Papierne Denkmäler – Stammbücher und Albumblätter der Familie von Weber
Aus dem 16. bis ins 20. Jahrhundert ist in Bibliotheken, Archiven, Museen und Privatsammlungen eine große Fülle einzelner Albumblätter aber auch kompletter Stammbücher (auch als Album oder Liber amicorum bezeichnet) überliefert1. Erst in jüngerer Zeit erfahren diese Bestände größere Wertschätzung, besonders vollständige Alben werden in speziellen Datenbanken erfasst, teils bestandsübergreifend wie im Repertorium Alborum Amicorum , teils bibliotheksspezifisch wie im Stammbuchportal der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Einstmals besonders in studentischen Kreisen beliebt, haben sich größere Bestände solcher Alben u. a. in etlichen Universitätsbibliotheken erhalten, so in Gießen (vgl. den Katalog ), Göttingen (vgl. die Nachweise ) oder Tübingen (vgl. den Katalog ). Als eigenständige Form der Textüberlieferung sind die Stammbücher freilich schon seit längerer Zeit ein Gegenstand der Forschung2.
Vielfach wurden Stammbücher allerdings von Autographensammlern „geplündert“ und einzelne Einträge aus den Bänden herausgetrennt. Bibliothekare ebenso wie Historiker und Editoren haben gegenüber solchen vereinzelten Albumblättern vielfach ein eher reserviertes Verhältnis. Aus dem Kontext gerissen bieten solche Notizen oftmals wenig Information, zumal nicht selten die Kenntnis über den ursprünglichen Zusammenhang und den Empfänger verlorenging und sich nur mit viel Aufwand rekonstruieren lässt. Lassen sich anhand von kompletten Alben gelegentlich ganze Lebenswege nachverfolgen oder das soziale Umfeld einer Person erschließen, so wirft das Einzelblatt bestenfalls ein Schlaglicht auf eine einzelne Begegnung, eine besondere Situation. Lediglich eine aufwändigere Gestaltung des Blattes – mit Zeichnungen, Porträtsilhouetten oder persönlichen Beigaben – entschädigt in einzelnen Fällen für mangelnden Gehalt. Ganz anders die Bewertung in früheren Zeiten: Für den Beschenkten hatte das einzelne Blatt oftmals einen hohen Erinnerungswert, brachte es doch – vor dem Zeitalter von Fotografie – eine geschätzte Person oder ganz bestimmte Erlebnisse wieder ins Gedächtnis. Ein Autor des Jahres 1784 fasste dies in die Worte: „ein Stammbuch ist auch ein Pantheon, in welches weit zerstreute Freunde zusammen kommen, und zusammen wallfahrten. Es ist das Saat- und Erndte-Register der Freunde; es ist das heilige Grab derselben; oder die Grabschriftensammlung von denen selbst, die wir nicht mehr sehen, aber noch lieben. Es erzählt, wenn die Haare die Farbe der Unschuld angenommen, die Biographie der rothwangigen Jugendjahre, und zitirt die Freunde, die es überlebte, in die Erinnerung zurück.“3 Überwog beim Albumbesitzer der Charakter eines „Denkmals“ für die Freunde (vgl. dazu den Titel von C. M. von Webers Album amicorum), so haftete den Albumblättern für die Nachgeborenen – besonders im späteren 19. Jahrhundert – im gewissem Maße die Aura des Schreibers an; die papiernen Erinnerungsträger erhielten quasi ,Reliquien‘-Status; eine Sichtweise, die in zunehmend rationaleren Zeiten allerdings mehr und mehr an Bedeutung verlor.
