Carl Maria von Weber an Gottfried Weber in Mannheim
Darmstadt, 15. Januar 1811

S: Wohlgebohren

dem Herren

Licentiatum

Gottfried Weber

wohnhaftiglich

zu –

Mannheim

Deinen Gedanken Zettel habe ich heut erhalten, und daraus ersehen daß ich nichts daraus ersehen kann. ist das eine Antwort auf alle meine Fragen*? du Seehund? ich weis noch nicht, ob das Orchester dem Kreuzer accompagnirt* hat oder nicht, den Brief an Fräulein v: Bloksberg hast du auch nicht abgegeben denn ich habe noch keine Antwort erhalten. besorge doch dies alles gleich. daß der H: Vetter Friedrich wieder wohl ist freut mich herzlich; dergl: Uebergänge kommen alle Augenblike vor, der Kerl ist aber so kernfest in seiner Gesundheit, daß es ihm nichts anhaben wird. hättest wohl auch’s Maul auf thun können und mir sagen, was die Frau Baas macht, aber an so was denkt er nicht, wenn er sie herzen und küßen kann ist er zufrieden, also richt nur* wenigstens mein g’horsamstes Kompliment aus, und ich ließ mich schön empfehlen.

– Den Brief von Frau v: Dörnberg habe ich auch nicht gefunden den hast du ruhigst ebenfalls vergeßen. – daß der Christoph Stinkloch* den Hammel nicht will fahren laßen, freut mich von ihm; es ist viel consequenz in diesem Stinkloch, sehe doch daß du ihn zum Correspondenten bekömst.

Daß der Henriette der Morgenstern aufgegangen ist, ist etwas altes. das Morgenblatt* habe ich noch nicht gelesen denn die neusten Blätter davon hier sind noch vom December. ists lang? und vernünftig? – in den Chorälen ist es ein Drukfehler*, es muß heißen, ein System der Umwendungen. Nun habe ich deinen Brief beantwortet, jezt kommen meine Neuigkeiten. der Abu Hassan, ist nebst Overture fix und fertig, und habe ich den Kerl gestern in sauberen rothen Saffian gebunden dem Großherzog dedicirt und überschikt*; was er dazu sagen wird, das weis man nicht, ich wünsche aber, er möchte sagen Musje, je tien bocup de se*. an Gänsbacher habe ich den 13t geschrieben – und an Mahlmann schon die Notiz aus seinem Brief abgesandt. hiebey folgt Copia* zu dem A:. warst du seitdem nicht bey Copps?*, alles schöne von mir dort. der Stokhorn aus Carlsruhe hat mir geschrieben wegen meiner 2 Opern, und bietet mir wegen Armuth seiner Cassa nur 70 ƒ für beyde das ist schofel, und ich kann sie dafür nicht geben*.

Fleißig bin ich wie ein Thier, sizze den ganzen Tag und schreibe, möchte mich gerne aller Arbeit hier entledigen daß ich auf der ferneren Reise was neues anfangen kann. schreibe mir nur gleich wegen Xers Concert* daß ich losbrechen kann, über das verruchte Orchester.

jezt leb wohl. Antworte bald ordentlich, grüße alle meine Lieben bestens, und vergiß nicht deinen Bruder
Weber.
Da brummt auch noch der Bär. –

Und bist Du Unhold denn nicht zufrieden, wenn Du auch nur 2 Decenien mit Deiner Frau glücklich lebst? Ich habe bisher verzweifelt daß man es 8 Tage könne, und nun da ich schon 20 Jahre einräume bist Du noch nicht einmal zufrieden, Mit den Pantoffelträgern ist doch gar nichts anzufangen. (Du kannst aus dem großen M ein kleines machen, sintemal ich den Punkt in ein Komma verwandelt habe; Gebühren bezahle ich aber nicht dafür). Daß ihr die Pastoralmesse* ohne mich aufführt ist abscheulich. Aber es wird euch schlecht bekommen: courrez seulement dans votre gâtement*. Leb wohl ich muß schließen, denn heute Abend will ich noch das Gericht für den Freymüthigen* kochen, wo ich Dir eins versetze  c’est de l’au sur mon moulin. – Apropos laß Dir nicht einfallen zu irgend jemandem von Voglers neuer Oper* zu sprechen.

