik in Webers Zeit Ende 1998 und inbesondere die zunehmenden digitalen Aktivitäten der Ausgabe, die 2003 eine bescheidene eigene Website aufsetzte. 2004 veranstaltete die WeGA beim Internationalen Kongreß der GfM in Weimar ein eigenes halbtägiges Symposion Musikalisches Erbe im digitalen Zeitalter – Chancen und Probleme neuer Techniken und 2005 legte sie im Rahmen der Edition der konzertanten Klarinettenwerke Webers (Serie VI, Bd. 3) erstmals im Rahmen einer wissenschaftlichen Gesamtausgabe eine digitale Musikedition vor (als bandbegleitende CD mit Hilfe der Edirom-Technik, erstellt von Ralf Schnieders und Johannes Kepper). Zugleich setzte Gabriele Buschmeier eigene Impulse: So veranstaltete sie im November 2006 gemeinsam mit dem Germanisten Prof. Dr. Kurt Gärtner vom Trierer Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften erstmalig eine Tagung zum Thema Digitale Medien und Musikedition in der Mainzer Akademie. Davon angeregt folgte gut ein Jahr später die internationale und interdisziplinäre Paderborner Tagung Digitale Edition zwischen Experiment und Standardisierung, die zwei langfristig wichtige Ergebnisse hatte: Zum einen führte sie zur Gründung einer TEI Special Interest Group Correspondence , die jüngst mit dem an der BBAW realisierten Projekt CorrespSearch das Tor zu einer fach- und länderübergreifenden Verknüpfung von Briefeditionen weit geöffnet hat. (Gerne erinnere ich mich in dieser Zeit auch noch an das einzige gemeinsame Referat mit Gabriele Buschmeier unter dem Titel XML- Briefcodierung mit TEI P 5 im Kontext der Weber-Gesamtausgabe bei dem Workshop der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften Digitale Editionen im Oktober 2007.) Zum anderen startete unter dem Dach der Mainzer Akademie eine Arbeitsgruppe Musikcodierung, die sich um eine Sondierung von Musiknotations-Standards bemühte, die sich für wissenschaftliche Editionen eignen. Gabriele Buschmeier gehörte dann auch zu dem kleinen Häuflein von Enthusiasten, das sich im Sommer 2009 mit einer Sammlung möglichst diverser und komplexer Notationsprobleme nach Charlottesville/Virginia aufmachte, um im kühlen Keller der Bibliothek der University of Virginia mit dem Entwickler von MEI , Perry Roland, und dem TEI-Spezialisten Prof. Dr. Daniel Pitti, mit Prof. Dr. Eleanor Selfridge-Field vom Center for Computer Assisted Research in the Humanities (CCARH) der Stanford University sowie weiteren amerikanischen Kolleginnen und Kollegen mehrere Tage lang die Leistungsfähigkeit von MEI gründlich auf den Prüfstand zu stellen. Damit waren die Weichen für die Etablierung von MEI als Codierungsstandard für die wissenschaftliche Community gestellt. Und um den hier freigesetzen Elan der Beteiligten zu nutzen, folgten nicht nur weitere internationale Workshops, sondern Gabriele Buschmeier organisierte im Mai 2013 an der Mainzer Akademie auch die erste der nun jährlich im Wechsel in Europa und Übersee stattfindenden Music Encoding Conferences (MEC). Schließlich fand die Music Encoding Initiative durch ihre Bemühungen noch im selben Jahr eine „Heimstatt“ an der AdW Mainz, wo sie seitdem organisatorisch betreut wird.

