Der Harmonische Verein

Entstehung und Ziele des Harmonischen Vereins1

Nach seiner Ausweisung aus Württemberg Ende Februar 1810 hatte Carl Maria von Weber in Mannheim rasch Freundschaft mit dem für die dortigen Liebhaberkonzerte des Museumsvereins zuständigen Juristen Gottfried Weber, dessen Schwager Alexander von Dusch und dem Heidelberger Jura-Studenten Ludwig Roeck geschlossen; im April lernte Weber dann im Hause Abbé Voglers in Darmstadt dessen neuen Schüler Giacomo Meyerbeer und den schon in Wien von Vogler unterrichteten Johann Gänsbacher kennen – bald traten auch diese in einen freundschaftlichen Austausch mit den genannten Mannheimern, insbesondere vermittelt über die Person Gottfried Webers und befördert durch gegenseitige Besuche, die neben der Geselligkeit auch der Pflege der gemeinsamen Interessen der Mitglieder dieses Sextetts dienten. Briefe und Tagebücher vermitteln den Eindruck, dass dabei neben dem Musizieren auch der intensive Austausch zu künstlerischen und ästhetischen Fragen einen großen Raum einnahm.

Offensichtlich entstand im Sommer 1810 in diesem Kreise die Idee zur Gründung eines gemeinsamen Geheimbundes, wie sich einem Brief Carl Maria von Webers an Gottfried Weber vom 21. August 1810 entnehmen lässt, in dem es heißt: “Beer empfiehlt sich dir bestens, und ist mit Feuereifer für unsern Harmonischen Bund entzündet, dieser Tage werde ich dir die Statuten schikken um deine Meinung und Kritik darüber ergehen zu laßen.”

Da es hier – nach Webers Rückkehr nach Darmstadt am 18. August – bereits um die Ausformulierung von Vereinsstatuten geht, dürfte die Idee zu diesem Bund spätestens während Webers vorherigem Aufenthalt in Mannheim und Heidelberg im Juli und August 1810 entstanden sein, bei dem aber Gänsbacher (der Darmstadt am 19. Juli verließ) schon nicht mehr mit anwesend war.2 Weber vollendete die angekündigten Statuten erst Ende Oktober und schrieb am 1. November 1810 an Gottfried Weber: “die Statuten sind fertig ich bin aber zu faul sie heute abzuschreiben, daher bekomst du sie in ein paar Tagen”. Der Terminus “harmonischer Bruder” oder “harmonischer Confrater” für die Vereinsmitglieder begegnet aber bereits in Briefen vor diesem Zeitpunkt, und schon aus einem Schreiben vom 24. September 1810 an Gänsbacher geht die Gründungsbesetzung des Vereins hervor: “Beer Weber und ich haben einen Harmonischen Bund geschloßen, zu dem Sie auch gehören, und von dem ich Ihnen in meinem nächsten Briefe, Geseze, und ausführlicher schreiben werde. er ist für die Kunst und für uns von der grösten Wichtigkeit. die beyden andern haben mich vor der Hand zum Dirigens erwählt wenn Sie es zufrieden sind.”