Grüße Dusch und lebe wohl. Dein treuer Bruder
MBeer.

Apparat

Zusammenfassung

betrifft Korrespondenz u. Rezensionen; berichtet von Dedikation des vollendeten Abu Hassan; Stockhorn aus Karlsruhe habe für seine Opern zu wenig geboten; Nachschrift: kann nicht zur Aufführung der Pastoralmesse kommen; über Voglers neue Oper solle nichts verlauten

Incipit

Deinen Gedanken-Zettel habe ich heut erhalten

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. New Haven (US), Yale University, Beinecke Rare Book and Manuscript Library (US-NHub), Frederick R. Koch Foundation

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (3 b.S. einschl. Adr.)

    Provenienz

    • Stargardt Kat. 630 (1983), Nr. 1005, mit Faks (ebd. S. 305)

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Bollert/Lemke 1972, S. 21–22
    • /tV: MMW I, S. 241–242

Einzelstellenerläuterung

  • „dem Kreuzer accompagnirt“im Mannheimer Konzert vom 7. Januar, vgl. Brief an Gottfried Weber vo 8. Januar 1811.
  • „… er zufrieden, also richt nur“oder: nun.
  • „Christoph Stinkloch“nicht ermitteltes Pseudonym, wohl für Vereinsmitglied o.ä.??
  • „das Morgenblatt“Im Morgenblatt für gebildete Stände, Jg. 5, Nr. 11 (12. Januar 1811), S. 44 erschien unter den Korrespondenz-Nachrichten ein ungezeichneter Bericht aus Karlsruhe, in dem auch Webers dortiges Konzert vom 21. Dezember 1810 erwähnt wird. Der Bericht stammt laut Redaktionsexemplar der Zeitschrift von Johann Ludwig Ewald, vgl. Schriften.
  • „ein Drukfehler“In der Ausgabe der Zwölf Choräle von SEBASTIAN BACH umgearbeitet von Vogler / zergliedert von Carl Maria von Weber [...], Leipzig: Kühnel, PN 843 steht auf S. 2 der Zergliederungen in Z. 5 Anwendungen statt Umwendungen.
  • „Abu Hassan , … dedicirt und überschikt“vgl. Brief an Ludewig I.vom 14. Januar 1811 und Tagebuch 14. Januar 1811 .
  • „' Musje, je … de se '“für: Monsieur, je tiens beaucoup de ce – Anspielung auf das schlechte Französisch des Großherzogs .
  • „Copia“Die ursprünglich beiliegende Abschrift der Notiz von Gänsbacher (vgl. Tagebuch 15. Januar 1811) ist nicht erhalten.
  • A:Abk. von „Archiv“.
  • „seitdem nicht bey Copps ?“Die Familie von Ulrich Friedrich Kopp hatte Weber laut Tagebuch zuletzt am 5. Januar besucht.
  • „ und bietet … dafür nicht geben“Weber ging dann doch auf das geringe Honorar-Angebot für seine beiden Opern (Silvana und Abu Hassan) ein, vgl. Brief an Karl Ludwig Freiherr von Stockhorn vom 12. Februar 1811.
  • „Xers Concert“Conradin Kreutzer’s Konzert, vgl. Z. 4 ■K.
  • „Pastoralmesse“Georg Joseph Voglers Pastoralmesse wurde am ... in Mannheim wo?? aufgeführt.
  • „courrez seulement dans votre gâtement“frei für: lauft doch in euer Verderben; vgl. oben Z. 21■K.
  • „Gericht für den Freymüthigen“Die Besprechung der Aufführung von Gottfried Webers Kantate im Museumskonzert vom 31. Dezember 1810, vgl. Kom. Brief an Seraphine von Bloksberg vom 8. Januar 1811.

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