Helmina von Chézy an eine Freundin
Dresden, Freitag, 20. bis Samstag, 21. Juni 1823

Absolute Chronologie

Vorausgehend

Folgend

Theure Freundin!

da ich Sie in einer mir wichtigen Angelegenheit um Rath u Auskunft gebeten, müßte ich Ihnen, auch ohne erst Ihre Antwort abzuwar[ten] den Fortgang melden, u oeffne das Päckchen an Ihren würdigen Gemahl, um noch diesen Brief einzulegen.

Diesen Morgen trat unvermuthet W. zu mir ein*. Er hatte schon schriftlich geäußert wir wollten lieber unsre Angelegenheit mündlich ausmachen, u einen Dritten mitbringen wollen, ich aber hatte wieder geschrieben, er möchte lieber allein kommen u ich bäte ihn Alles zu thun, was in seinen Kräften stünde, damit unsre augenblickliche Mißhelligkeit nicht unter die Leute komme u Aergerniß gäbe oder Gerede gäbe.

Da ich mich von Anbeginn überhaupt so unbedingt seiner Leitung u Kunde anvertraut ziemte es mir nicht einen andern Weg einzuschlagen, eh er mich nicht selbst dazu zwänge. Sie wissen, liebe Frau! wie ich mich oefter darüber ausgedrückt. So kam er denn heut selbst u allein, u Sie können denken daß ich ihn freundlich u auf eine Weise empfing, die ihm Muth machen mußte Alles in Freundlichkeit zu erörtern. Ich verhielt mich leidend u ruhig, u suchte ihn blos mit Sanftmuth u Artigkeit auf die richtige SachAnsicht hinzuleiten, welches mir denn auch so ziemlich gelang. Er stellte die Ansicht auf, das Werk sey nicht mein Eigenthum, so wie er es componirt habe, u daß Wien u nicht er die 30 Ducaten dafür bezahlt, sey Privat-Verhandlung u habe nichts mit unsern Angelegenheiten gemein*. Ich konnte das nicht zugestehen, u er kam auch in sofern ab, daß er mir zugab, die Zufriedenheit, die ich damahls bezeigt, könne sich nicht auf die neue Arbeit ausdehnen, auch äußerte er, es thäte ihm leid nicht gewußt zu haben, was ich ihm aus Erfahrung versichern durfte, daß Wien überhaupt immer das Opernbuch honorirt, u immer viel höher als mir geschehen. Ich bat ihn noch eine Nachforderung für mich zu machen, dies schlug er mir jedoch auf die freundlichste Weise ab. Dagegen aber versprach er mir bey jeder Haupttheater Direktion, die ich ihm vorschlagen würde noch ein Honorar besonders für mich auszubedingen, u wünschte nun durchaus zu wissen welchen Ueberschlag ich mir im Ganzen gemacht, ich sagte: keinen. Er äußerte: er würde Schwierigkeiten finden, setzte hinzu: in Berlin sicher nicht, in Dresden schwerlich, doch wohl in manchem andren Ort, dabey zählte er mir einige Stückchen auf, die mancher Direktion denn freilich nicht Ehre machen. Uebrigens verlangte er nur, wie er sagte: daß ich nicht die Euryanthe in so fern für mein Eigenthum halten sollte daß ich mich erklärte sie dürfte nicht aufgeführt werden wenn mir nicht selbst beliebig gesetzte Bedingungen von Allen Seiten erfüllt würden.

Ich erklärte ihm, das sey nie mein Gedanke gewesen, u mein erstes Billet, worin ich ausdrücklich geschrieben hätte ihn darüber beruhigen müssen, indem ich schrieb: Was Sie für mich thun wollen muß gern, u aus Ueberzeugung daß es Recht sey geschehn, sonst will ich es lieber entbehren.

Sie sehn also, Lieber Engel, daß das alte, freundliche Verhältniß wieder hergestellt ist, u daß Weber mir in der Hauptsache nachgegeben hat, indem ich sein Wort habe bey allen HaupttheaterDirektionen in Berlin, Dresden, Cassel, München, Darmstadt, Hannover Hamburg, Frankfurth etc. etc. Carlsruhe u. a. um ein Honorar für mich anzutragen.