Die Weber-Forschung hat den Stammbüchern und Albumblättern lange Zeit eher geringe Beachtung geschenkt, auch wenn Joachim Veit bereits 1988 auf deren Relevanz für die biographische Forschung, speziell für die Zeit vor Beginn von Carl Maria von Webers TagebuchaufzeichnungenT, hingewiesen hatte4. Immerhin hatten Stammbücher auch für die Familie von Weber eine große Bedeutung, und es kann als besonderer Glücksfall bezeichnet werden, dass sowohl das Album amicorum Carl Maria von Webers als auch die Alben seiner Halbbrüder Fridolin und Edmund erhalten blieben. Ersteres wurde von den Nachfahren bis ins 20. Jahrhundert bewahrt, bis es mit dem sogenannten Familiennachlass in die Berliner Staatsbibliothek gelangte5, während das Stammbuch Fridolin von Webers auf unbekannten Wegen in den Handel kam6 und jenes von Edmund von Weber über längere Zeit zur Sammlung des Mannheimer Musikalienhändlers und Verlegers Carl Ferdinand Heckel bzw. von dessen Erben gehörte, bevor es 1964 nach mehreren Auktionen in der Musashino Akademia Musicae in Japan seinen endgültigen Aufbewahrungsort fand7. Die letztgenannte Quelle wurde erstmals 2008 als wertvolles Zeugnis zur Familiengeschichte umfassender ausgewertet8; für das Album Fridolin von Webers ist eine ähnliche Erfassung, die bislang nur partiell erfolgte, in Vorbereitung.
Das älteste der drei Stammbücher ist jenes von Edmund von Weber; es wurde im September 1786 begonnen, kurz bevor der Besitzer sich für längere Zeit von der Familie trennte, um zu seiner Ausbildung bei Joseph Haydn im ungarischen Esterháza aufzubrechen. Das Buch wurde bis in die Berner Jahre des Inhabers fortgeführt (letzter Eintrag vom 10. April 1815). Das Album des älteren Fridolin von Weber (kein gebundener Band, sondern eine Loseblattsammlung: ein Schuber mit einer Folge von Einzelblättern) wurde im Februar 1799 in Bayreuth begonnen und bis zum Eintreffen in Hamburg 1817 fortgeführt, wo der älteste Sohn Franz Anton von Webers seinen letzten Wohnsitz fand.
Carl Maria von Weber dürfte sein kostbares Lederbändchen mit Goldschnitt und Schmucktitelblatt („Denkmal | meiner Freunde und Freundin[n]en | für | Carl Maria von Weber | 1799.“, umkränzt von Blumen) als Geschenk von Christiane Freifrau Marschall von Greiff erhalten haben, mit deren Eintrag vom 10. Juli 1799 das Album eröffnet wurde9. Es enthält knapp 70 Eintragungen, die verschiedenen Lebensperioden entstammen: dem Aufenthalt in Hildburghausen 1799 (A045302, A040090), der Reise durch Böhmen und Sachsen 1800 (A045300, A045314, A045315), den Besuchen in München 1800 (A045313, A045309, A045319, A045318, A045301, A045320, A040098, A045311, A045363), Freiberg und Chemnitz 1800/01 (A045316, A045317, A045323, A045324, A045322), Nürnberg 1801 (A045327, A045328) und erneut München 1801 (A045329, A045332), dem Aufenthalt in Salzburg 1801/02 (A045321, A045304, A045305, A045331, A045339, A045333), der großen Reise von Augsburg bis nach Schleswig und zurück 1802 (A045343, A045303, A045334, A045336, A045335, A045344, A045340, A045307, A045306, A045310, A045345, A045330, A045362), den Aufenthalten in Augsburg 1802/03 (A045312, A045342, A045354, A045348, A045361), Wien 1803/04 (A045337, A045338) und Breslau 1804 bis 1806 (A045357, A045349, A045359, A045350, A045347), der Reise nach Württemberg 1807 (A045308, A045326, A045325, A045353, A045352) sowie den Jahren 1807 bis 1810 in Stuttgart und Ludwigsburg (A045355, A045358, A045346, A040247, A045356). Aus der nachfolgenden Zeit, in der Weber bereits sein Tagebuch führte, finden sich im Stammbuch nur noch drei Eintragungen besonders enger Freunde: Gottfried Weber, Giacomo Meyerbeer und Heinrich Baermann (A045351, A045341, A045360); der späteste stammt vom 25. März 1812. Viele der Eintragungen stehen mit einer bevorstehenden räumlichen Trennung von Autor und Albumbesitzer in Zusammenhang (das gilt ebenso für die Alben der Halbbrüder), sie entstanden also, bevor Carl Maria von Weber eine der in seiner Jugend häufig wechselnden Lebensstationen verließ bzw. bei Abreise eines seiner Bekannten bzw. Freunde.
