Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
Dresden, Sonntag, 25. Mai bis Montag, 26. Mai 1817

An

Mademoiselle

Carolina Brandt.

MitGlied des Ständischen Theaters

zu

Prag.

Wohnhaft auf dem

Kohlmarkt No: 514.

im 2ten Stok.

Meine theure geliebte Lina!

Es ist heute Sonntag, schönes Wetter, und die Menschen wirbeln so froh und heiter durcheinander daß es eine Lust sein könnte. Mich macht das ganz wehmüthig, und vielleicht geht es meiner guten Mukin eben so. Wir sind beide so allein, und haben Niemand mit dem wir uns freuen können. Bist du wieder auf gutem Fuß mit Drs: so hast du es beßer, denn die werden gerne von mir mit dir sprechen, ich bin aber gar ein armer Hund, denn Liebchen das ist ja so ferne, das muß ich stets laßen allein*. – die dummen 20 Meilen Zwischenraum, wenn ich ein Vöglein wär, flög ich zu dir.      Das viele und angestrengte Einstudiren hintereinander hatte mich doch sehr angegriffen, was ich jezt erst fühlte da Grünb: weg waren. denke nur selbst d: 22t Aprill zum 1t mal Helene. d: 24 repetirt. d: 3t May zum 1t male Joh: v: Paris. d: 8. rep: d: 11t zum 1t male das Lotterieloos. d: 15t rep: d: 18t schon, Blaubart. d: 20t rep: also in nicht gar 4 Wochen 4. Opern total neu einstudirt. du kennst meine Weise, wie ich mich um alles bekümmere, nun, es gieng auch darnach daß es eine herrliche Belohnung war. aber item es griff an.      Nun wollte ich die paar Tage Proben Ruhe recht zu andern Arbeiten nuzzen; ja! empfehl mich ihnen! ich war zu erschöpft und hatte zu nichts Lust als zum schlafen. Zudem wurde ich mit Fremden Besuchen überlaufen, denn jeder der herkömt will mich einmal besehen, so daß ich Dritthalb Tage außer bestimten Geschäfts Sachen rein verduselt habe.      Du weist daß das mein unbehaglichster Zustand ist, denn ich bin nie vergnügter als wenn ich recht eifrig arbeiten kann. Ja, wäre Muks da!! das wäre ein ander Ding, da würden solche Feyertage wahre Festtage, da würde spazieren gegangen, gegutt, und sich wahrhaft erholt und lustig und heiter gelebt. aber so allein – – – – nein, mag nit.      Da kriegt mich kein Teufel aus dem Neste. höchstens besinn ich mich auf alle rükständigen Visiten, und schlachte die ab, mit großer Anstrengung und Ueberwindung, kehre aber auch oft unterwegs wieder um und geh hamerl.      Muß dir also doch ungefähr sagen was ich gemacht habe seit meine No: 50 abgeschikt habe. da kam der Graf Vizth: zu mir /: d: 23t :/ und wir sprachen die Kreuz und die Quer. dann freßt ich im Engel. dann besucht ich den kranken Baßi, den alten Sekonda, und den kranken Collegen Morlachi. lezter sizt schön in der Tinte. den Mund voller Geschwüre, die Drüsen angelaufen pp er behauptet an einer giftigen Blume gerochen zu haben. o! es giebt der Blumen mancherlei. – nun, mich gehts nichts an.      Dann erhielt ich einen Brief von Wohlbrük mit dem Rest seiner Schuld, und das war gut. Abends war Gelehrten Thee bei der Fräulein aus dem Winkel. wo vieles recht intereßante vorkam. besonders ein Bericht des Hofr: Böttiger über das Merkwürdigste Litterarische was in dieser Meße in Leipzig erschienen. d: 24t also gestern, Schrieb ich meinen Tabellarischen Opern Plan, ab, und schikte ihn dem Grafen. gieng dann zu Kind, und sah nach wie weit die Jägersbraut im neuen Kleide vorgerükt wäre. Mittag im Engel. dann meinem Bedienten einen schönen Hut gekauft. und zum Grafen Vizthum gegangen und über den Opern Plan gesprochen. dann viele Laufereyen und Anstalten für die Oper die d: 1t Juni auf dem Baade gegeben werden soll. Schmidl kam von Pillnitz herein. und von Berlin bekam ich einen recht fatalen Brief | wegen denen für Graf Pachta bestellten Treßen. die Leute halten sich an mich, ich muß sie bezahlen, sind sie verlohren, so bekomme ich wahrscheinlich vom Herrn Grafen auch nichts. Schreiberey, Porto, Verdruß und Zeit und Geld Verlust ist mein Lohn. – Abends war ich mit Schmidl bey Baßi.