Wenn mich nun sein ausgesprochener Zweifel ein wenig bange macht, ob die H. Th. D. auch sein Vorwort gelten lassen werden, so wünsche ich gleichwohl die ganze Sache nicht ausufern zu lassen. Ich möchte nicht gern den Compositör meiner Dichtung, für den ich mit Liebe gewirkt kränken, u möchte nicht, darf nicht meine Ansprüche aufgeben. Daß Weber jetzt aus freiem Antriebe das thut, was ich mir Anfangs hätte von ihm ausbedingen müssen, ist nun auch wieder brav, denn das konnte er wohl voraus wissen daß ich den Verlust meiner Vortheile einer oeffentlichen Zwistigkeit vorziehen würde –

Können Sie mir nun, theure Frau, Sie die Sie so klug sind, u die Sachkenntniß haben, einen Rath geben, wie ich (da ich nicht gierig handeln u meine Ansprüche nicht auf das Äußerste ausdehnen will) meine Ansprüche freundlich sichern, u gleichwohl alles Gerede u alle Weitläufigkeiten, auch die herbe Unannehmlichkeit Weber aufzubringen u zu disgustiren, vermeiden kann?

Können Sie mir ungefähr schreiben, (da Weber mich gebeten selbst meine Ansprüche festzustellen, u ich um Bedenkzeit angetragen) was ich in Berlin, was von kleineren Theatern für meinen Text verlangen kann, u sollten mit Einsicht u Bescheidenheit gestellte Privatbriefe zu dem gewünschten Zwecke helfen können?

Ich darf Sie kaum bitten mit Niemand von der Sache zu sprechen, da ich Sie selbst stets so eifrig besorgt gesehn, daß ich mir nicht Feindschaft machen soll, ich darf Sie auch wohl nicht erst darüber beruhigen, daß ich, wenn Sie es wünschen Ihren Brief gleich vernichten werde. Mir selbst ist am Meisten daran gelegen daß Weber nicht erfährt daß ich noch sonst Erkundigungen einziehe. Einmahl, wo ich weder für meine erste Arbeit noch für die Neue versäumt habe feste Bedingungen zu machen, steht meine Sache nicht so günstig für mich, wie zu wünschen wäre, indeß bin ich doch darüber im Reinen, daß ich sie noch in meiner Gewalt habe, ich weiß, ich könnte diese Gewalt in einer solchen Ausdehnung benutzen, wie W. mir andeutete, allein meine Grundsätze streiten dagegen, ich wünschte nur einen bescheidenen, mäßigen Vortheil, ich gönne es ihm in Rücksicht der größern Mühe u Kosten, u auch des hinreißendern Effektes den Musik nun einmahl macht, daß er wirklich goldene Früchte pflückte, u wünschte, ganz offen gesagt, auch mit einigem Verlust den ungetrübten Frieden mit einem Manne, zu dem Gefühl für seinen herrlichen Genius u Freundlichkeit der geselligen Beziehungen in denen wir seit Jahren gelebt, hingezogen, u dessen Feindschaft mich schmerzen, u mir vielleicht auch schaden würde. Auch deshalb werde ich von den Erläuterungen, die ich mit Zuversicht von Ihrer mir standhaft bewiesenen Freundschaft hoffe, so wie von Ihrem Rath, theure Frau, gewiß klugen u redlichen Gebrauch machen, ich hoffe ich darf Ihnen das nicht erst versichern. Wir sind, da wir ziemlich hart an einander waren doch so weit gediehen daß wir eine neue Arbeit so gut wie besprochen haben, wo ich mir aber die besten u zweckmäßigsten Bedingungen gleich ausmachen will, was ich freilich gleich bei diesen hätte thun sollen, u erklärt habe, es müsse nun geschehn. Ich habe meinen ganz unübertrefflich anmuthigen u lebenvollen Stoff, ganz nach Webers Wünschen, denn er will u. a. auch Kriegsscenen, diese Oper aber wird mit Dialog untermischt.

Um schneller Antwort zu haben, da der Maler Koopmann (der mich ganz herrlich gezeichnet) erst Montag abgeht, will ich mir Mühe geben daß dieser Brief u dies Päckchen schon Morgen mit der fahrenden Post an Sie gelangen.

