Giacomo Meyerbeer an Gottfried Weber in Mannheim
Würzburg, Dienstag, 10. März 1812

Gestern Abend bin ich hier angekomen, und eille heute früh meinen angefangenen Brief an dich zu beendigen. Fröhlich hat mir gesagt, daß er in seiner Lezten Museum C. M. v. W. ersten Ton gegeben hatt der sehr gefiel.

Was deine Fuge betrift so ist nach der reifsten und gründlichsten Überlegung meine unmaßgebliche Meinung folgende. Endweder du betrachtest di Fuge bloß als ein Geheise in dem du alle Kontrapunktische Formen in locker verbindung brachtest bloß um dich in Gebrauch der Formen zu üben und dann wüßte ich nichts dagegen einzuwenden, den du hast mit seltnen Scharfsinn nicht nur die v[ogler]schen Formen. sondern auch seine Art sie zu Gebrauchen, die tours d’esprit die er damit hervor bringt, volkommen auf gefaßt und dies alles ohne Wesentliche inconvenisenzen gegen den reinen Satz. (Gärten* kommen bei Meisterfuge eben nicht in betracht) aus geführt – betrachest du aber diese fuge als practis Kunst Werk so habe ich [nimm] mir es nicht übel Lieber Bluder Bruder viel dagegen einzuwenden. Ich vermiße derin nicht nur die Lopische Konsequenz* (die bei einer Fuge mehr als bei jedem andern Musickstück das point devue sein muß) sondern auch die rhetorische Fortführung. Die Modulationen scheinen nur durch das jedes maligen bedürfniß der Figurenausführung entstanden zu sein, und diese nur wiederum durch den Einfall des Moment auf den Platz wo sie Jetzt stehen, gekommen zu sein. Denn die Figuren müßen sich natürlicherweise im Laufe der Rede steigern: von unbedeutenden Nachahmungen eines Themas, dreistimmig gehalten, schwingt mnan sich zu der doppelten Nachahmungen a) zweier Themas, denen leicht 4 fache Kanons folgen können; der Erschöpfung die leicht dem Drange der Steigerungen hier droht, Weicht man dann wohl am besten durch sanfte Umkörungen des Haupt Themas aus, die sich leicht bis in den Orgelpunckt hineinführen laßen. Der Orgelpunkt hat bey mir einen Doppelten zweck. Auf der ich mich seiner als resume, und Erklärung, durch die Auffaßung alles Gesagten in einer Meinung. habe ich dann das Gefühl ders Konseqwenz erreicht, und die Überzeigung berichtiget, so bediene ich mich desen Überwälzung auf die Tonica mit der 6 7, nur noch als Fingerzeig und hinweisung auf den Schluß weßhals ich auch sehr dafür bin, daß der lezttere O. punte so kurz als möglich gehalten werden. Bey einer Fuge nun wie die deinige wo bis dahin schont alles gesagt ist, würde ich rathen den Schluß durch ein 2 stimmiges stretto und daß Thema allongi auf die sing singlen Harmonien [Notenbeispiel: ] zu formiren, denn die höchste Steigerung der Kraft ist Ruhe. – von diesem oder einen sonstigen Plane aber finde ich bei der Analpse* der Faeler durch aus keine Spur, daß umgekehrte Thema und den Orgelpungt etwa aus genohmmen. die Würkung des Letzteren aber verdirbst du dir selbst, indem du ihn nicht nur zweimahl auf Tüschest, (welches ich gar nicht statuire, indem er nach meiner Meinung bloß Motirirung des Schlußes ist sondern ihn auch das 2te mal schwächer als das erste mal bringst, indem er daß 1te mal auf der 3te und dan der 7te der Tonier, – das 2te mal aber bloß auf der Qwinte ist. – In rhetorischer Hinsicht vermiße ich besonders schmerzlich die enjambements! – die Fuge ist gewöhnlich daß undeutlichste aller Musickstücke und sollte doch daß Klarste sein, denn es ist bei weitem mehr resultat des verstandes als des Genies. Diese Klahrheit erwirbt man ihr Statuiren sächlich durch die Enjambements der Figuren nach und zu nimanden im Lauf der Ausführung. Solte ich von meinem Berbachtungung an andren, und versuchen an eigenfugen, etwaß positives, einer Regel önliches daran abstrahiren so währe es ungefähr Folgendes: Mann imitirt doch gewöhnlich im anfange (wo es handpseslich* darauf ankömmt den Gefühle die verschüdene Tacte oder Thematas worüber die Musickalische Rede gehalten werden soll, gehörig einzuprägen) nur immer ein Thema daß dann von einem zweiten abgelänt wird und zwar gewöhnlich dreistimig. in die Hälfte der ausFührung des ersten Themas bringe man ungefähr die halbe Figur des 2tn Themas gleichsam wie verlohren, und laße nur von scheinbar den Faden Fallen in dem man einige Takte nichts davon hören läßt dann lege man die halbe Figur des 2ten Themas in einem bedeutenderen Mittelehstimme, und Laße von einer andern M. St. die andere Hälfte dazu machen. Nun bringe man dieses 2te Thema in mehr engern Zeitraumer nacheinander (jedoch immer nur um seiner natürlichen Gestalt, denn die Ausführung bleibt Nach den 1t und 2tn Mahle daß man es einführte, 4 Tackte, dann nach einem Tackte etc. wieder behren in die Hälfte dieser Zunahmen des 2tn Themas nach einander, Laße man auch die Zu nahmen auf einander folgen und zwar in dem Verhältniße daß Zuletzt so viele Stümme das 2t Thema gegen daß erste haben, als im Anfang das 2te gegen das erste halte, ungefähr so

