Vincent Weyrauch an Gustav Friedrich Wilhelm Großmann in Hannover
Meiningen, Donnerstag, 1. Oktober 1789

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Verehrungswerther Herr Großmann!

Wundern Sie sich nicht bey Lesung der Aufschrift? ich habe mich losgerißen von der Bande, und habe mir wenigstens der Meinung nach zufried’nere Tage geschaft, auf wie lange? – weis ich nicht.

Ich habe Ihnen in meinen lezten vorläufig gemeldet, daß ich mich bemühete v Cassel wegzukommen – da die Sache so ungewiß noch war, übergieng’ ich Sie mit Fleiß mit Stillschweigen. Der Alte Weber hat, da er zahlreiche Familie hat, sich entschloßen selbst ein kleines Operchen zu ent[r]epreniren, ich rieth ihm selbst dazu, und so war der Schluß gefaßt hieher zu gehen, wo wir einen der Music ganz ergebenen, und sonst in allem, einen huldreichen Fürsten antrafen – Ich bin gefolgt, und diene gleich einem Jacob um meine Rebecca. Nachgerade wird mirs aber zur Last, solange zu warten hab’ ich nicht gelernt, und werde sobald als | möglich den Entschluß des Hℓ: Schwiegervaters verlangen: fällt er aus nach meinem Sinn: gut; wo nicht, so will ich mich bestens reteriren, und meinen Stab weiter fortsezen – Wir haben bereits die Colonie, Faßbinder, und den Freybrief gegeben, und haben sehr gut reusirt.* Hℓ: und Mad: Geiling – Hℓ: Denifle & MadLaufert werden alle Tage erwartet. Übrigens besteht das übriges Corpus aus folgenden Gliedern – des Alten seine Frau – singt nicht ganz schlecht, zur dritten Sängerin vortreflich – Jeanette Weber 1e Sängerin – Mad: Josepha Weber = 2e Sängerin: Hℓ: Edmund Weber 1t Tenor, wird wenn Hℓ: Hiller ankömmt 2en Tenor übernehmen – Fritz Weber 3e Bassrollen = Hℓ: Gäuling 2e Bass- und meine wenigkeit 1e BassRollen = im Trüben ist gut fischen* ist in der Arbeit = so denk’ ich ist unser kleine Oper im kleinem besezt gut genug vor[s] erste = Hℓ: Herzog giebt Theater – bischen Garderobbe – Capelle und sonstige Requisita alles frey – wie lang – und | wo dann hin – weiß ich nicht – sollen aber wenn ich ja dabey bleibe immer und stets Nachrichten von Ihrem sie ehrenden Weyrauch haben – wer ist an Gatto’s Stelle bey Ihnen? und wer an der Mll KneiselKrüger & Schwester haben noch zu meiner Zeit nach Cassel geschrieben – wie ich nicht anders hörte auch Mll Dohm, es thut mir leid um die guten Leute, denn sie werden gewiß unter der Maske daß es Hoftheater ist oder wird wie ich und mehrere betrogen – Wenn ich je einen ausgemachten Schurken und quasi banditen jedes guten Namens weiß, so ist [es] Hℓ: Neuhaus [der] ältere, wehe! der Bühne wo der ist – er mordet und schleicht im Dunkeln, und allen seinen Ränken giebt er einen Anstrich von Rechtschaffenheit. Die arme Cammerland sehnt sich auch weg, weiß aber nicht wo naus? Mich hat der Hof, nachdem mir beim Hofgericht mit Achselzuken zwar Recht bewiesen – aber mit Munde Unrecht zugesprochen, auf 8 Wochen abziehen lassen – sub Conditione den zu Anfang 9bris wieder zu erscheinen – Sie schneiden sich gewaltig – und sollte es der 1e unrechte Streich von mir seyn, wie er wirklich nicht ist, so komm ich | gewiß nicht wieder – kein Wunder daß ich nicht Galle gespien hab über all die himmelschreinde Kränkungen, die man mir auf die Lezt angethan, und bloß wie ich mich der Weberischen Familie wie billig annahm, und nicht in ein Horn mit den Spitzbuben blasen wollte – Ob ich zwar nicht weiß wie mirs belohnt wird, so bin ich doch ruhig und lache über die Hℓ: v der Querbank.

Freuen wird michs unendlich bald etwas von Ihnen und dem Zustand der Ihrigen zu hören – denn nie werd ich den grösten Antheil an allem was Sie betrift zu nehmen aufhören – Leben Sie wohl – empfehlen Sie mich der Mama Grossmann und Dlle Lotte Ich bin mit inniger Hochachtung
Derobereitwilligster Diener
und
Freund V: Weyrauchmp

P: S:
Haben Sie den vertrakten Prozeß aufgegeben? Item: Der junge Keilholz wird in allem Ernst: |: Hℓ: v Jasmund hat selbst gestanden :| erwartet in Kassel – die Leute die 1000 Rtℓ: /: 500 Thℓ: hat Ihnen der Landgraf in Ansehung daß Sie in Geismar viel verlohren die vorgeschossenen 500: geschenkt :/ Schulden haben und keine Aussicht wollen einen Keilholz bezahlen – denn unter 100 Louis’dor Vorschuß kommt er gewiß nicht.

Apparat

Zusammenfassung

Bericht über den Start der Theater-Gesellschaft von F. A. Weber in Meiningen und seinem Weggang von der Toscani-Santorinischen Gesellschaft

Incipit

Wundern Sie sich nicht bey Lesung der Aufschrift?

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Frank Ziegler

Überlieferung

  • Textzeuge: Leipzig (D), Universitätsbibliothek (D-LEu), Sammlung Kestner
    Signatur: I/C/II/444, Nr. 9

    Quellenbeschreibung

    • 2 Bll. (4 b. S. o. Adr.)

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Weberiana 14 (2004), S. 53f. (Auszug)

Textkonstitution

  • „übriges“sic!
  • „kleinem“sic!
  • „den“durchgestrichen.
  • „und“durchgestrichen.

Einzelstellenerläuterung

  • „… haben sehr gut reusirt .“Meininger Aufführungen von Sacchinis Colonie am 19. September 1789, Audinots Faßbinder (Le tonnelier) am 22. September 1789; die Premiere der Opern-Bearbeitung Der Freybrief (nach Haydns La fedeltà premiata) ist nicht nachweisbar.
  • „… im Trüben ist gut fischen“Sartis Fra i due litiganti il terzo gode (Im Trüben ist gut fischen); Aufführungen in Meiningen ab 26. Oktober 1789 bezeugt.

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