Carl Maria von Weber an Hinrich Lichtenstein in Berlin
Weimar, Sonntag, 1. November 1812

Wenn ich dir auf deinen theuren Brief vom 5t 8ber den ich d: 10t in Gotha erhielt nicht früher antwortete, so lag es blos daran daß ich nie eine so recht freye Minute finden konnte, wie ich sie gern habe wenn ich recht ruhig aus mir heraussprechen und mit dem Freunde kosen will. Auch jezt würdest du kaum diesen Brief bekommen, wenn ich nicht dir einen Brief an Mad: Lautier beylegen müste deren genaue Adresse ich nicht weis, und den ich dich zu übergeben bitte. Sie hat mir eine unerwartete Freude durch eine Zeichnung des kleinen Berges in Jordans Garten zu Pankow gemacht, mit deßen Anschau[u]ng mir manche liebliche Stunden erneuert aufbrachen. Nimm mich also heute wie ich bin; zerstreut und verdrießlich.

Ohne Ursache bin ich es auch nicht. du weißt dem thätigen gerne nach bestimmten Zwekken handelnden Manne ist nichts unerträglicher als im Gange durch kleinliche Dinge gestört oder gedrängt zu werden. ich habe so viele Arbeiten vor mir daß es mir immer ganz wehe ums Herz wird wenn ich sie überschaue, und häufig erzeugt dieß eine gewiße peinliche Aufwallung in der man am aller wenigsten etwas zu leisten im Stande ist. Ich bin ohnedieß immer so gewißenhaft und auf der Folter wenn ich arbeite. oft verzweifle ich an mir selbst und meinem Genius, und glaube mich zu schwach ein Werk nach der Größe meiner Ansicht, meines Wunsches vollenden zu können. Nur der Gedanke daß mir dieß schon oft so gegangen, daß ein glüklicher Erfolg immer noch die Pein belohnt habe, hält mich aufrecht. ich habe nun vor allem die zwey drängendsten Arbeiten vorgenommen, Erstlich ein neues KlavierConcert da ich nur eines besaß, und dann eine Hymne von Rochliz die den 1ten Januar in Leipzig aufgeführt werden soll, und daher spätestens im Lauf dieses Monats gebohren sein muß. Eine Menge ekelhafter Zeitraubender Arbeiten hielt mich bis jezt auf. das genaue durchsehen der Abschriften der zum Stich bestimmten Manus Manuskripte. das aufschreiben von alten Variat. für die Grosfürstin. Eine große italienische Scene mit Chören für den Prinz Friedrich p p p p alle diese Dinge freßen die Zeit. Nun da ich eben im Zuge war und das erste Allo: des Concertes entworfen habe bekomme ich einen schleunigen Ruf von der Großfürstin hieher. da das eine Brodt Sache ist so muß ich folgen. dachte in 3 – 4 Tagen erlößt zu sein. – ja, gehorsamer Diener, da führt der Teufel den Fürst Kurakin herbey, natürlich wird dem die Zeit gewidmet, und ich muß um so länger bleiben. Es ist zum verzweifeln. hier kann ich nicht arbeiten, habe kein Instrument pp werde überlaufen, und muß wieder Visiten schneiden. die Großfürstin will gerne die Sonate unter meiner Leitung lernen, hat aber selbst schon öfter gesagt, sie glaube sie lerne sie in ihrem Leben nicht ordentlich; und wenn Sie keine Grosfürstin wäre, würde ich so frey sein ihr vollkomen Recht zu geben. aber so – muß man sehen wie weit man es bringt. -

Das Bulletin und die Zeichnung pp haben mir außerordentlich viel Spaß gemacht. Kielemanns Vertheidigung ist besonders exellent. wenn ich mich bey meiner Zurükkunft in Gotha einmal müde gearbeitet habe, wird auch wieder ein Bulletin erfolgen. Vor der Hand bin ich nicht in der Stimmung dazu. – Mit voller Seele unterschreibe ich was du über den Menschen sagst, du hast sehr recht mich zu tadlen, daß die Betrachtungen der Jämmerlichkeit im Leben, noch im Stande sind mich zu verstimmen. Aber versezze dich auch etwas in meine Laage; bedenke dieß ewige Alleinstehn. Rechne dazu Legionen der traurigsten Erfahrungen die mitten im höchsten Glauben an gute treue Wesen mir ihre Zweifel gewaltsam aufdrängen. – -