Innerhalb der Digitalen Edition der Weber-Gesamtausgabe werden die Stammbücher nicht als geschlossene Korpora präsentiert, sondern die darin enthaltenen Albumblätter separat, also als eigene Einheiten publiziert. Als Textsorte entziehen diese sich einer eindeutigen Zuordnung – kein eigentlicher Brief (auch wenn es sich um die ,Nachricht‘ eines Absenders an einen Empfänger handelt), eher ein persönliches Dokument. Eingeordnet sind sie daher zwar in die Korrespondenz, aber als eigene Untergruppe. Die Eintragungen in Carl Maria von Webers Album sind komplett erschlossen, während aus den Stammbüchern der Halbbrüder nur einzelne Notizen von engen Familienmitgliedern nachgewiesen werden: drei aus Fridolins Sammlung (A040091, A040092, A040093), sechs aus Edmunds Album (A045415, A045418, A045419, A045417, A045416, A045401).
Wie üblich folgen die einzelnen Notate in den Alben keiner chronologischen Ordnung, vielmehr suchte sich jeder, der um einen Eintrag gebeten worden war, einen ihm passenden Platz, gerne in Nachbarschaft einer ihm bekannten bzw. eng verbundenen Person (vgl. in Carl Maria von Webers Album die Nachbarschaft der Einträge der Ehepaare Edmund und Louise von Weber sowie Fridolin und Barbara von Weber bzw. der Schwäger Jakob Hugo Eschen und Johann Otto Stricker), gelegentlich auch unter Bezugnahme auf eine bereits vorhandene Notiz10. Da die älteren Einträge bei Weitergabe des Stammbuchs (anders als privat gehaltene Briefe) auch weiteren Personen zugänglich wurden, erhielten diese laut Johann Friedrich Schütze „gewissermaßen eine, wenn gleich nicht gedruckte doch geschriebene Publicität“, quasi in „einer Art offenem Briefwechsel“11 – auch das untermauert die Einordnung in die Korrespondenz.
Zwischen den einzelnen Eintragungen blieben in gebundenen Bänden nicht selten zahlreiche Seiten leer. Meist ist ein Eintrag auf eine Seite beschränkt, lediglich bei längeren Texten (z. B. A045327), musikalischen Beiträgen (z. B. A045308, A045362, A045341) und hinzugesetzten Porträtsilhouetten (z. B. A040090, A045320) bzw. Zeichnungen (z. B. A045329) wurden gelegentlich zwei nebeneinanderliegende Seiten verwendet, seltener Vorder- und Rückseite eines Blattes (z. B. A045348). Wer sich einen detaillierten Eindruck vom Erscheinungsbild von Carl Maria von Webers Album amicorum in Gänze verschaffen möchte, sei ausdrücklich auf das Faksimile verwiesen, das die Berliner Staatsbibliothek innerhalb ihrer Digitalen Bibliothek präsentiert (vgl. Faksimile ).
Der inhaltliche Gehalt der Einzelnotizen ist sehr heterogen; Originalität war nicht zwingend gefordert, vielmehr sollte die Persönlichkeit des Stammbuchbesitzers bzw. die Beziehung zwischen Schreiber und Inhaber beleuchtet oder an gemeinsame Erlebnisse erinnert werden. Dem Haupteintrag (gerne ein Gedicht oder anderes literarisches Zitat, gelegentlich eine kurze musikalische Notiz wie ein Lied, Kanon oder ein charakteristisches Motiv) ist häufig ein „Symbolum“ (auch „Devise“) beigegeben: ein Lebensmotto, das man dem Albuminhaber mit auf den Weg geben wollte, außerdem – je nach Geschick des Eintragenden – auch Bildschmuck. Henrike Rost charakterisiert die „den Stammbuchstereotypen des 18. Jahrhunderts verpflichtet[en]“ Alben der Weber-Brüder folgendermaßen: „neben Freundschaftsversprechen“ sind sie „vor allem durch Lebensmaximen, Tugendermahnungen und fromme Geleitsprüche zum Abschied“ gekennzeichnet12. Mit dem Haupteintrag stellte man auch den eigenen Bildungshorizont und Geschmack unter Beweis, wählte u. a. beliebte Gedichte, etwa von Christian Fürchtegott Gellert (z. B. in A040090, A040040), Friedrich von Matthisson (z. B. in A045308, A045341) oder Gottfried August Bürger (z. B. in A045311); Grundlage für Zitate lieferten auch Gedichte und Bühnenwerke Friedrich Schillers (z. B. in A045342, A045357, A045350, A045325, A040493) bzw. Goethes (z. B. A045355, A040295, A041027). Für weniger Belesene oder Unentschlossene gab es gedruckte Beispielsammlungen, aus denen man passende Sinnsprüche auswählen konnte, beispielsweise Johann Caspar Hechtels Denkmale der Freundschaft und kleine Lehren der Freundschaft (Nürnberg 1797/98, neue Auflagen 1803 und 1809), G. H. Meißners Stammbuch, oder Denkmähler der Freundschaft und Liebe (mehrere Neuauflagen zwischen 1809 und 1823), die 1792 im Taschenbuch zum geselligen Vergnügen erschienene „Sammlung von kleinen Gedichten und prosaischen Aufsätzen, in Stammbücher“13 oder Quirin Cramers Sprüchwörter, Denk- und Sittensprüche zum Gebrauche der Katecheten und Lehrer gesammelt, und zum Theil mit Erläuterungen versehen (Prag 1797).