An Gänsbacher übersandte Weber die Statuten schließlich mit seinem Brief vom 7. Dezember 1810. Aus diesem bislang einzigen erhaltenen, mit 30. November 1810 datierten und von Carl Maria und Gottfried Weber gemeinsam verfassten Exemplar der Statuten3 lassen sich Zielsetzung und Methoden im Detail entnehmen. Seine subjektive Sicht der Beweggründe zur Gründung und zu den Aufgaben des Vereins hat Gänsbacher in seinen Denkwürdigkeiten aus meinem Leben4 wie folgt zusammengefasst (wobei er sich eindeutig als Gründungsmitglied bezeichnet):
“Die so häufigen einseitigen, partheiischen Beurtheilungen von Kunstwerken, von Verlegern, Lobpreisern ihres Verlags und die Schwierigkeit, dem wahrhaft Guten auch ohne großen Namen in der Welt Platz und Würdigung zu verschaffen, bewogen C. M. von Weber, Meyerbeer, Gottfried Weber, Alexander Dusch und mich, einen Verein zu knüpfen, der, zum Besten der Kunst sich gegenseitig unterstützend, handeln und wirken sollte. Gleich großer Eifer für die Kunst, gleiche Ansichten derselben, die Nothwendigkeit, besonders den ästhetischen Theil derselben mehr zu pflegen, waren die Hauptgründe des Vereins. Da das Schicksal nicht erlaubte, daß alle Theilnehmer an einem Ort vereint wirken konnten, hielt man es für nothwendig, eine Norm für den zweckmäßigen Gang des Ganzen zu entwerfen und festzusetzen. C. M. von Weber war Dirigens des Ganzen, Gottfried Weber Secretair. Infolgedessen lieferte ich viele musikalische Notitzen, Recensionen etc. für verschiedene öffentliche Blätter unter dem angenohmenen Namen Triole, auch Trias, bis zum Jahr 1813, wo ich zur Befreiung meines Vaterlandes die Feder mit dem Stutzen und Säbl vertauschte. Bey dergleichen Aufsätzen nahm C. M. von Weber den Namen Melos und Meyerbeer Philodikaios an.”

Die meisten der angeführten Punkte beziehen sich direkt auf die von Weber formulierte Satzung des Vereins, auf deren vollständigen Text hier verwiesen sei. Hervorzuheben sind dabei die “strengste Verschwiegenheit über die Existenz des Vereins” (§ 1); die Notwendigkeit einer gemeinsamen Wahl von mit großer Vorsicht einzuwerbenden neuen Mitgliedern (§ 8–10), die entweder Komponist und Schriftsteller zugleich sein (§ 6) oder doch zumindest Musikkenntnis mit schriftstellerischem Talent verbinden sollten (§ 7). Wichtig waren ferner die Wahl und Bekanntgabe eines Pseudonyms zum Zeichnen von Texten (§ 11f.) und die Meldung solcher Texte an den Dirigens (§ 17). Hauptzweck der Tätigkeit eines Vereinsbruders sei es “das Gute zu erheben und hervorzuziehen, wo er es immer finden mag, und besonders [...] auf junge angehende Talente Rüksicht zu nehmen” (§ 14), auch solle vor schlechten Produkten gewarnt werden (§ 15), aber auch die “Verbreitung und Würdigung der Arbeiten der Brüder” sei eine “angenehme Pflicht” (§ 16). Alle Beiträge sollten in Abschrift an das Archiv bei Gottfried Weber eingesandt werden – wäre dieses erhalten geblieben, verfügten wir also über eine einzigartige und verlässliche Übersicht über die Tätigkeit des Vereins.

Mitglieder des Vereins und “Surveillisten”

Das “Centrum” des Vereins, d.h. das Archiv, an dem alle Schriftstücke gesammelt wurden, war im Hause Gottfried Webers in Mannheim und wurde in den Briefen meist durch einem Kreissymbol ◯ bezeichnet. Carl Maria von Weber hatte – wie das Zitat aus Gänsbachers Denkwürdigkeiten bestätigt, die Funktion des “Dirigens”, Gottfried Weber die des Sekretärs inne. (Unklar bleibt bislang die Auflösung des Kürzels “G. G. O.” das sich auf das Archiv zu beziehen scheint.)

Während Weber in dem zitierten Brief an Gänsbacher nur vier Gründungsmitglieder nennt, schließt Gänsbacher in seinen Erinnerungen Gottfried Webers Schwager Alexander von Dusch mit ein, was damit zusammenhängen dürfte, dass Dusch in den Anfang Dezember übersandten Statuten bereits als fünftes Mitglied genannt ist. Belegt ist in Webers TB vom 14. November 1810 eine gemeinsame “Session” mit Dusch und Gottfried Weber – spätestens hier dürfte er mit den Zielen des Vereins vertraut worden sein.5

Aus dem Mannheim/Heidelberger Freundeskreis wurde dann Anfang 1811 auch der Jura-Student Carl Ludwig Roeck formell in den Verein aufgenommen, wie Weber in einem Brief an Gottfried Weber vom 30. April 1811 bestätigt und ein kürzlich aufgetauchter Brief Roecks an Gottfried Weber vom 19. Juni 1811 zusätzlich belegt. Zugleich illustriert dieser Brief, dass mit der für die Mitgliedschaft laut § 7 geforderten Musikkenntnis nicht notwendig ein tiefergehendes Wissen um musikalische Gegenstände gemeint war.

