Vincent Weyrauch an Gustav Friedrich Wilhelm Großmann in Braunschweig (?)
Kassel, Donnerstag, 10. September 1789

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P: T:
Sonders geehrter Herr Grossmann!

Ihre beyden Briefe hab’ ich richtig erhalten – verzeihen Sie meiner späten Antwort – s’ist sonst meine Art nicht – aber leider Gottes bin ich seit geraumer Zeit gar nicht mehr der, der ich sonst war. Es scheint ordentlich – daß ich unter denen wenigen Zahl zu rechnen – die dazu ausersehen sind nichts als Kummer Chagrin und sonstige Fatalitaeten leiden und erleben zu müssen. Doch nun auf Beantwortung Ihrer Briefe zu kommen will ich gleich Punkt für Punkt soviel als möglich beatnworten – – –

Der alte Neuhaus kam mit seinem Bruder, Amme* und Kindern hier an – – erzählte gleich Anfangs überall daß die meisten von Ihnen weggiengen und sehr unzufrieden wären. Seinen Bruder hätten Sie sehr ungern weggelassen – und Ihm (: dem alten Neuhaus :) wären so viele Vorschläge gemacht worden – die er aber samt und sonders ausgeschlagen – und was der Großprahler mehr sagte – ist gar nicht der Mühe werth herzusetzen – werdens auch leicht errathen – denn sein liebenswürdiger Charakter ist Ihnen zur Genüge bekannt – unter andern nur das: Das Haus was er in Hannover hätte wäre er gezwungen wieder zu verkaufen, weil er schwerlich nach Hannover je kommen wird; übrigens verlangt er auch so lange Sie da sind nicht hin. Sie kennen doch den Carl Stamiz einen braven Geiger – der gab 2: Konzerte hier im Opernhause – an eben dem Tage unterstand sich der Wicht sie werden wissen daß es den j. Neuhaus angeht nach dem Stamiz das seinige wegzufideln – er war auch so aufgenommen, und belohnt – wie ers verdiente – und ich voraus sah.

Die Direkteurs wollen und können ihn nicht brauchen – denn Stamiz dirigirt jezt hier – nicht mahl im Orchester ist Platz für ihn – er sizt also seinen Bruder auf’n Halse, der ihn mit Wasser Suppe (: seiner eignen Sage und Klage nach :) fett machen will – indeß Er noch immer – wie gewöhnlich bey der Boutellen und seiner Braut sichs wohl gehen läßt – er hat nichts und wird nichts haben – denn seine armen Kinder kosten ihn soviel. Das Mädchen das er heyrathen will war ihr lebenlang ein gutes KammerMädchen hier in Cassel pover wie eine KirchenMaus – versteht aber viele Hand und Frauenzimmer Arbeiten – und ist viel zu gut für den Crakeler! Was die Opern anbelangt so hab’ ich mit den Directeurs | dieserwegen gesprochen – Sie hätten kein Geld war die Antwort – die ich auch attestire – denn nun schon sind Sie an die 1500 Rtℓ: schuldig.

Was mich und meine Liebe anbetrift so ist die Sache von meiner und des Mädchens Seite in besten Umständen – auch mit dem Vater bin ich soweit einig – doch sind umstände dabey, die die Heirath wo nicht ganz bis Ostern, doch nicht weit davon treniren.* Der Vater zum Beispiel wird mit seiner Familie weggehen und eigne Oper errichten – und ich werde schwerlich meines Worts von Seiten des Hofs entlassen. Sie gehen mir jezt schon aufn Pelz, da ich mich nur obenhin erklärt habe – bin auch zum OberHofGericht desfals vorgeladen – und versehe mich keiner günstigen Antwort* – Hierzu bleiben ist mir nicht möglich eben sowenig – ja unmöglicher von Mädchen lassen – – –

Daß Gatto v Ihnen weggehet wundert mich nicht – wohl aber daß er zum Böhm wieder geht – den bei meinem Dasein hat der Hℓ: Böhm und Angehörigen nicht zum Besten von ihm gesprochen – Und auch Pleisner geht von Ihnen? – –

Daß Hommert nach England – und Kneiseln nach Hamburg gehen wird will mir auch nicht recht in Sinn – doch was ist in der Welt nicht möglich – Man spricht daß Schröder nach Berlin als Ressegeur mit nicht geringer Besoldung kommen wird – ist auch leicht zu glauben, denn Er selbst schrieb an einen Mann hier und ich hab den Brief gelesen daß er künftige Ostern seine Oper entlassen wird – ich kann nicht läugnen daß ich gerne nach Hannover gienge – s wird und muß wohl aber leider beim Wunsche bleiben.

Leben Sie wohl bester Hℓ: Grossmann empfehlen Sie mich Ihrer lieben Frau und Mll Lotte
ich bin unveränderlich. Ihr ergebenerV:Weyrauchmpia.

Apparat

Zusammenfassung

Theaterneuigkeiten von Kassel, wird vor Ostern heiraten, kommentiert Mitteilungen aus Großmanns letztem Brief

Incipit

Ihre beyden Briefe hab' ich richtig erhalten

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Frank Ziegler

Überlieferung

  • Textzeuge: Leipzig (D), Universitätsbibliothek (D-LEu), Sammlung Kestner
    Signatur: I/C/II/444, Nr. 8

    Quellenbeschreibung

    • 1 Bl. (2 b. S. o. Adr.

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Weberiana 14 (2004), S. 52 (Auszug)

Textkonstitution

  • „sie werden wissen … j. Neuhaus angeht“über der Zeile hinzugefügt.

Einzelstellenerläuterung

  • „… kam mit seinem Bruder, Amme“Neuhaus’ zweite Ehefrau Charlotte Amalie, geb. Gösting, war 1788 in Hannover bei der Geburt der Tochter Margaretha Ignez gestorben.
  • „… doch nicht weit davon treniren.“Trainiren=verzögern, in die Länge ziehen.
  • „… versehe mich keiner günstigen Antwort“Vincent Weyrauch und Jeanette von Weber waren von den Direktoren Toscani und Santorini wegen Vertragsbruchs angezeigt worden. Daraufhin wurden etliche Habseligkeiten von Weyrauch sowie der Familie von Weber beschlagnahmt; zudem wurde der „Stadt Arrest“ verhängt (d. h. die Familie durfte die Stadt nicht verlassen). Dieser wurde erst am 11. September aufgehoben und die beschlagnahmten „Effecten“ wieder ausgehändigt. Man hatte sich darauf geeinigt, dass beide Darsteller im November 1789 nach Kassel zurückkehren sollten; vgl. die Akte im Staatsarchiv Marburg, Best. 259, Nr. 110. Weder Vincent Weyrauch noch seine spätere Frau kamen der Vereinbarung nach; sie waren erst wieder ab August 1790 unter Großmanns Direktion in Kassel tätig.

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