Die Digitale Edition auf unserer Homepage präsentiert nicht nur die Albumblätter für die Weber-Brüder, sondern auch die Stammbucheinträge Carl Maria von Webers in fremde Alben. Sie sind ganz überwiegend als Einzelblätter überliefert. Immerhin ist das erste erhaltene Schriftzeugnis Webers ein Albumblatt für Elise Vigitill aus dem Jahr 1792; in deren Album trugen ich auch andere Familienmitglieder ein (vgl. A040046, A045411, A040039, A040040, A040041, A040042, A040044, A040045)14.
Die Albumblätter Webers kann man vier Gruppen zuordnen:
1) individuelle Textbeiträge,
2) Zeichnungen mit Textzusätzen,
3) standardisierte, mehrfach verwendete Texte und
4) musikalische Albumblätter.
In der Frühzeit dominieren die ersten beiden Gruppen. Zeichnungen als Stammbuch-Beiträge sind nur in zwei Fällen bekannt: Zwei Landschaftsdarstellungen (vermutlich Phantasielandschaften) aus den Jahren 1797 bzw. 1799 für die Halbbrüder Edmund (A045401) und Fridolin (A040093). Die meisten Einträge bis Anfang 1812 kann man der Gruppe der individuellen Textbeiträge zuordnen, d. h. jeder Eintrag ist eigenständig ausgewählt, wenn auch keineswegs in Gänze Weber’scher ,Originaltext‘, denn Weber griff gerne auf Einträge in sein eigenes Album amicorum zurück, die er wiederverwendete: Am 18. Mai 1805 nutzte er für das Albumblatt für Julius Miller denselben Ausschnitt aus einem Schiller-Gedicht, den ihm 1803 Joseph Anton Munding in sein Album geschrieben hatte. Am 25. Februar 1807 verwendete er (vermutlich für Friedrich Wilhelm Berner) einen Text von Rudolph Werckmeister, den ihm Halbbruder Edmund von Weber am 8. Mai 1800 zugeeignet hatte. Schillers Sentenz „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.“ findet sich sowohl in Berners Eintrag für Weber vom 26. Februar 1807 als auch in Webers Albumblättern für Carl Bertuch vom 3. Februar 1812 und für Heinrich Beer vom 30. August 1812. Und besonders auffällig ist das Wiederaufgreifen von Worten Shakespeares, die Weber am 11. April 1821 für das Albumblatt für Friedrich Gerstäcker in genau der verballhornten Form verwendete, wie er sie in seinem Album im Eintrag Joseph Wismayrs von 1802 vorfand.