Als späteres formelles Mitglied nachweisbar ist auch der Breslauer Organist und Komponist Friedrich Wilhelm Berner, den Carl Maria von Weber noch aus seiner Breslauer Zeit kannte, am 18. Mai 1812 in Berlin traf und am 23. Mai für eine Mitgliedschaft vorschlug (vgl. Brief und TB). Nachdem sich die Brüder einverstanden erklärten (vgl. dazu Brief an Gänsbacher vom 14. Juli 1812), vermerkte Weber im TB vom 24. Juni, dass Berner ihm den “Beytrag zum V:” übergeben habe und übersandte ihm laut TB am 23. September 1812 auch die Statuten.

Nachweise für weitere formelle Mitglieder gibt es nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht. In einigen wenigen Fällen verwundert dies durchaus: Der Tenor Ludwig Berger, den Weber von Stuttgart her kannte und der sein erster Ansprechpartner in Mannheim nach seiner Ausweisung aus Württemberg im Februar 1810 war, gehörte ebenfalls zum engeren Mannheimer Freundeskreis und ist bei Arno Lemke als Mitglied genannt.6 Vermutlich war die Rückkehr Bergers nach Stuttgart (er verließ das Mannheimer Theater im August 1810 und gab sein Debüt in Stuttgart am 9. September 1810) ein Grund, warum er nicht mehr in den engeren Kreis der Vereinsbrüder aufgenommen wurde. Im Falle Heinrich Joseph Baermanns, mit dem Weber während seiner aktivsten Zeit als Vereinsmitglied eng befreundet war, ist schwer vorstellbar, dass er nicht zumindest in die Tätigkeiten des Vereins eingeweiht war. Allerdings fehlen auch hier jegliche Belege. Dies gilt ebenso für den Schauspieler und Theaterdichter Johann Gottfried Wohlbrück, dem Weber Anfang 1811 zumindest einige Aufsätze des Vereins weitergab und von dem Weber auch die Adresse Ignaz Franz Castellis in Wien erhielt, damit der Verein mit diesem in Kontakt treten wollte.7

Nachfolgend sind die nachweisbaren, formell aufgenommenen Mitglieder mit ihren gemäß § 11f. verwendeten Bundesnamen und den jeweils wichtigsten Nachweisen für deren Verwendung aufgelistet:

Übersicht über die nachweisbaren, formell aufgenommene Mitglieder und ihre Pseudonyme
Name Bundesname(n) Nachweise
Carl Maria von Weber Simon Knaster, Melos8, Niemand Knaster vgl. Circular 3 und diverse Briefe; die volle Namensform ist vor allem im Münchner Gesellschaftsblatt verwendet; Melos und Niemand vgl. A040400
Gottfried Weber Giusto, G. Giusto, Dian, Seraphine von Bloksberg G. Giusto vgl. A040309; Dian vgl. A047436; Seraphine von Bloksberg vgl. A040370 (die alternative Benennung in der Nachschrift zum Brief A040380 ist ein einmaliger Scherz)
Alexander von Dusch The unknown man, The Unknown, Philokalos The unknown man vgl. A047433, A040370, A040398; Unknown vgl. A047437; Philokalos vgl. u.a. A0474389;
Giacomo Meyerbeer Billig, Philodikaios Billig vgl. A047437; Philodikaios vgl. Circular Nr. 3; beide Namen ausdrücklich in A040333
Ludwig Roeck Philokoinos Vgl. Roecks Brief an MB, Ende Juli 1811;
Johann Gänsbacher Triole, Trias Triole vgl. u.a. die Briefe CMvWebers vom 27. Febr. 1811; Trias vgl. u.a.Beilage zum Circular Nr. 3 u. A040370 bzw. A040380
Friedrich Wilhelm Berner Ernst Vgl. Brief CMvW an Gänsbacher vom 23. Mai 1812 und wegen des Bundesnamens den Brief vom 14. Juli 1812; ferner die Briefe A040536 und A040764, die TB-Einträge A065675, A065797 und A065706