Heute früh, führte der Satan eine Visite nach der andern zu mir. Mittag kam Baßi wieder das erstemal im Engel zum eßen, nach Tisch gieng ich ein bißel mit ihm auf die Brühlsche Teraße, und Er dann wie ich, nach Hause. Heute hat mein Franz, mit dem ich recht sehr wohl zufrieden bin, zum erstenmal seine neue Livreè angehabt. sie ist so einfach und elegant, daß ihm die Leute nachsehen. Er ist ein recht netter Bursche der was auf sich hältT, und das macht mir Spaz. Nur wollte ich du hättest ihn auch gesehen, würde dir auch Freude gemacht haben. Nun, das wird auch so lange nicht mehr dauern, und er wird sich dir zuerst als dein Sklave präsentiren wenn du in dein neues Reich einziehst. Ach, wäre es doch schon so weit. ich habe eine recht unnennbare Sehnsucht nach meiner Lina. Wenn nur der Herbst noch schön ist daß ich dir die herrliche Gegend um Dresden zeigen kann. und künftigen Sommer werden wir zusammen zu Fuß die Sächsische Schweinz durchreisen. gelte? ich freu miß.

Nun muß ich aber auch dir bekennen lieber Muks daß ich heute in aller Früh ein bischen boshaft war, und ein Epigram gemacht habe. ja, ich konnte es nicht laßen, es stak mir zu sehr zwischen den Rippen. Ich glaube ich habe dir schon oft von dem Fräulein Winkel gesprochen die ohne alle Kenntniße in dem lächerlichsten, geschraubten und gezierten Style immer über die ital: Opern schreibt, und darunter immer sich unterzeichnet mit C.      immer kommen die Ausdrüke, wonniglich, sinnig, südlich hell pp vor. Nun hat sie seit einiger Zeit gemerkt, daß sich die Leute darüber mokieren, und nun hat sie sich in einem Aufsaz in der AbendZeitung*, den ich heute Morgen las, Th: unterschrieben. aber ihre Manier war unverkennbar. ich schrieb also Es fiel mir also folgendes Epigram ein.

Ob du auch sinnig als ThMummst dich in neue Kantusche,Nimmer kannst du dich verläugnenSüdlichhelltönendes C.Schwimme denn muthiger BuchstabSchwim auf der Fläche des Glutstroms,Leer bist du, leicht genug,winklicht,Kannst nur die Dinte nicht halten.

Du siehst die Dichterwuth ist anstekend. bei der Gelegenheit fällt mir ein daß auf die Grünb: auch Gedichte* gemacht worden sind, die ich aber zu faul bin abzuschreiben, und du wohl bei ihrer Zurükkunft bei ihr lesen wirst.

     Ich freue mich auf Morgen, da komt ein Brief von Lina, und hoffentlich ein guter, das heißt ein froher, denn gut, gut gut, war der lezte auch. Nun will ich noch andere Briefe krazen, also adje für heute. Gute gute Nacht. – vom Ett. – gut Nacht. + + + Millionen Bußen – dein dich innigst liebender Carl.