Mit zunehmender Popularität wurde Weber von vielen Besuchern um eine Erinnerungsnotiz gebeten und legte sich daher zwei Standard-Sätze zu, die er – besonders in den 1820er Jahren – auf seinen Albumblättern geradezu „gebetsmühlenartig“ wiederholte: „Beharrlichkeit führt zum Ziel!“ und „Wie Gott will!“ Er selbst bezeichnete den erstgenannten dieser Sinnsprüche, den er bereits 1810 den Satzungen des Harmonischen Vereins vorangestellt hatte, als seinen Wahlspruch15. Als Albumeintrag fand die „Beharrlichkeit“ zwischen August 1812 und August 1825 mindestens siebzehnmal (vermutlich noch häufiger) Verwendung (A045412, A040641, A040732, A045018, A041531, A041611, A044672, A041628, A041633, A041745, A041772, A042144, A045410, A042163, A045227, A042483, A045413). Das Motto „Wie Gott will!“ verwendete Weber erstmals als Bildunterschrift für sein 1823 von C. A. Schwerdgeburth gestochenes Porträt und nachfolgend ebenfalls mehrfach als Albumeintrag (A045997, A045414, A042364, A042441, A042493, A042542)16.
Die wohl interessanteste Gruppe der Albumblätter betrifft die musikalischen Einträge; Weber notierte sie vorrangig für Musiker (bzw. Amateurkomponisten), seltener auf speziellen Wunsch. Henrike Rost bringt solche Musiknotate in Stammbüchern mit einem kulturellen Wandel in Zusammenhang: „Die dargestellte Tendenz in Hinblick auf Webers Gestaltung von Albumbeiträgen scheint […] die allgemeine Entwicklung widerzuspiegeln, im Zuge derer das Eintragen und Sammeln von Notenautographen in Stammbüchern, in musikaffinen Kreisen, ab den 1820er Jahren zunehmend Verbreitung fand.“17 Allerdings war für Weber offenbar eher der Adressatenkreis (bzw. der Auftrag) ausschlaggebend, zumal musikalische Albumblätter für ihn bereits ab 1802 bezeugt sind (am häufigsten allerdings tatsächlich aus den Jahren nach 1820).
Dabei boten sich Kanons besonders an, einerseits wegen ihrer Kürze und einzeiligen Notation, andererseits, weil man hier auf kleinstem Raum seine musikalische (besonders kontrapunktische) Kunstfertigkeit unter Beweis stellen konnte. Am häufigsten fand der am 19. März 1810 komponierte dreistimmige Rätsel- bzw. Spiegelkanon „Canons zu zwey sind nicht zu drey“ Verwendung, laut Jähns ein „kleine[s] Cabinetstück gelehrten Formenspiels“18. Er findet sich auf vier Albumblättern Webers zwischen 1816 und 1826: für Johann Nepomuk Hummel (A045403), Franz Xaver Wolfgang Mozart (A041600), Ferdinand Piringer (A042162) sowie Maria Szymanowska (A045408). Nicht wenig erstaunt war Weber, als er im Herbst 1819 von Louis Spohr um einen Eintrag in dessen Album gebeten worden war und beim Durchblättern der bereits vorhandenen Beiträge eben diesen Kanon fand, eingetragen am 5. Januar 1816 von Gottfried Weber (als vorgeblich eigenes Werk). Carl Maria von Weber annotierte den Eintrag entsprechend19; später wandte er sich mit Briefen auch direkt an Gottfried Weber und zeigte sich über dessen Aneignung der Komposition verwundert20. Da Weber den Kanon in Spohrs Album nicht nochmals verwenden konnte, erhielt dieser als Stammbuch-Eintrag vom 25. November 1819 einen tags zuvor speziell komponierten vierstimmigen Doppelkanon.
Ein weiterer älterer Kanon wurde 1824/25 mehrfach auf Albumblättern notiert: die bereits 1802 entstandene und 1811 im Lieder-Heft op. 13 als Nr. 6 publizierte Vertonung von Johann Georg Breitings Versen „Mädchen, ach meide“ für drei Stimmen. Bezeugt sind die entsprechenden Albumblätter für Carl Grüneisen und Andreas Kretzschmer, und auch Alphonse Clarke de Feltre wurde ein entsprechendes Blatt zugeschickt.
Eine Ausnahme bildet das undatierte Albumblatt für Francois Joseph Dizi, das bei dessen Dresden-Besuch im Dezember 1823 entstanden sein dürfte: Aus dem Finale Nr. 16 des Freischütz wählte Weber die Passage T. 329 (mit Auftakt) bis 344 „o lest den Dank in meinen Zähren“ aus, die er in reduzierter Klaviernotation festhielt. Eine weitere Ausnahme betrifft den Max-Walzer, den Weber im Sommer 1825 während seiner Kur in Ems offenbar mehrfach zu Gehör brachte – laut Tagebuch u. a. am 16. August in einer Gesellschaft bei einer Gräfin Voß (vermutlich Luise von Voß, geb. Freiin von Berg, 1780–1865) – und mindestens zweimal auf speziellen Wunsch als Albumblatt notierte: am 5. August (also bereits vor der Voß-Gesellschaft) für die Fürstin Maria Arkadevna Galitzina und am 17. August für die preußische Kronprinzessin Elisabeth.