Über die Suche nach neuen Mitgliedern hinaus bemühte sich die Kerngruppe des Vereins auch um Kontakte zu Personen, die sie für eine Verwirklichung der Ziele des Vereins interessant fanden. Bei diesen, nachfolgend aufgelisteten, sogenannten “Surveillisten” ist davon auszugehen, dass nur in wenigen Fällen eine wirkliche formelle Mitgliedschaft vorgesehen war (speziell die Vergabe eines Bundesnamens spricht dafür), in der überwiegenden Zahl der Fälle aber eine eher indirekte Mitwirkung an den Zielen des Vereins, vor allem in Form des Verfassens von Artikeln für die vom Harmonischen Verein geplante gemeinsame Zeitung für die musikalische Welt10 oder auch für andere Periodika, die sich die Vereinsbrüder nach und nach als Tätigkeitsfeld erschließen wollten (vgl. dazu den Abschnitt: Die belieferten oder für Artikel ins Auge gefassten Periodika). Die Namen der formell als Mitglied vorgesehenen Personen sind in der nachfolgenden Liste fett hervorgehoben; viele der übrigen Personen sind in den Briefen nur als mögliche Ansprechpartner genannt (ausgenommen wurden dabei die Redakteure oder Herausgeber von Periodika, die im folgenden Abschnitt genannt sind). Inwieweit von diesen ggf. verfasste Artikel tatsächlich mit einem Auftrag aus dem Verein in Verbindung zu bringen sind, wäre im Einzelfall zu klären.

Überblick über die sogenannten Surveillisten
Name Wirkort ev. Bundesname Nachweise
Franz Danzi München Vorschlag im Circular Nr. 3 von CMvW; nach Meyerbeers Votum abgelehnt, vgl. GW’s Brief vom 10. August 1811 und A047438
Wenzel Johann Tomaschek Prag Jonas Vorschlag von Gänsbacher (vgl. A047434), von CMvW und GW mit Skepsis aufgenommen, vgl. A040402 vom 6. Juni 1811
? Hesperus unklar, ob hiermit ein Pseudonym gemeint; vgl. Nachschrift zum Circular Nr. 311
Joseph Fröhlich Würzburg Vorgeschlagen zur formalen Aufnahme von CMvW im Circular vom 10. März 1811, Vgl. CMvW an GS vom 6. Juni 1811, Meyerbeer an GW vom 23. Februar 1813
Aloys Schmitt Frankfurt a.M. von CMvW lediglich zu “einiger Aufmerksamkeit” empfohlen, vgl. Circular vom 10. März 1811
Joseph Mattern Marx Frankfurt a.M. von CMvW lediglich zu “einiger Aufmerksamkeit” empfohlen, vgl. Circular vom 10. März 1811
E.T.A. Hoffmann Bamberg von CMvW in Erwägung gezogen, vgl. Circular vom 10. März 1811
Carl Bode Bamberg von CMvW in Erwägung gezogen, vgl. Circular vom 10. März 1811
Cäsar Max Heigel vgl. CMvW’s Angabe, er habe ihn “auf dem Korn” in: A040389
Carl Guhr Nürnberg Erwähnung in A047437
Karl Friedrich Ebers München u.a. Erwähnung in A047437

Zur Tätigkeit des Vereins

Von den entweder ausdrücklich als Circular des Vereins bezeichneten Schreiben oder den mit Ortsangabe “C.”, “Centrum” oder “CentralP[unkt]” versehenen Vereinsschreiben sind nur wenige erhalten geblieben bzw. bislang wieder aufgetaucht. Hinzu kommen jene Schreiben, die sich durch die ausschließliche Verwendung der Bundesnamen (auch beim Unterzeichnen) bzw. ihren Inhalt als (geheime) Vereinsdokumente zu erkennen geben:

Dadurch dass nach und nach Gänsbacher, Carl Maria von Weber, Ludwig Roeck und schließlich auch Giacomo Meyerbeer den mittelrheinischen Raum verließen, wurde das Versenden von wirklichen Rundbriefen immer schwieriger, so dass sich die Schreiben oft auf zwei Korrespondenzpartner beschränkten, die ihrerseits dann Informationen weitergaben. Dennoch hat Weber in seinem Tagebuch den Begriff Circular bzw. das dafür geltende Symbol ◯ noch häufiger verwendet.

Insbesondere durch das Wiederauftauchen der von Wolfgang Meister 2019 in der Weberiana veröffentlichten Circulare ist das Bild von der praktischen Tätigkeit des Vereins weiter vervollständigt worden. Großen Raum nahm die Verteilung von zu rezensierenden Werken (darunter zahlreiche eigene oder solche von vertrauten Personen) ein. Jene Mitglieder, die auf Reisen gingen, berichteten über die musikalische Situation an den bereisten Orten, über Aufführungen und die dort jeweils wichtigen Personen – dies geschah einerseits unter dem Aspekt der Anwerbung für die Ziele des Vereins, dazu aber im Sinne von § 14 auch, um auf junge Talente aufmerksam zu machen. Diese Berichte konnten dann ggf. auch für Publikationen ausgewertet werden, gelegentlich wurden solche Berichte oder auch die eigens verfassten Texte auch mehrfach bearbeitet.12 Letztlich entstand in diesem Kontext auch Carl Maria von Webers Idee eines “Noth- und Hülfsbüchleins für reisende Tonkünstler”T, zu dem erste Beiträge zwar schon vor der Gründung des Harmonischen Vereins entstanden, während die Vorstellung, solche Beiträge zu einer “musikalischen Topographie Deutschlands” zusammenzufassen, erst im September 1811 während Webers Reise in die Schweiz entstand (vgl. TB 2.–5. September 1811). Auch diese, mit den Vereinsbrüdern erörterte Idee blieb allerdings – wie die eigene Zeitschrift – letztlich unrealisiert (zu den erhaltenen Beiträgen vgl. den Themenkommentar).

Besonderen Raum nahmen die Kontakte mit Verlegern ein. So empfahl Weber z. B. im März 1811 seine Mitbrüder dem Augsburger Verleger Johann Carl Gombart (vgl. A040388). Wo möglich setzten sich die Brüder selbstverständlich auch direkt gegenseitig für Aufführungen ihrer Werke ein (vgl. etwa A047434). Da es ihnen aber nicht nur um Kompositionen, sondern auch um den “Ästhetischen Theil” der Musik ging, achteten sie ebenso auf das Erscheinen neuer Literatur, die die Vereinsmitglieder kritisch begutachten sollten (vgl. etwa die erwähnten Schriften von Fröhlich, Hering, H. Chr. Koch, Michaelis, Lipowsky, Schicht) und nahmen in einem erstaunlichen Umfang Kontakte zu Zeitungen und Zeitschriften auf, die sie mit ihren Texten versorgen wollten (vgl. den folgenden Abschnitt).

Um Schreibarbeit zu sparen, wurden die Mitteilungen offensichtlich in der Regel in Form von Circularen (im TB und den Briefen oft lediglich durch das Symbol ◯ bezeichnet) verfasst, die vom ersten Empfänger an die übrigen weitergeleitet werden sollten, so dass sich im Falle von Abstimmungen – etwa zur Aufnahme neuer Mitglieder – am Ende alle Urteile in einem Schreiben zusammengefasst fanden, das Eingang in Gottfried Webers Archiv am “Centralpunkt” fand. Von diesem Prinzip wurde insbesondere dann abgewichen, wenn rasche Entscheidungen erwünscht waren (wodurch z. B. das Circular Nr. 3 in zwei Versionen existiert), zudem nutzten die Brüder oft reguläre Post, um ein gesondertes Schreiben in Vereinsdingen beizulegen.