Über diese strukturellen und fachpolitischen Entwicklungen hinaus geschah die Förderung aber auch ganz konkret im Rahmen der WeGA: So hatte Gabriele Buschmeier im Mai 2011 in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz in Berlin in Kooperation mit der Staatsbibliothek zu Berlin eine Veranstaltung unter dem Motto Weber Digital organisiert, bei der ein erstes größeres Textkorpus der Edition der Briefe, Tagebücher, Schriften und Dokumente Webers offiziell „freigeschaltet“ wurde. Musik, Lesungen und Kurzvorträge vermittelten ein anschauliches Bild der Weber-Ausgabe, deren Arbeit damals von Prof. Dr. Norbert Miller eindrucksvoll gewürdigt wurde. Mit großem Wohlwollen begleitete Gabriele Buschmeier auch weitere öffentlichkeitswirksame Aktivitäten der Mitarbeiter*innen der WeGA, so die Publikation der fast 25 Jahre von Frank Ziegler ehrenamtlich betreuten Weberiana , dem Mitteilungsblatt der Internationalen Carl-Maria-von-Weber-Gesellschaft , das sich über die Jahre hinweg zu einem den Weber-Studien adäquaten Periodikum entwickelte, für das sie immer wieder lobende Worte fand, oder die Publikation der Freischütz - und Oberon-Libretti durch Solveig Schreiter im Allitera-Verlag und die erstmals mit Farbfaksimiles arbeitende print-on-demand-Publikation der Briefe Webers aus der Emser Kur durch Eveline Bartlitz, Dagmar Beck und Joachim Veit in demselben Verlag. Ebenso war es ihr ein Anliegen, die erstmals im Rahmen der WeGA entwickelten und am Musikwissenschaftlichen Seminar Detmold/Paderborn weiterbetreuten Edirom-Werkzeuge breiter nutzbar zu machen – so haben weitere Akademieprojekte wie OPERA oder die Reger-Werkausgabe diese Technik übernommen, während in Detmold mit BMBF-Förderung 2013 das Projekt Freischütz Digital verwirklicht werden konnte. Aber es ging nicht nur um die Werkzeuge, sondern immer auch um die Personen, die sich um diese neuen Wege verdient gemacht hatten – Gabriele Buschmeier war ihre Erleichterung deutlich anzumerken, als Ende 2014 mit dem neuen Akademie-Projekt Beethovens Werkstatt nicht nur ein inhaltlich außerordentlich spannendes Projekt genehmigt wurde, sondern für schon bewährte Mitarbeiter*innen gute Ausgangsbedingungen für eine Weiterentwicklung der neuen digitalen Techniken entstanden.

Ohnehin gehörte das lebhafte und von der Sorge um die Arbeitsbedingungen und die persönliche Zufriedenheit geprägte Interesse an den von ihr betreuten Mitarbeiter*innen der Editionsprojekte zu den Charakterzügen, die den Umgang mit Gabriele Buschmeier zutiefst sympathisch machten. Stets hatte man bei ihr den Eindruck, nicht als Bände-produzierender Beschäftigter, sondern als Mensch im Mittelpunkt zu stehen. Vielleicht hat auch ihre eigene Arbeit in der Gluck-Edition dazu beigetragen, dass sie allzeit Empathie angesichts der Nöte und Probleme von Editor*innen zeigte und mehr Verständnis für mancherlei Unwägbarkeiten beim Fortschritt der Editionsprojekte aufbrachte als jene Gremien, die ihre Aufmerksamkeit nur auf die korrekte Umsetzung erstellter Pläne richten. Warmherzig hat sie das große Engagement vieler Kolleg*innen anerkannt und hatte immer ein offenes Ohr für Schwierigkeiten, die sich im Personellen oder Inhaltlichen stellten. Dabei bemühte sie sich stets um einen gerechten Ausgleich der Interessen – was die WeGA gerade auch in den jahrelangen Verhandlungen mit Institutionen oder dem Verlag als sehr sympathischen Charakterzug erfahren durfte.

Nach der in Detmold und Paderborn veranstalteten Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung im vergangenen Herbst – bei der passend zum Standort wiederum ein eigenes digitales Symposium unter dem Motto Brückenschläge – Informatik und Musikwissenschaft im Dialog stattfand – kam es zu einer letzten persönlichen Begegnung mit Gabriele Buschmeier am 10./11. Oktober 2019 in Mainz anlässlich der Themenkonferenz Musikwissenschaftliche Vorhaben im 20. Jahrhundert . Für deren Sektion Zukunftsperspektiven hatte Gabriele Buschmeier u.a. die „altgedienten digitalen Detmolder“, Johannes Kepper, Daniel Röwenstrunk, Peter Stadler und Joachim Veit eingeladen. Die „Investition in die Köpfe“, die der Autor dieser Zeilen damals im Hinblick auf ein Gelingen des digitalen Wandels nachdrücklich forderte, war eine Sache, die Gabriele Buschmeier in der Zeit ihres Wirkens an der Akademie nachhaltig betrieben hat – in der ihr eigenen, höchst sympathischen und stets persönlich wohlwollend fördernden Art. Sie hat mit ihrer Art den Editionen in einer Zeit des Übergangs etwas mitgegeben, das wir mit Dankbarkeit bewahren, aber wo immer uns möglich, auch in ihrem Sinne weitergeben sollten. Wir sind über ihren viel zu frühen Tod sehr traurig. Die Weber-Gesamtausgabe hat ihr unendlich viel zu verdanken und sie wird uns allen sehr fehlen.

Joachim Veit, Sonntag, 9. August 2020

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