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d: 26t Meiner Seel das ist ein guter Kerl, der Eginhard* nehmlich der No: 55, der hat wieder einmal ein ordentlich Gesicht. Nun ists gut, und ich bin wieder recht froh und zufrieden da du es bist. Gott bestätige, […] daß du mit Drs: ganz wieder auf dem alten Fuße stehst, mache dir nur auch nichts selbst weis über diesen Punkt, oder sage es etwa nur um mich zu beruhigen. doch ich werde es deinen Briefen schon ansehen ob es wahr ist, so recht aus dem Grunde nehmlich.      Auf diese Art genießest du ja den Garten auch, und bist nicht genirt wenn du zu spielen hast.      Es ist recht fatal daß sie nichts nehmen, aber wir würden es auch nicht anderst machen. der guten Kleinwächter erwidere bestens ihre Grüße, und bezeige ihr mein herzliches Beileid über ihr Kranksein. Ich hoffe daß mein Brief den du Gestern erhalten haben must dich auch ganz dem Frohsinn wiedergegeben hat. Ja ja, mach Err nur keine dummen Streiche mehr. sonst gehe ich nach Amerika.      Aber du verdammter Schneefuß, siehst du wie du bist? da hast du mir schon wieder verschwiegen gehabt, daß du krank warst, und gelb geworden bist. Gottlob daß es wieder vorbei ist, du garstiger Hamster. – Schikk mir aber doch das Tränkchen möchte auch alle Galle los sein, zuweilen kom ich mir auch etwas gelblich vor. Nun gebußt hätt ich dich doch, hab dich doch lieb!!! – . Hab recht gelacht wie ich mir ganz Wien das Zeug trinkend gedacht habe.      Deine Theater Neuigkeiten amüsiren mich sehr. es geht schön zu. – – Ist es denn ganz bestimmt daß die kleine Krikeberg nach Prag kömt? Nu meinetwegen, wenns der Kammerjungfer Recht ist – ein hübsches Mädchen, aber damit Puntum, aus. übrigens unter uns gesagt ein ganz gelinder Oz, Ochs, wollt ich sagen, denn Oz ist was Edles. Also der Herr Bruder ist in Frankfurt? sobald du von ihm selbst Nachricht hast so schreib mir für die Mutter ist da leichter Gelegenheit hin zu finden. Mad: Schirmer ist Vorgestern von Berlin zurükgekommen, und spielt heute hier zum erstenmale im Gut Sternberg, und auf dem Baade. hat in Berlin Anfangs wenig aber dann immer mehr, und zulezt sehr gefallen. Ganz wie ich es voraus sagte. Er war heute früh bei mir und brachte mir Briefe von Gubitz. sie habe ich noch nicht gesehen, da ich heute keine Zeit habe ins Theater zu gehen. Heute Morgen wie ich in die Kirche gieng fand ich unvermuthet die Familie Ebers, und Ephraim aus Berlin, die Schwester der Beer. die einige Tage hier bleiben. Von denen erfuhr ich daß unsre gute Beer einen sehr schweren Fall gethan, nach dem sie 3 Wochen das Bett hüten muste. Jezt geht es aber beßer. die Grünb: hatte schon da gegeßen, und sollte als Gestern d: 25t als Sophie in Sargines auftreten. Nach Gned habe ich vergeßen zu fragen. Wenn es schön Wetter ist, fahre ich mit Ihnen in den Plauenschen Grund.      Du schreibst mir aber gar nichts von der Waldmüller und ich bombardire dich doch in allen Briefen drum. will gern wißen woran ich bin.

Daß dich mein gutes Volk auf den Händen trägt und fetirt, ist schon Recht. laß dich aber nur nicht von dem Weyrauch wirblicht machen, und siehe wie die Pumpernickels pp auch eben so erhoben werden. der H: Urban ist ein hübsches Männchen, und hat auch wirklich Talent, nur Schade daß er ein grundverdorbener Mensch ist, der einer gewißen Schule angehört die H: Iffland und Lamotte in München zu HauptAnführern hatte und hat.