Die belieferten oder für Artikel ins Auge gefassten Periodika

Im Laufe der Tätigkeit der Vereinsbrüder wurden Kontakte zu einer erstaunlich großen Zahl von Zeitungen und Zeitschriften aufgebaut. Meist geschah dies ganz konkret über die Ansprache von Redakteuren oder anderen verantwortlichen Personen. (Im folgenden sind die in der Korrespondenz der Vereinsbrüder genannten Periodika, in denen bislang keine Texte nachweisbar sind, mit eine Anmerkung versehen.)

Titel des Periodikums Erscheinungsort Zeitraum Ansprechpartner und Nachweise
Rheinische Correspondenz (mit Schreibtafel von Mannheim) Mannheim Ferdinand Kaufmann
Badisches Magazin Mannheim 1811–1813 Ferdinand Kaufmann; vgl. u.a. A040496
Nouvelles Littéraires et Politiques Mannheim
Kritischer Anzeiger für Litteratur und Kunst München Balthasar Speth, vgl. Circular Nr. 3
Gesellschaftsblatt für gebildete Stände München Ignaz Jacob Sendtner, vgl. Circular Nr. 3
Münchener Politische Zeitung München Ignaz Jacob Sendtner, vgl. Circular Nr. 3 u. A040410
Neue Oberdeutsche Allgemeine Literatur-Zeitung13 München 1811 Ignaz Jacob Sendtner; vgl. Circular Nr. 3
Archiv für Literatur, Kunst und Politik Hamburg Carl Wilhelm Reinhold; vgl. A040396 und A040397
Privilegirte gemeinnützige Unterhaltungs-Blätter Hamburg Carl Wilhelm Reinhold; vgl. A040396 bzw. A040410
Allgemeine musikalische Zeitung Leipzig Friedrich Rochlitz
Morgenblatt für gebildete Stände Stuttgart Hg. von Johann Friedrich Cotta; vgl. Webers Kontakte zu ihm sowie zu den Redakteuren Friedrich Haug und Georg Reinbeck seit der Stuttgarter Zeit, in der Weber bereits in diesem Blatt veröffentlichte
Thalia, ein Abendblatt14 Wien vgl. A040338
Allgemeiner Deutscher Theater-Anzeiger15 Leipzig [Hg. von Daniel Gottlieb Quandt], vgl. A040388
Süddeutsche Miszellen für Leben, Litteratur und Kunst16 Karlsruhe 1811–1812 vgl. dazu A04033817
Miszellen der neuesten Weltkunde18 Aarau Heinrich Zschokke; vgl. dazu A040410, A040430 und A040432
Der Freimüthige Berlin vgl. A040370 u. A040382 (Zusatz Meyerbeers) (die erwähnten Texte sind bislang nicht nachgewiesen)
Heidelbergische Jahrbücher der Literatur Heidelberg vgl. A047436
Zeitung für die elegante Welt Leipzig (vgl. etwa A030672)
Allgemeiner Anzeiger der Deutschen Gotha (bislang einzige nachgewiesene Beteiligung: A030568)
Journal des Luxus und der Moden Weimar Carl Bertuch; vgl. u.a. A040532
Musicalische Notizen19 Linz 1/1812–3/1812 Hg. von Franz Xaver Glöggl; vgl. A040496
Musicalische Zeitung für die österreichischen Staaten20 Linz 4/1812–3/1813 Hg. von Franz Xaver Glöggl; vgl. A040496

Bezeichnend für das Vorgehen der Vereinsbrüder ist der Beginn eines Briefes von Gottfried Weber an Giacomo Meyerbeer vom 14. Februar 1812, worin es heißt:
Bruder: Spektakel auf allen Seiten. Ein neues musicalisches Blatt, Daß Du es für uns in Beschlag nimst, resp. durch Voglern nehmen läßest versteht sich, u zwar in der Art daß Vogler den redact anweißt uns zu Mitarbeitern aufzufordern, wo möglich gegen Honorar [...]. Dringe u arbeite darauf zu was Du kannst, neue Blätter sind uns besonders wichtig weil wir solchen am willkommensten sind u uns nach u nach am festesten sezen.”
Auch wenn hier unklar bleibt, um welches Periodikum es sich handelt, wird doch deutlich, dass offensichtlich auch Vogler in die Tätigkeit des Vereins eingeweiht sein musste, worauf auch die Tatsache deutet, dass Carl Maria von Weber laut Brief vom 30. August 1810 im Hause Voglers an den Statuten arbeitete und Voglers Umzug als Grund für die Verzögerung angab.