Deine Weigerung wegen des Abdrukes des Weberspruchs billige ich ganz*. doch scheinst du mich mißzuverstehen, wenn du glaubst ich habe ihm blos deßhalb Publizität gewünscht weil es mir lieb sein müste etwas über mich gedrukt zu sehen. Nein! die Redaktion der Eleg: Z:[eitung] bat um die Mittheilung nachdem sie ihn gelesen ehe ich daran dachte ihn dazu anzubieten. Es ist allerdings ein nothwendiges ZeitÜbel daß man wünschen muß sich oft in jenen Litterarischen Speißzetteln als currendes Gericht, als Ragout und gar Braten sich mit aufgeführt zu sehen, aber glaube mir daß ich sehr darinn unterscheide, und es mir gar nicht lieb wäre wenn du dich durch jenen leisen Wunsch veranlaßt gefühlt hättest, wie du mir schreibst, ein andermal etwas über mich zu sagen. ich hoffe und weiß, wir verstehen uns beide. Es ist ein herrlicher Trost für mein ganzes Wesen, daß du mir sagst seit meiner Abwesenheit herrsche ein durch mich veranlaßter Gefälligerer Geist unter Euch. Möge der Himmel dieß lange erhalten. Ich denke mir immer meine Freunde in Berlin als Eine Familie. O daß ich euch alle eben so wieder finde. daß nichts erkühle, nichts absterbe im Gemüthe und der Liebe. Es gehört zu meinem Unglük daß ein ewiges junges Herz in meiner Brust schlägt, die Wärme, den Enthusiasmus den es bey dem Scheiden von dem Orte in sich trug, erhält es in gleicher Kraft, und den härtesten Stoß erhält leidet es, wenn Rükkehrend mit den alten gleichen Gefühlen, es dann nicht wieder dieselben Anklänge findet, sondern mancher in den Akkord gehörige Ton, da höher, da tiefer geworden ist. Gott erhalte unsre reine Stimmung. Ich bleibe bis Ende November in Gotha. ich glaube unter uns gesagt daß der Herzog nicht übel Lust hätte mich bey sich zu behalten. auch in Dresden könnte ich vielleicht eine Anstellung haben. ob ich aber Drang dazu fühle, daß ist eine andre Sache. doch glaube würde es mir beynah schwer werden bey bedeutenden anträgen einen Entschluß zu faßen.

Göthe habe ich einmal recht angenehm genoßen*. Heute ist er nach Jena gereißt, um den 3t Theil seiner Biographie zu schreiben. hier kömt er nicht dazu. Es ist eine sonderbare Sache mit der näheren Vertraulichkeit Eines großen Geistes. Man sollte diese Heroen nur immer aus der Ferne anstaunen.

Mad: Schoppenhauer grüßt dich und Ihren Sohn. Sie macht ein angenehmes Haus, und ist die einzige wo ich öfters hingehe. Vorgestern war ich bey Falk der mir viele seiner neuen Gedichte vorlaß, ein Ciclus unter dem Nahmen Seestükke. Er las nur 4 Stunden hintereinander. Bey solchen Gelegenheiten wird es mir immer ganz Angst, und ich greiffe geschwind in meinen Busen, ob ich es denn auch schon öfter so gemacht habe, und die Leute weil ich zu viel gab, abspannte? Es kann mir wohl paßirt sein. warum sollte ich beßer und klüger sein als andere.

Nun lebe wohl lieber Bruder. Grüße alle Bekanten und Freunde aufs herzlichste, besonders Flemming, die Koch, Wollank p p p p p p und schreibe bald wieder deinem unveränderlichen treuen Freunde Weber.
Weimar d: 1t 9ber 1812.

Editorial

Summary

beklagt sich über Verzögerung seiner Arbeiten in Gotha; erwähnt Bulletin u. Zeichung; betrifft Publikation eines von Lichtenstein verfaßten Artikels? über Weber in der Eleg. Zeit.; berichtet über Begegnung mit Goethe u. den Besuch Weimarer Zirkel

Incipit

Wenn ich dir auf deinen theuren Brief vom 5t 8ber

Responsibilities

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Tradition

  1. Leipzig (D), Leipziger Stadtbibliothek – Musikbibliothek (D-LEm)
    Shelf mark: PB 37, Nr. 3

    Physical Description

    • 1 DBl. (3 b. S. o.Adr.)

    Corresponding sources

    • MMW I, S. 383–386
    • Anonym, Aus Carl Maria von Weber's Briefen, in: Niederrheinische Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler, Jg. 12, Nr. 43 (22. Oktober 1864), S. 338–339 (mit Auslassungen!)
    • Rudorff: Westermanns illustrierte deutsche Monats-Hefte, 44. Jg. (1899), 87. Bd., S. 24–26
    • Rudorff 1900, S. 20–25
    • Brandt, H. 1928, S. 226–227 (fehldatiert: unter 1. Sept. 1812; unvollständig)
    • Worbs 1982, S. 49–52

Text Constitution

  • “nachdem sie ihn gelesen”added above.
  • “sich”crossed out.
  • “erhält”crossed out.

Commentary

  • “… Weber spruchs billige ich ganz”Zu Webers Anfrage, den von Lichtenstein anlässlich von Webers Abschied aus Berlin gedichteten “Abschiedsspruch” bzw. “Weberspruch” zu veröffentlichen vgl. Webers Brief an Lichtenstein vom 12. September 1812.
  • “… ich einmal recht angenehm genoßen”Goethe notierte in seinem Tagebuch am 27. Oktober 1812 eine Begegnung mit “Hℓ Capellmeister v Weber” (ohne nähere Angaben); vgl. Johann Wolfgang Goethe, Tagebücher, Bd. 4,1 (1809–1812), hg. von Edith Zehm, Sebastian Mangold und Ariane Ludwig, Stuttgart und Weimar 2008, S. 405. Weber hielt die Begegnung in seinem Tagebuch nicht fest.

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