Jezt wird bald Kind zu mir kommen, und etwas von der Oper bringen. Gubitz hat nun auch den Alfred umgearbeitetT. bald werde ich in Opernbüchern erstikken. Mukkel bet hübsch für mich, daß mir unser Herr Gott schöne Gedanken schikt, denn in diesen Tagen fang ich an der Jägersbraut an. Auch der Plan zu einer italienischen OperT ist schon entworfen, und das wird wohl die erste sein die ich hier gebe. die Gründe dafür, wenn du sie nicht von selbst einsiehst, ein andermal. Schreib mir ob du wieder hübsch gebleicht und weiß und weise bist, ob ditt und fett und heiter bist, ja ich kann nur dabei bleiben,

Ja, bist du ditt und fett,

so nehm ich dich im Ett!       – sonst ists niz. o! ich bin ganz guter Dinge und gräme mich gar nicht mehr. ade Pumpernikel. grüß mir die Mutter und Drs: aufs herzlichste, auch Niemez, wenn du ihn siehst. wie steht es denn mit meinem Schrank? und dem Teuferl! Teufelsstreiche machen ist keine Kunst, aber’s Spadifankerl selbst, das ist schwer. gelte?

Nun ade ade ade. Gott segne dich 1000 mal. + + + sey heiter und bleibe treu deinem dich über alles liebenden Carl.

Millionen Bußen.

Editorial

Summary

sei überanstrengt gewesen, nachdem er in knapp vier Wochen vier Opern neu einstudiert habe; Tagebuch 23.-25. Mai: verschiedene Visiten; sei bei Kind gewesen, um sich nach dem Fortschreiten der "Jägersbraut" zu erkundigen; habe mit Vitzthum Dresdener Opernplan besprochen; betr. Tressen aus Berlin für Pachta; Privates; teilt spaßhaftes Epigramm auf Therese aus dem Winckell mit, das er verfaßt hat;

Incipit

Es ist heute Sonntag, schönes Wetter, und die Menschen

General Remark

Responsibilities

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Provenance

Text Source

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz (D-B)
Shelf mark: Mus.ep. Weber, C. M. v. 97

Physical Description

  • 1 DBl. (4 b.S. einschl. Adr.)
Additional Sources
  • Worbs 1982, S. 81–84

Text Constitution

  • "ich schrieb also": crossed out.
  • "Fläche": "Näße" crossed out.
  • "Leer": "Flach" crossed out.
  • "leicht genug,": "inhaltsleer," crossed out.
  • Illegible text (ca. 1 words)

Commentary

  • "denn Liebchen das … stets laßen allein": Weber zitiert die Zeilen 3 und 4 aus der ersten Strophe des Volkslieds Das Liebchen in der Ferne "Ich wäre wohl fröhlich so gerne"; vgl. J. J. Algier (d. i. Johann Jakob Gailer), Universal-Liederbuch. Weltlicher Liederschatz für Deutschlands Gesangfreunde, Reutlingen 1841, S. 440.
  • "… einem Aufsaz in der AbendZeitung": "Kunstnachrichten aus Dresden" in: Abend-Zeitung, Jg. 1, Nr. 123 (23. Mai 1817).
  • "… auf die Grünb: auch Gedichte": Das erste Gedicht aus der Abend-Zeitung (Jg. 1, Nr. 111 vom 9. Mai 1817) hatte Weber bereits seinem Brief vom 11./12. Mai beigelegt. Außerdem erschien in derselben Zeitung (Jg. 1, Nr. 116 vom 15. Mai 1817) eine von Theodor Hell gedichtete Charade auf die Sängerin.
  • "… ein guter Kerl, der Eginhard": Anspielung auf die Figur Eginhard aus der mittelalterlichen Sage “Eginhard und Emma”; vgl. auch den Roman von Friedrich von Fouqué

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