Nachdem Carl Maria von Weber in München Ignaz Jakob Sendtner für die Veröffentlichung von Artikeln des Vereins gewinnen konnte, schrieb er an die Brüder: “cultivirt mir nur den Sendtner ordentlich.” Dagegen bedauerte Gottfried Weber Ende Februar 1811 im Hinblick auf Wien: “Wenn die Herrn Kanne und Treitschke nur für dortige inländische Blätter schreiben, so sind sie uns nur zu Deinen Gunsten Brauchbar, u da wir sie nicht kennen u folgl. nicht auf sie influiren können – nichts für uns.” In Weimar hatte Weber 1812 Kontakt zum Herausgeber des Journal des Luxus und der Moden, Carl Bertuch. Dieser erhielt nicht nur Texte Webers, sondern Weber empfahl ihm im Juni 1813 auch die beiden Wiener Joseph Passy und Ignaz Franz Mosel als Mitarbeiter (vgl. A040623).

Endnotes

  1. 1Vgl. hierzu ausführlicher die Einleitung von Oliver Huck in: Die Schriften des Harmonischen Vereins, Teil 1: 1810–1812. Texte von Alexander von Dusch, Johann Gänsbacher, Giacomo Meyerbeer und Gottfried Weber, hg. von Oliver Huck und Joachim Veit (Weber-Studien, Bd. 4/1), Mainz 1998, S. 9–67.
  2. 2Die Tatsache, dass Weber den Verein im Brief “unsern Harmonischen Bund” nennt, setzt eine Vertrautheit Gänsbachers mit dieser Idee voraus.
  3. 3Die § 1–17 sind dabei von Carl Maria niedergeschrieben, mitten im ersten Satz von § 17 übernahm dann Gottfried Weber die weitere Abschrift; vgl. D-Wgm, Briefsammlung (Weber an Gänsbacher 4), Faksimile der 2. Seite in: Weber-Studien 4/1, S. 7.
  4. 4Herausgegeben und kommentiert von Walter Senn, Thaur 1986, S. 40.
  5. 5Der Terminus Session wurde offensichtlich für Sitzungen des Vereins verwendet, denn Weber spricht im Brief vom 31. Dezember 1811 an Gottfried Weber nach einem Zusammentreffen mit Gänsbacher in Prag davon, dass er mit diesem eine “förmliche Sizzung” in Vereinssachen vorgenommen habe.
  6. 6Arno Lemke, Jacob Gottfried Weber. Leben und Werk. Ein Beitrag zur Musikgeschichte des mittelrheinischen Raumes, Mainz 1968, S. 36, Fn. 104. Lemke nennt dort allerdings irrtümlich auch Danzi als Mitglied.
  7. 7Vgl. dazu Huck, Weber-Studien 4/1, S. 20, Fn. 46 bzw. Brief Webers an Gottfried Weber vom 27. Februar 1811 bzw. 2. Februar 1811. Aus den erhaltenen Unterlagen des Vereins geht aber ohnehin hervor, dass neben den beiden Webers vor allem Alexander von Dusch, Meyerbeer und Gänsbacher – also die Gründungsmitglieder – die für die Sache des Vereins Aktiven waren.
  8. 8Dieses Pseudonym verwendete Weber bereits vor der Gründung des Vereins, vgl. dazu Weber-Studien 4/1, S. 11.
  9. 9Zur Diskussion der Zuweisung dieses Pseudonyms vgl. Oliver Huck in: Weber-Studien Bd. 4/1, S. 24.
  10. 10Vgl. dazu den Brief von beiden Webers an Gänsbacher vom 7. Dezember 1810. Der Plan kam jedoch nicht zustande; anlässlich der Gründung seiner Zeitschrift Caecilia schrieb Gottfried Weber dazu rückblickend am 10. Oktober 1824: “Weißt Du noch, wie wir mit Beer und Weberl und Dusch einmal eine Zeitung für die musikalische Welt herausgeben wollten und ihr mich zum Redacteur machen wolltet, u ich Euch nein stiß, u die Sache nicht zu stand kam, weils auch kein anderer wollte: jetzt bin ich doch dran gekommen, u weiß nicht wie.”