Thema 1 1 2 2 2

Thema 1 1 1 2 2

Thema 1 2 2 2 2

Thema 1 1 1 1 2

Nun ist es zeit das 1ste Thema fallen zu laßen und die Ausführung des 2tn Th: zu beginnen, den[n] nach solgen vorbereitungen muß man zur völligen Erkenntniß des letztern gekommen sein, und Lauschen daher nur mit Leichtigkeidt in die Cabgentischen Tiefen der Contrapunctischen Ausführung folgen – dies nene ich nur so in meinem palois, Enjambements, und glaube daß dadurch der Zuhörer diesen beser im Stande gesetzt wird zu folgen; ergo (um wieder auf meine erste behauptung zurück zu komen) wird dadurch mehr Clarheit gewonnen. Es versteht sich übrigens von selbst das dieser versuch einer Regel nach erstaunlich vieler berichtigungen, Zusätzen und Ausnahmen bedarf. auch habe ich es nun in der Eile als ein Schema aufgestelt, um meine Iden zu versinnlichen. – In ästhetischer Hinsicht fehlt es der Fuge besonders an Kontrasten bei der Übersicht die 4 Themas auf einander, fand ich viel zu wenig Underschied unter de[n]selben, d. h. jedes wahr nicht Karakterischisch genug. besonders hätte ich ein Thema mit grosen Noten gewünscht. diese sigenanntte Pfund-Noten sind die wahrend Grundpfeiler der Fugen, machen alle übrigen Thematas resortiren, und bringen Haltung in daß Ganze.

[ohne Unterschrift]

Apparat

Zusammenfassung

erwähnt Fröhlichs Aufführung von C.M.v.Webers Erstem Ton und äußert sich ausführlich analytisch über eine Fuge Gottfried Webers, die er in einigen Punkten kritisiert

Incipit

Gestern Abend bin ich hier angekomen, und eile

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: N. Mus. Nachl. 97, A/161

    Quellenbeschreibung

    • 3 DBl. (7 b.S. o.Adr.)
    • Am linken oberen Rand Bl. 1r von frd. Hd.: von Meyerbeer dictirt cf. 23. III. 12 an Gottfried Weber

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Becker (Meyerbeer), Bd. 1, S. 149–151

Textkonstitution

  • „Bluder“durchgestrichen.
  • „von“durchgestrichen.
  • „diesen“durchgestrichen.

Einzelstellenerläuterung

  • inconvenisenzenrecte „Inkonvenienzen“.
  • „… gegen den reinen Satz. (Gärten“ bei Becker so, könnte es auch Härten heißen? G und H kaum Unterschiede.
  • „… nur die Lop ische Konsequenz“ sieht aus wie: Kausegung, ist ja aber bestimmt logische Konsequenz gemeint.
  • „… finde ich bei der Analpse“ stillschweigend als Analyse übertragen?
  • „… im anfange (wo es handpseslich“ vermutlichhauptsächlich gemeint.
  • Lauschenrecte „brauchen“.

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