Ich empfehle Ihnen mein Lieschen u bitte Sie mir einige Nachricht zu verschaffen daß der Graf das unbedeutende Geschenk des kl. Schwanks gütig aufgenommen. Koenneritz ist ganz verliebt in das kl. Stück.

Zu der Arie ließe sich mit wenigen Modificationen die herrliche Melodie von Schulz, in Schulzens Volksliedern benutzen:

Wann kühl der Morgen athmet gehn Wir schon auf grüner AuMit rothbeglänzter Sense? u mähen?die Wiese im blanken? Thau u. s. w.*

Diese Melodie hat mir beim Liede vorgeschwebt.

Mit der herzlichsten Dankbarkeit u Liebe
theure Freundinn
Ihre achtungvoll ergebene
Helmine Chezy

Apparat

Zusammenfassung

berichtet davon, dass Weber sie wegen der Honorar-Unstimmigkeiten zur "Euryanthe" aufgesucht hat, und es zu einer Verständigung nach ihren Wünschen gekommen ist und fragt, welche Honorarforderungen sie an Weber für den Text zur "Euryanthe" stellen solle

Incipit

da ich Sie in einer mir wichtigen Angelegenheit um Rath u Auskunft gebeten,

Generalvermerk

Als Adressatin (vgl. Waidelich, Weberiana 18, S. 46) kommen mehrere Personen in Betracht: Amalie von Helvig, Caroline Fouqué, Amalie Esperstedt oder Elise von Hohenhausen. Waidelich vermutet (S. 49), dass dieser Brief von Chézy nicht abgeschickt wurde; vgl. auch das Schreiben an dieselbe Freundin vom 27. Juni 1823. Im Brief vom 31. Mai 1823 machte H. v. Chézy erstmals Ansprüche auf ein zusätzliches Honorar für ihre Dichtung zur "Euryanthe" geltend; vgl. die Briefe zwischen Weber und Chézy um die Honorarproblematik: vom 5. Juni; 14. Juni; 17. Juni 1823 und 5. Juli sowie TB vom 20. Juni und 13. Juli 1823

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (D-Bbbaw)
Signatur: NL H. von Chézy 881, Nr. 51 und 42

Quellenbeschreibung

  • Brief durch zwei separat nummerierte Fragmente der Nachlassmappe überliefert; lt. Waidelich, Weberiana 18, S. 46, aufgrund von formalen (Tintefarbe, Papiertyp und -größe sowie Faltung, Schriftduktus) und inhaltlichen Gesichtspunkten zusammengehörig
  • 1. Fragment: 1 DBl. 4 b.S., undatiert u. ohne Unterschrift
Weitere Textquellen
  • Wiedergabe in: Till Gerrit Waidelich, „Durch Webers Betrügerey die Hände so gebunden“. Helmina von Chézys Kampf um die Urheberrechte an ihrem Euryanthe-Libretto in ihrer Korrespondenz und Brief-Entwürfen, in: Weberiana. Mitteilungen der Internationalen Carl-Maria-von-Weber-Gesellschaft e. V., Heft 18 (2008), S. 46–49

Textkonstitution

  • "gäbe": durchgestrichen.
  • "ausufern": Unsichere Lesung.

Einzelstellenerläuterung

  • "… unvermuthet W. zu mir ein": Der Besuch Webers bei H. v. Chézy fand lt. TB am 20. Juni 1823 statt. Vermutlich begann H. v. Chézy an diesem Tag den Brief, den sie tags darauf beendete.
  • "… nichts mit unsern Angelegenheiten gemein": Die Honorarzahlung lag zu diesem Zeitpunkt 1 1/2 Jahre zurück. Im TB finden sich zwei Vermerke über Honorarzahlungen von Weber an H. v. Chézy für das Textbuch zur "Euryanthe"; am 31. Dezember 1821 20 # sowie am 22. Januar 1822 die restlichen 10 #. Bei seinem Aufenthalt in Wien im Februar/März 1822 erhielt er seine Auslagen zurück; vgl. TB-Eintrag vom 9. März 1822. Zu Webers Honorarverhandlungen mit Wien; vgl. Brief an Duport vom 3. Januar 1822.
  • "… blanken? Thau u. s. w.": Der Text des Liedes stammt aus dem Gedicht "Heureigen" (1785) von Johann Heinrich Voß.

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