  11. 11Die Formulierung im Brief: “nach Bestimmung des Hesperus” bleibt vage und könnte sich in diesem Kontext auch auf eine Stadt als Publikationsort des nachzudruckenden Artikels beziehen.
  12. 12So schreibt Carl Maria von Weber z. B. im Brief vom 19. Juli 1811 an Gottfried: “deine Notiz vom Bad: Magazin, habe in einer neuen Sauçe ins GesellschaftsBlatt pp gegeben, und verbreite es nach Kräften”.
  13. 13Die ursprünglich in Salzburg erscheinende, mit dem Zusatz “Neue” dann 1809 von Sendtner übernommene Zeitung erschien nur bis Ende 1811. In diesem Jahrgang sind nur eine Besprechung des Baierischen Musik-Lexikons von F. J. Lipowsky (in Nr. 72 vom 11. April, Sp. 577-581) und eine kurze Anzeige der Fragmente zur höhern Musik von Böcklin von Böcklinsau (im Intelligenzblatt Nr. 33 vom 8. Juni 1811, Sp. 184; davor ist noch eine Elementarische Gesangslehre für Volksschulen besprochen) als (ungezeichnete) Beiträge zu musikalischen Gegenständen vorhanden. Beide kommen als Vereinstexte nicht in Frage.
  14. 14Bislang keine zuweisbaren Texte ermittelt, trotz der engen Kontakte Webers zum Herausgeber Ignaz Franz Castelli. Ob einige kurze Erwähnungen Webers in den Jgg. 1811 bis 1813 mit dem Einfluss des Vereins zusammenhängen, bleibt fraglich. Castelli war allerdings auch nur bis September 1811 Redakteur dieses dann im Juni 1813 eingestellten Blattes.
  15. 15Bislang konnten keine dezidiert auf den Verein zurückgehende Texte nachgewiesen werden. Die Berichterstattung über Webers Prager Wirken im Jg. 1814 stammt meist vom Herausgeber Daniel Gottlieb Quandt selbst.
  16. 16Bislang konnten keine Texte nachgewiesen werden.
  17. 17Da die Schweizer Notizen in A031322, in denen Webers Ernennung zum Ehrenmitglied der Schweizerischen Musikgesellschaft erwähnt wird, im Rahmen einer Fortsetzungsfolge steht, kann nicht angenommen werden, dass der Text auf die Vereinsbrüder zurückgeht.
  18. 18Vermutlich aufgrund des verpassten persönlichen Kontakts zu Zschokkke (vgl. A040432) kam eine nähere Verbindung zu diesem Periodikum nicht zustande.
  19. 19In den ersten drei Monaten dieses Periodikums, das dann durch die Musicalische Zeitung für die österreichischen Staaten abgelöst wurde, erschienen keine Artikel der Vereinsbrüder.
  20. 20Oliver Huck listet in den Weber-Studien 4/1, S. 39, Fußnote 137–139, die Texte Carl Maria von und Gottfried Webers sowie Gänsbachers auf, die zuvor in der AmZ erschienen waren und die Glöggl nachdruckte. Da hierbei teils wichtige Passagen gestrichen wurden, geht Huck davon aus, dass die Brüder diese Texte nicht direkt an Glöggl sandten, sondern dieser eher durch Vogler auf die drei aufmerksam gemacht wurde. Zumindest die Fülle der Notizen ist bemerkenswert und die modifizierte Mehrfachpublikation gehörte zu den typischen Gepflogenheiten der Vereinsbrüder.

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