Vincent Weyrauch an Gustav Friedrich Wilhelm Großmann in Lübeck
Kassel, Sonntag, 1. Februar 1789

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Verehrungswürdiger Herr Großmann!

Die große Julie ist bereits in Arbeit* – sobald als möglich, sollen Sie dieselbe bekommen. Etwas unangenehmes für’n Hℓ: Weber – sie ist nicht übersezt. Soll ich den französischen Text auch unterlegen? Deutscher ist nicht da; ’s Buch haben Sie doch?

Die Einlage an Hℓ: Czibe[?] hab ich noch denselben Tag besorgt – mir ist derselbe unbekannt. Hℓ: Santorini, der ihn bei seiner Durchreise in Mainz gesehen, sagt: es wäre nicht viel d’ran; Hℓ: Lange hingegen kennt ihn aus Königsberg, und behauptet ’s Contraire. – Der leztere hat ein Singspiel: Der Freibrief* genannt in Musik gesezt, habs noch nicht gehört, wollen Sie’s haben, schreiben Sie bald, den wie mir bekannt, geht derselbe in 4. Wochen von der hiesigen Gesellschaft ab. Seine Frau, eine Anfängerin, aber hübsch Weibchen, singt ein wenig – man sagt, sie wäre bey Hof in Schwed Sängerinn gewesen; hat ein reines aber schwaches Stimmchen.

Ihre Fragen übers hiesige Theater offenherzig zu beantworten, kostet mich Überwindung, doch ist ’s Aufschneiden nie meine Sache gewesen – hier haben Sie die Antworten.

Ent[r]epreneur’s sind Toscani u Santorini. NB: dieselben geben nurs Geld und ihr bischen Nahmen – das übrige geht sie wenig an, und mit Recht, denn die guten Leute haben schon verschiedenmal Ihre Nerven-Schwäche : die aber bloß im Kopfe gemeint ist : bewiesen, man hat Ihnen Ihr commando-Stab genommen – und es Hℓ: v Jasmund – Hℓ: Rath Cassperson, und Hℓ: Moretti übergeben. Der leztere – lange Zeit außer Diensten ist bei der Gelegenheit | in die vorigen Inspecteur-Würde und Stelle eingesezt. Er hat das große Opernhauß in paar Monathen in sehr guten Stand gesezt,* auch ist die ganze Garderobbe, deren sich die beiden Ent[r]epreneurs bedienen, unter seiner Aufsicht. Wir leben wie die Republicaner, zu unserrer Schande muß ich gestehen, daß wir hier thun was wir wollen – und zu weilen auch lernen was wir wollen. Mitglieder sind folgende:*

Hℓ: und Mad ToscaniSantoriniHℓ: und Mad: LangeHℓ: und Madam Müller, eben dieselbe, deren in Berliner Wochenschrift gedacht wird: unter andern etwas von blecherner Stimme.* Hℓ: und Mad: Fabricius, hilft außer dem in der Mascerade dem Hℓ: Inspecteur Moretti Pounsch machen, und auch verkaufen. Hℓ: und Mad: RàkeNoesseltHeinischReinhardt – und – – ich Hℓ: und Mad: Buchhardt Gespielt wird: Montags – Mittwochs und Sonnabends – lauter franzo[es]ische Opern, die sie gratis aus dem Museum zu lehnen bekommen – denn, stellen Sie sich vor – außer Robert und Calliste,* haben die Leute keine einzige Italienische Oper – ettliche Gassenhauer mit ausgenommen.

Die Stüke gehen meistentheils – adjeu – Opern, heißts man muß Geduld haben, es fehlt uns nur noch 1e Sängerin, für die 2e ist M: Müller so ziemlich, und 1er Tenorist, denn mit’n Toscani da ists nicht auszuhalten.

Nun bester Hℓ: Grossmann! stellen Sie sich vor, wie es einem zu Muth ist wenn man solche auserlesene – täglich um und neben sich sehen muß. Wär’ ich der Mensch, wie es viele giebt, der sich um nichts, als seine Gage richtig zu holen, bekümmerte – so wär ich aufs unvergleichlichste dran. Denn ich hab ihrer wirklich so – als ich sie bei diesen obwaltenden Umständen mir verdienen kann. Ich bin ohne Ruhm sehr wohl | hier angeschrieben, auch hab’ ich bey Böhms Zeiten, dem Beyfall – dem Fleiße nach wenigstens verdient – ich kann daher ohne mich zu versündigen nicht im mindesten klagen – Aber ums Himmelswillen was soll in Zukunft daraus werden? mit Müßiggehen wird ein Schauspieler nicht gebildet, und wahrer Müßi[g]gang ists in meinen Augen Woche einmal in Oper zu spielen – und wahrer Skandal zu sehn, wie einem troz allem Fleiße alles nur neben sich verhunzt wird – Und dann die vortrefliche Ordnung die hier herrscht – um 10 Uhr ist Probe angesagt, um 11. fast ist noch keine Seele da, um ½ 12. komt der Hℓ: Toscani oder Santorini – da will man anfangen – wo ists Buch? – Sapperment Kinder ihr müßt noch bischen warten, ich hab’s verlehnt, und vergessen zu holen. Und so gehts alle Tage – Wie ich mich ärgere, wie ich die ganze Wirthschaft zum Henker wünsche, wie ich unzufrieden bin, können Sie sich ein wenig vorstellen, der Sie mein hitziges – leider auch in manchen Fällen unüberlegtes Temperament und Betragen kennen – Schon parmal paarmal hab ich mir s Maul verbrannt, aber s hilft nichts, die Leute haben gar kein bischen Gefühl – und sind das herum schwärmen im lande herum so gewohnt, daß sie sich oft schonerfrechten zu sagen: Ach! auf unsern kleinen Oertern ist besser gegangen, da sind wir zum Directeur zum Schnaps gekommen – und haben so probirt und in Freundschaft fortgelebt daß es eine Lust war. Es ist kurz um ein Confluxus Canaliorum das ganze heuflein zusammen – ettwelche ausgenommen – und ich bin so erboßt daß – –

