Aufführungsbesprechung Prag, Ständetheater, 10. April 1814: Der Schutzgeist von Kotzebue und Personalverzeichnis

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Ständisches Theater in Prag.

Thalia feiert in ihrem Tempel keine schönern Feste, als wenn ihr Kunstzauber das hohe Menschliche verklärt, ihr Göttermund der Sterblichen Theuerstes: errungene Völkerfreiheit verkündet, und ihr himmlisches Feuer die dankerfüllten Herzen zum flammenden Opferheerd für Fürst und Heerführer entzündet. Unsere Bühne ward zum Tempel dieser Vol[k]sfeier. – Am 10. April war zum ersten Mal: Der Schutzgeist, dramatische Legende in 6 Aufzügen von Kotzebue angekündigt, ohne daß man ahnden konnte, daß die Hauptstadt durch die beglückende Nachricht der Uebergabe von Paris an die verbündeten Mächte, und von den beseligenden Folgen dieses großen Ereignisses an diesem Tage erfreut werden sollte. Noch war das Publikum nur durch wenige Zeilen eines öffentlichen Anschlags im Allgemeinen vorbereitet, und erwartete die ausführlichen Berichte von der geschäftigen Presse erst am späten Abend. – Hr. Director Liebich hatte indessen die Bühne mit dem Bilde unsers allgeliebten Kaisers in Lebensgröße in der Mitte einer passenden Decoration, umflammt von sechs Opferaltären, schmücken und das Haus blendend erleuchten lassen, und erschien an der Spitze des königl. bürgerlichen Schützencorps, dessen Hauptmann er zu seyn die Ehre hat, und welches zu beiden Seiten der Bühne sich, militärisch-salutirend, aufgestellt hatte, das zahlreich versammelte Publikum mit den so eben die Presse verlassenden, freudigen Nachrichten als Vorleser bekannt zu machen. Unbeschreiblich war der Enthusiasmus, mit welchem das Publikum seinen patriotischen Jubel bei jedem Satze laut werden ließ, und den Vorleser, das Bild des besten Vaters seines Volks im Auge, durch Vivatrufen und Beifallklatschen unterbrach. Wem trat hier nicht eine Freuden-Thräne ins Auge, das Ziel der Vollendung nun erblicken, und dem geliebten Vater seines Volks mit Ehrfurcht huldigen zu können? – In dieser patriotischen Stimmung ward nun Kotzebues Schutzgeist, ein Stück, das in der Anlage und Ausführung die Scene der Gegenwart, nur unter andern Umgebungen, deutlich anwinkt, und eine Menge sentenziöser Beziehungen | aufstellt, mit lautem Beifall, der sich bei jeder Stelle der Art äußerte, aufgenommen, und der Fleiß der Darsteller belohnt. – In herzliche Verbindung mit diesem Feste brachte nun Hr. Dir. Liebich am 15. April die Feier des hohen Geburtsfestes Sr. Durchlaucht des Feldmarschalls Fürsten Carl von Schwarzenberg, Oberbefehlshabers der verbündeten Armeen, durch nachstehenden Prolog, verfaßt von Hrn. Passy, den unser geschätzter Hr. Bayer, im griechischen Costum, mit dem Hochgefühle patriotischer Begeisterung sprach, während das Corps de Ballet in Attitüde den allegorischen Attributen huldigte, die eine dazu verfertigte Decoration, zur Versinnlichung der, durch drei siegreiche Adler, gestürzten Tirannei, unter Anführung des Löwens (dem Wappen Böhmens, des Vaterlandes unsers Helden) im Glanze einer blendenden Beleuchtung darstellte. – Hrn. Bayers begeisterter Vortrag ward bei jeder Strophe durch lauten Enthusiasmus der Menge unterbrochen, die Wiederholung des Schutzgeistes begann, ward mit Beifall aufgenommen, und nach Beendigung derselben sprach Mad. Schröder, auf Verlangen, ein werthvolles Gedicht, vom Hrn. Professor Mikan, unter dem Titel: Die Befreier Europens, mit einer Wahrheit und Kraft, die alles zum abermaligen Enthusiasmus für die treuverbundnen Monarchen hinriß, und das Publikum in einer schönen Stimmung entließ.

Wir lassen nun den Prolog selbst folgen, den jeder patriotische Deutsche, auch im Auslande, mit Antheil lesen, und sich dabei in die Mitte der Feier unsers Festes versetzt glauben wird:

Mit Jubel sey der schöne Tag gekrönet!Der Tag, der Dich dem Vaterland’ geboren,Der Dich zu unserm Retter auserkohren,Heil! Dir, o Held! dem unser Dank ertönet?Heil uns! hier grüßtest Du der Sonne Licht,Der Böhme spricht es aus mit süßer WonneAus unserm Lande ging der Freiheit Sonne,Die Sonne, die durch dunkle Wolken bricht.Gesprengt durch Dich sind des Tirannen Bande,Die alten Zeiten steigen herrlich nieder,Des Bürgers Glück und Wohl erblühet wieder,Und unsre Banner wehn in Feindes Lande.Du weilest jetzt in jener stolzen Stadt,Die uns so lang’ getrotzt mit frechem Muthe,Die sich genährt von unser’m Herzensblute,Die nun Dein Rächerarm bezwungen hat.Dein Name wird in späten Tagen glänzen;So lang’ ein Mensch sich auf der Erde regt,So lang’ ein Herz noch für die Freiheit schlägt,Die Mitwelt schmücket Dich mit Lorberkränzen. ¦ Nimm unsern Dank! auch in der fernen Zone,Ein Engel mög’ Dein theures Haupt umschwebenEr mög’ Dir Kunde dieses Feste geben,All’ uns’re Liebe bieten wir zum Lohne.Du! unsers Vaterlandes Stolz und Lust!Trag’ lange noch die mächt’gen Sieges-Waffen,Schau lange noch das Glück, das Du geschaffen,Heil! Dreifach Heil Dir! aus der freien Brust.