Einen musikalischen Dialog in Albumblättern in Form zweier Kanons kann man im Juli 1802 in Salzburg zwischen Weber und Thaddäus Susan beobachten: Beide Einträge basieren auf demselben beliebten, häufig vertonten Gedicht Das Liedchen von der Ruhe „Im Arm der Liebe ruht sich’s wohl“ von Hermann Wilhelm Franz Ueltzen21, das allerdings nicht direkt mit Musik versehen wird, sondern lediglich den literarischen Bezugspunkt bildet. Besagtes Gedicht beginnt:
„Im Arm der Liebe ruht sich’s wohl,
Wohl auch im Schoß der Erde.
Ob’s dort noch oder hier sein soll,
Wo Ruh’ ich finden werde.
Das forscht mein Geist und sinnt und denkt
Und fleht zur Vorsicht, die sie schenkt.“
Der Gedanke an die eigene Sterblichkeit verwundert zunächst bei den sehr jungen Freunden (Weber war noch keine 16 Jahre alt, Susan 23), passt aber bestens in den Stammbuch-Kontext, wo mahnende Worte bezüglich des Lebenswandels Standard waren, allerdings wird dieses Motiv von Weber und Susan gar nicht aufgegriffen, vielmehr thematisieren sie die Ambivalenz zwischen Liebe und Partnerchaft von Mann und Frau auf der einen, Freundesliebe auf der anderen Seite. In Ueltzens Dichtung ist mit dem Bild des „Arms der Liebe“ die Beziehung zu einer Frau gemeint („Bei dir, Elise, find’ ich wohl | Die Ruhe meines Lebens.“), darauf bezog sich auch Weber in seinem Albumblatt22 vom 8. Juli 1802 und unterlegte seinem dreistimmigen Kanon (3 x 8 Takte) die reimlosen Zeilen: „Wenn Du im Arm der Liebe einst ruhest, dann denk auch mein, des Freundes.“ – mit anderen Worten: Wenn Susan einst eine Partnerin gefunden haben wird, soll er seinen Freund nicht vergessen. Susan antwortete am selben Tag mit einem vierstimmigen Kanon (4 x 8 Takte), eingetragen in Webers Album amicorum, dem er seinerseits den Reim unterlegte: „Wenn auch im Arm der Lieb ich nie ruh, denk ich des Freundes doch immer wie du.“ Hier fand der Gedanke der korrespondierenden Albumeinträge eine besonders gelungene Ausformung – eine spezielle Freundesgabe, für die es Weber in späteren Jahren an Zeit und Muße mangelte.
Endnotes
- 1Als Beispiel aus dem 16. Jahrhundert vgl. das Albumblatt von Otto Cyriak Weber vom 1. Dezember 1584.
- 2Ausgehend vom Standardwerk von Robert und Richard Keil, Die Deutschen Stammbücher des sechzehnten bis neunzehnten Jahrhunderts, Berlin 1893 (Reprint Hildesheim 1975) wertete Wolfgang Klose weitere wichtige Arbeiten zum Thema aus in seinem Aufsatz: Stammbücher – Eine kulturhistorische Betrachtung, in: Bibliothek und Wissenschaft, Bd. 16 (1982), S. 41–67 (allerdings überwiegend auf studentische Stammbücher bezogen). Zu Musiker-Alben aus der Zeit Webers und später vgl. neuerdings Henrike Rost, Musik-Stammbücher. Erinnerung, Unterhaltung und Kommunikation im Europa des 19. Jahrhunderts (Musik – Kultur – Gender, Bd. 17), Köln 2000.
- 3Vgl. Betrachtung über Stammbücher, in: Journal des Luxus und der Moden, Jg. 14, Nr. 8 (August 1799), S. 368 (mit Datierung 26. Mai 1784).