Frankenberg soll nach Bonn gehen – Mams:lle Willmann* soll ihn zu diesem Schritte verleiten – denn er gefällt wohl – und Sie nicht – Seine Frau das arme Weib hat er in Frankfurt gelassen – sie liegt da schwer dar krank darnieder. Sie haben ohne Zweifel Connexion mit Hℓ: Engel, wie wärs, wenn Sie mir ein Empfehlungs-Schreiben – bloß der 1n Bekanntschaft wegen, gäben, denn wahrhaft länger bis Ostern – oder höchstens wenn mein Vorschuß alle ist – halt’ ichs hier bei der Wirthschaft nicht aus. Sie kommen doch wieder nach Hannover? | Wie gehn die Aktien bey Ihnen? nehmen Sie brav Geld ein? ich wünsch es:

Bitte empfehlen Sie mich bestens dero Frau Gemahlin, meiner wie auch Mlle Lotte. Ich bin unverändert
Deroergebenster Diener
Vinzent Weyrauchmp

Wie wärs wenn Sie Jagd auf Cassel machten? Man spricht hier schon oft von Ihnen. Hℓ: Lange hat mich ersucht ihn Ihnen bekannt zu machen: Es sind sehr ordentliche, hübsche Leute, aber wie gesagt – Anfänger. Er spielt 2e Liebhaber oder sonstige junge Rollen. Sie singt – – .

Apparat

Zusammenfassung

berichtet auf Bitte von Großmann ausführlich über die Theatersituation in Kassel

Incipit

Die große Julie ist bereits in Arbeit

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Frank Ziegler

Überlieferung

  • Textzeuge: Leipzig (D), Universitätsbibliothek (D-LEu)
    Signatur: Slg. Kestner/I/C/II/444,Nr. 6

    Quellenbeschreibung

    • 2 Bl. (4 b. S.)

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Weberiana 14 (2004), S. 48–51 (Auszug)

Textkonstitution

  • in„zu“ durchgestrichen und ersetzt mit „in“.
  • die„der“ überschrieben mit „die“.
  • „n“durchgestrichen.
  • „und Stelle“über der Zeile hinzugefügt.
  • eingesezt.„gebracht“ durchgestrichen und ersetzt mit „eingesezt.“.
  • „und Mad:“durchgestrichen.
  • Hℓ: und Mad: Buchhardtam Rand hinzugefügt.
  • „parmal“durchgestrichen.
  • oft schon„jezt“ durchgestrichen und ersetzt mit „oft schon“.
  • „dar“durchgestrichen.
  • „meiner“durchgestrichen.

Einzelstellenerläuterung

  • „… Julie ist bereits in Arbeit“Vermutlich die „comédie mêlée d’ariettes“ in drei Akten Julie von Nicolas Dezède (1772) gemeint; zur sogenannten „kleinen Julie“ (in einem Akt) vgl. Chronic von Berlin oder Berlinsche Merkwürdigkeiten, Bd. 1, Nr. 13/14 (21. Februar 1789), S. 215.
  • „… hat ein Singspiel: Der Freibrief“Der Freybrief, Posse mit Gesang in einem Akt, Libretto und Musik von Georg Ernst Lüderwald, Uraufführung vermutlich 13. Juli (nach Julianischem Kalender = 2. Juli) 1792 in Riga. Das Libretto benutzten später auch Franz Anton von Weber und Fridolin von Weber für ihre gleichnamigen Pasticci.
  • „… in sehr guten Stand gesezt,“Zum Umbau des Opernhauses nach Morettis Plan vgl. auch Theater-Zeitung für Deutschland, Nr. 3 (17. Januar 1789), S. 20: „Die Einrichtung des Hauses ist recht schön, ohne ihm etwas von seiner Größe zu nehmen, ist es in’s Kleinere gezogen, und wird durch acht recht artig angebrachte Ofen geheizt.“.
  • „… wir wollen. Mitglieder sind folgende:“Im Personalüberblick nicht genannt ist (neben den beiden Töchtern Toscanis) das durch Theaterzettel von Dezember 1788 bis April 1789 in der Gesellschaft verbürgte Ehepaar Sebastiani.
  • „… andern etwas von blecherner Stimme.“Vgl. die wöchentlich in Berlin erscheinende Theater-Zeitung für Deutschland, Nr. 3 (17. Januar 1789), S. 20: „Prima Donna ist eine Madam Müller, die recht artig singen soll.“.
  • „… außer Robert und Calliste ,“Robert und Kalliste, nach Guglielmis La sposa fedele bearbeitet von Paul Ignaz Kürzinger.
  • „… gehen – Mams: lle Willmann“Fraglich, welche der beiden Töchter des Bonner Musikers Johann Ignaz Willmann (aus erster Ehe mit Maria Elisabeth, geb. Erdmannsdorfer): Walburga (1769–1835) oder Magdalena (1771–1801); beide waren zu dieser Zeit in Bonn tätig.

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