Auf Verlangen auswärtiger Theaterfreunde, theilen wir hier den gegenwärtigen Personalbestand des Ständischen Theaters mit.

Unternehmer und Director: Herr. J. L. Liebich, spielt erste edle und launichte Väter, hochkomische Charakter-Rollen.

Männliche Mitglieder nach alphatbetische Ordnung: Hr. Allram, spielt komische Alte, Bediente und Juden, singt in der Oper. Hr. Arnoldi – Anmelderollen. Hr. Bachmann, spielt Hülfsrollen im Schauspiel und der Oper. Hr. Bayer, spielt erste gesetzte Liebhaber und Helden. Hr. Gerstel, serieuse und launichte Alte, komische Bediente; ist Tänzer. Hr. Grünbaum, singt erste Tenorrollen. Hr. Herold spielt Greise. Hr. Kainz singt erste Baßrollen. Hr. Küffel – Anmelderollen, tanzt im Ballet. Hr. Löwe – junge Liebhaber und naive Bursche. Hr. Manetinsky – Alte im Lust- und Schauspiel, singt in der Oper. Hr. Max – alte Militairrollen, Intriguants (Garderobe-Inspector.) Hr. Neumayer (neu engagirt) singt Tenorrollen. Hr. Passy, spielt jugendliche Rollen. Hr. Polawsky – erste Liebhaber, Chevaliers und Bonvivants. Hr. Reinecke, zärtliche Väter, alte Militairrollen, Greise. Hr. Soupper – tanzt im Ballet. Hr. Siebert singt erste Baßrollen. Hr. Schwarz – Hülfsrollen. Hr. Valet, spielt Väter. Hr. Wilhelmi, spielt intriguante und feine Bösewichter, launichte Alte. Soufleur: Hr. Puell.

Weibliche Mitglieder: Mad. Allram, spielt Soubretten und zweite Liebhaberinnen im Schauspiel und in der Oper. Dem. Bach singt erste und zweite Rollen in der Oper. Dem. Brand spielt muntere Liebhaberinnen im Schauspiel und in der Oper. Mad. Brede, spielt muntre Liebhaberinnen, Anstands- und intriguante Rollen. Mad. Brunetti spielt muntre Liebhaberinnen, junge Weiber, Charakterrollen. Mad. Badner, figurirt im Ballet. Mad. Buteau, spielt Hülfsrollen. Mad. Gerstel, desgleichen. Mad. Grünbaum (geborne Müller) erste Sängerin. Mad. Herold, spielt Anstandsrollen. Mad. Junghanns spielt hoch- und niederkomische Mütter. Mons. Junghanns, Dem. Junghanns, die ältere und jüngere | Kinderrollen. Mad. Länger – Hülfsrollen im Schauspiel; ist Tänzerin. Mad. Leutner – spielt Mütter in der Oper. Dem. Leutner – Kinderrollen im Schauspiel und in der Oper. Mad. Liebich spielt erste serieuse Mütter, Königinnen, Damen von Stande. Mad. Löwe spielt erste hochtragische Liebhaberinnen, Heldinnen, sanfte Rollen im Lust- und Trauerspiele. Dem. Max – Hülfsrollen. Mad. Reineke spielt Mütterrollen und Vertraute. Mad. Puell – Aushülfsrollen. Dem. Richter – Aushülfrollen. Dem. Zittermann – tanzt im Ballet.

Ballet: Hr. Reiberger Balletmeister. Tänzer: Hr. Gerstel, Hr. Küffel, Hr. Reiberger d. jüng., Hr. Supper.

Tänzerinnen: Dem. Frühmann – erste Tänzerinn. Mad. Horschelt, Dem. Horschelt d. ält. Dem. Horschelt d. jüngere – Solotänzerinnen. Mad. Länger.

Director der Oper und Kapellmeister: Hr. Carl Maria von Weber. Hr. Klement – erster Orchesterdirector; Hr. Kral – zweiter Orchesterdirector.

Machinist und Decorateur: Hr. Doberauer.

Gestorben: Hr. Morhardt. Abgegangen: Hr. Brückl – nach St. Petersburg. Engagirt: Hr. Valet.

Mad. Brede wird Ende Mai eine Kunstreise antreten, und die hiesige Bühne verlassen.

Editorial

Summary

Aufführungsbesprechung

Creation

Responsibilities

Übertragung
Charlene Jakob

Tradition

  • Text Source: Allgemeiner Deutscher Theater-Anzeiger, Jg. 4 (1814), Nr. 24, pp. 94–96

Text Constitution

  • “L”sic!

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