- 4Vgl. Veit, Quellen zur Biographie, S. 69.
- 5D-B, Mus. ms. theor. C. M. von Weber WFN 5.
- 6Bereits 1923 bei Karl Ernst Henrici angeboten (Auktions-Katalog 83, Nr. 144); von der Berliner Bibliothek 1938 bei Stargardt (Kat. 388, Nr. 93) erworben: D-B, Mus. ms. autogr. S 7.
- 7J-Tma, Aut-Eps-24; zur Provenienz vgl. Weberiana 18, S. 6f.
- 8Vgl. Higuchi / Ziegler in Weberiana 18.
- 9Vgl. Weberiana 26, S. 35.
- 10Solche Bezüge stellte Weber beispielsweise im Stammbuch von Charlotte von Edel zwischen seinem Eintrag und einem benachbarten von Alexander von Dusch her. Außerdem annotierte er den Eintrag Gottfried Webers in das Album von Louis Spohr; vgl. dazu auch weiter unten.
- 11Vgl. Schützes „Vorschreiben“ zu: Betrachtung über Stammbücher, in: Journal des Luxus und der Moden, Jg. 14, Nr. 8 (August 1799), S. 366.
- 12Vgl. Rost (wie Anm. 2), S. 72.
- 13In: Taschenbuch zum geselligen Vergnügen für 1792, = Jg. 2, Leipzig 1792, S. 69–104.
- 14Das Album gelangte aus dem Besitz von F. W. Jähns ebenfalls in die Weber-Sammlungen der Berliner Staatsbibliothek, allerdings hat Jähns aus dem Band (D-B, Weberiana Cl. II A. f. 4, Nr. 30. λ. (1)) zahlreiche Eintragungen ausgeschnitten und vereinzelt (ebd., Weberiana Cl. II A f 4, 27ɑ bis 29η). Die Verbindung zwischen den Familien Vigitill und Weber stiftete vermutlich Fridolin von Webers Nürnberger Ehefrau Barbara, geb. Wild, die mit den Schwestern Maximiliana Catharina Justina Vigitill und Elise Vigitill befreundet war und für beide ein Albumblatt hinterließ.
- 15Vgl. den Tagebucheintrag vom 13. Mai 1812: „ich will meinem Wahlspruch keine Schande machen, Beharrlichkeit führt zum Ziel“. Bezeichnung als „Wahlspruch“ auch im Brief an Johann Gabriel Seidl vom 3. November 1823 bei Übersendung des Albumblatts für diesen vom selben Tag.
- 16Auch dieses Motto wird als „Wahlspruch“ Webers bezeichnet, allerdings nicht von Weber selbst; vgl. Ignaz Franz Castelli, Memoiren meines Lebens. Gefundenes und Empfundenes, Erlebtes und Erstrebtes, Bd. 2, Wien 1861, S. 195.
- 17Vgl. Rost (wie Anm. 2), S. 73.
- 18Vgl. Jähns (Werke), S. 111.
- 19Ebd., S. 112.
- 20Die Klärung der Autorschaft veranlasste Friedrich Wilhelm Jähns später zu einer umfangreichen Korrespondenz in dieser Angelegenheit.
- 21Publiziert in: Musen Almanach MDCCLXXXVIII = Poetische Blumenlese, aufs Jahr 1788, Göttingen: Johann Christian Dieterich, S. 68f.
- 22Das Einzelblatt befand sich ursprünglich im Besitz des Tiroler Musiklehrers Anton Schönaflinger, der es an seine Schülerin Freiin Caroline Czapka von Winstetten (1823–1897; Tochter des Wiener Bürgermeisters Ignaz Czapka von Winstetten, ab 1846 verh. Pelikan von Plauenwald) verschenkte, die es ihrerseits an ihre Töchter Antonia (geb. 10. März 1857) und Wilhelmine Pelikan von Plauenwald (geb. 30. Januar 1861) weitergab. Als deren Besitz wurde das Blatt 1926 erstmalig publiziert; vgl. Heinrich Damisch, Ein unbekannter Kanon von Carl Maria von Weber, in: Der Zuschauer. Monatsschrift für Musik und Bühnenkunst. Beilage zur Deutschösterreichischen Tages‑Zeitung, Jg. 1925/26, Folge 8 (Juni 1926), S. 3.