Carl Maria von Weber an Carl Graf von Brühl in Berlin
Dresden, Montag, 13. Januar 1823

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Hochgebohrener
Hochzuverehrender Herr Graf!

Allerdings hat mir H: Prof: Lichtenstein die Beweise der mich innig erfreuenden und rührenden Theilnahme meiner Freunde erzählt, und dabei ausdrüklich gerühmt, mit welcher Vorsorge und Güte, Sie mein innigverehrter Herr Graf Sich dabei in jeder Weise gezeigt, und das Ganze durch Ihre Gegenwart geschmükt haben*.      Empfangen Sie dafür, und für die zierliche WeynachtGabe der Kostüme*, meinen herzlichsten besten Dank.

Werden Sie nun aber nicht zürnen?, und mich wohl gar dünkelhaft schelten, wenn ich Sie bitte die Summe von hundert Thalern ablehnen zu dürfen?

Ich bin es seit Jahren so gewohnt geworden, in Ihnen mehr den wahrenFreund der Künste, alles Guten und Schönen, und den Meinigen – als wie den Vorsteher einer Königl: Anstalt – zu sehen; daß ich nothwendig aus dem Herzen zu Ersterem sprechen muß.      Er möge mich bei dem Lezteren vertreten.

Offenherzig bekenne ich daher, daß mich dieses Anerbieten tief geschmerzt hat.

Bei der Öffentlichkeit die leider jezt in der Welt Allem Begleiter ist, kann es nicht fehlen daß auch dieß bekannt würde.      Denken Sie Sich einen Artikel folgenden Inhalts - - "Die in 18 Monaten statt gefundene 50 malige Wieder|holung des Freyschützen, wurde von unsrer geehrten General-Intendantur öffentlich bezeichnet. dieser in den Annalen des Theaters so seltene Fall, verdient auch eine besondere Auszeichnung, zumal, da dem Vernehmen nach, diese 50 vollen Häuser, der Kaße einen Ertrag von 30 000 rh: gebracht haben sollen. Man hat daher dem Komponisten ein Geschenk von „hundert Thalern“ angewiesen. – –

Dieß ist also der Lohn –  würde man sagen – die Auszeichnung, die ein deutscher Komponist, der Kapellmeister eines benachbarten Königshauses, – in Verhältnißen lebend die ihn über Geldsorgen erheben – von der ersten deutschen Königl: KunstAnstalt, von dem das vaterländische Talent so warm beschützenden Direktor derselben pp erlangen kann, wenn er einen bisher unerhörten Erfolg erreicht hat. – –

Ich, der ich Ew: Hochgebohren Gesinnungen für mich persönlich, kenne; weiß wohl daß dieß nicht Ihnen zuzuschreiben ist; daß Sie troz aller Macht und Ansehens, Sich auch Verhältnißen beugen müßen: und nach Ihrem Willen, Ihrer Einsicht, mich gewiß eben so in Verlegenheit gesezt haben würden durch das Uebermaaß Ihrer Güte, als es jezt Gegentheils geschieht durch das, zu dem Sie Sich veranlaßt fanden.

Aber was soll ich den täglich mich mündlich und schriftlich bestürmenden Anfragen pp das Freyschütz Juliläum betreffend, entgegen stellen?

Das freundliche Wort von Ihnen, das Bewußtseyn Ihrer Liebe für mich, war mir genug. Wenn nichts anderes geschah, lag es gewiß nicht an | Ihrem Willen; und dabei wollen wir es auch laßen, so will ich es betrachten, so will ich Jedem antworten. Ich bin nun einmal ein Deutscher was ist da zu erwarten.

Möchten Sie doch, mein innig verehrter Herr und Freund, in meiner Seele lesen können, und die todten kalten Buchstaben nicht mißverstehen. Stets wird Dank und Liebe für Sie in mir leben.

Meine vielen DienstGeschäfte und die Abwesenheit der Fr. v: Chezy haben Euryanthe so zurükgesezt, daß sie erst im 7br in Wien in Szene gehen wird.      Ob nun diesen Sommer auch daneben noch die 3 Pintos fertig werden, hängt von den Eingebungen des gütigen Himmels ab.      Zur Aufführung während des Sommers ist wohl nichts von mir zu bringen, da ich die Pintos zuerst hier meinem verehrten Königshause vorführen muß.      Sobald etwas vollendet ist, zeige ich es natürlich E: Hochgebohren an.

Meine Frau empfiehlt sich mit mir achtungsvollst der gnädigen Gräfin, und ich bin mit den unwandelbarsten Gesinnungen treuer Achtung und Freundschaft des hochgebohrenen Herrn Grafen herzlichst ergebener
CMvWeber

Apparat

Zusammenfassung

bedankt sich für Brühls Einsatz bei der 50. Freischütz-Aufführung in Berlin und für die Kostüm-Abbildungen; lehnt die 100 Taler nachträgliches Honorar angesichts des Gesamtertrags von 30.000 Taler ab; betont, dass er nicht Brühl für diese Summe verantwortlich mache und versichert ihn seiner Freundschaft; Euryanthe habe sich durch Abwesenheit der Chézy und Arbeitslast verzögert, auch Vollendung der Pintos sei nicht abzusehen

Incipit

Allerdings hat mir H: Prof: Lichtenstein

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Joachim Veit

Überlieferung in 2 Textzeugen

  • 1. Textzeuge: Dresden (D), Sächsische Landesbibliothek – Staats– und Universitätsbibliothek Dresden, Musikabteilung (D-Dl)
    Signatur: Mscr. Dresd. App. 514 A, 2342

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (3 b. S. o. Adr.)

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Leipzig (Deutschland), Leipziger Stadtbibliothek – Musikbibliothek (D-LEm)
      Signatur: PB 37 (Nr. 43)

      Quellenbeschreibung

    • Rudorff 1900, S. 124–127 (nach Webers Abschrift, vgl. Br. an Lichtenst. 14.1.)
    • Brühl, S. 37–39 (Nr. 36), Schlußzeilen fehlen
    • MMW II, S. 463–465
  • 2. Textzeuge: Entwurf: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Mus. ms. autogr. theor. C. M. v. Weber WFN 6, Mappe XIII, Bl. 79a/r u. 79a/v

Textkonstitution

  • wahren„Freund“ überschrieben mit „wahren“.
  • „eine“über der Zeile hinzugefügt.

Einzelstellenerläuterung

  • „… durch Ihre Gegenwart geschmükt haben“Bezogen auf die 50. Freischütz-Aufführung der Königlichen Schauspiele in Berlin am 28. Dezember 1822, aufgrund derer Brühl Weber in seinem Brief eine zusätzliche Honorarzahlung von hundert Talern offerierte.
  • „… die zierliche WeynachtGabe der Kostüme“Brühl hatte Weber das Heft 13 der bei Ludwig Wilhelm Wittich in Berlin erscheinenden Reihe Neue Kostüme auf den beiden Königlichen Theatern in Berlin, unter der General-Intendantur des Herrn Gr. v. Brühl mit den Freischütz-Figurinen von Johann Heinrich Stürmer als Geschenk übersandt; vgl. Webers Brief vom 14. Januar 1823 an Hinrich Lichtenstein.
  • „… Dresden d: 13 t“nachträglich korrigiert aus: 14t.

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