Hinrich Lichtenstein an Carl Maria von Weber in Dresden
Berlin, Samstag, 15. Mai 1824

[von Webers Hand:]
erhalten Hosterwitz 21 –––––
beantw Dr: ––––- 24. –––––––
Abschrift von Spont.’s Brief und meiner französ. Antwort vom 18:

Hier liebster Bruder schicke ich Dir wieder einige öffentliche Actenstücke in dem bewußten Proceß. Daß Graf B die neuliche Invective nicht unbeantwortet lassen konnte, verstand sich von selbst, nur hat er Mühe gehabt durchzusetzen, daß keine GegenErklärung in die Zeitungen aufgenommen wurde, denn die Censur hat strengen Befehl nichts durchzulassen, was gegen Sp. geht. So hats denn heute erst bekannt gemacht werden können. Zugleich hatten die bewußten 6 Herren die Erklärung sub No 2* von sich gegeben. Die hat die Censur ohne Weiteres gestrichen und Sp. von dem Vorhaben benachrichtigt. Darauf sind sie alle vorgeladen und von ihrem Chef (Sp.) gehörig heruntergemacht, wie [sie] sich unterstehen könnten pp und haben dann auch meistens gebeten, er möge nicht böse sein pp Aus Versehn ist die gestrichene Erklärung in einem Blatt stehn geblieben und kommt heute plötzlich zum Vorschein, unerwartet für uns Alle, die wir das Obige gestern Nachmittag wußten. Das lustigste ist, daß Sp. behauptet, er habe das neulich nicht einrücken lassen, obgleich in dem Manuscript sämtliche Namens-Unterschriften von seiner Hand hinzugefügt worden sind.

Brühl ist tief gekränkt und leidet wirklich auch körperlich von dem täglichen Aerger. Er erwartet nun von Dir, daß Du auch handelst und die wahre Lage der ganzen Angelegenheit durch öffentliche Bekanntmachung an den Tag bringest, damit das ganze Gewebe von Unwahrheit und Heuchelei aufgedeckt werde. Da ich Dich zu sehr liebe, um meinem Urtheil in solchen Dich betreffenden Fällen ganz trauen zu können, so habe ich mich vielfach mit Leuten von ruhiger Einsicht darüber besprochen und mit diesen Allen immer mehr mich überzeugt, daß Du nicht stillschweigen darfst. Du kannst den Grafen, der doch den ganzen Verdruß nur deinetwegen leidet nicht im Stich lassen, bist selbst unter der Maske der Freundlichkeit doch eigentlich eben so hart angegriffen, als er, hast gar nichts zu wagen, als daß Sp. sich nun offen feindselig gegen Dich zeigt, statt daß er es so | heimlich und versteckt thäte. Unsers Königs Unwillen kannst Du nicht fürchten, da Du seine Gnade nie besessen. Auch kann er Niemand wehren sich gegen Ungebühr zu vertheidigen und ist zu edel, als daß nicht Spontini Unrecht einsehn sollte, wenn ihm diese Actenstücke bekannt werden. – Wie es mir scheint wird es am besten sein die neulich überschickte Bekanntmachung in No 111 der Berl. Zeitungen als Veranlassung der […] zu gebenden factischen Erklärung zuerst zu nennen, oder noch besser wörtlich abdrucken zu lassen dann Deine Correspondenz mit Br. wegen der Eur., Deinen ersten Brief an Sp., und endlich die beiden Hauptbriefe, woraus sich dann deutlich genug die Lage der ganzen Sache und die Unwahrheit des Protokolls vom 3t Mai ergeben wird. – Der Graf wünscht, daß dies so bald wie möglich geschehn möge. Wäre es schon geschehn, desto besser, denn hier kann Niemand Licht geben als Du und nur darum bist Du mit so schmeichelhaften Phrasen behandelt, weil er Dich damit zu körnen hofft, nicht aufzutreten. Deine Freunde in Dresden schaffen Dir gewiß einen angemessenen Platz in irgend einem Tagesblatt, vielleicht in mehreren zugleich (z. B. AbendZeitung u elegante Zeitung) und von da aus kommt es von selbst in viele andre. B. wünscht nur, daß Du auf unsre Kosten ein Dutzend Exemplare hieher schickest, damit er bald in den Stand gesetzt werde, gewissen Personen die immer noch an den wahren Hergang der Sache nicht glauben wollen, die Augen zu öffnen.

Du kannst Dir übrigens kaum vorstellen, welch eine Sensation im Publicum diese Geschichte gemacht hat und wie offen sich überall die Liebe zu Dir ausspricht. Ich wiederhole es, etwas Glücklicheres für den Succeß der Euryanthe konnte sich nicht ereignen, als dieser hämische Widerspruch, der ohnmächtig vor der allgemeinen Stimme sinken muß. Was wird das für einen allgemeinen Jubel geben, wenn das Werk endlich zum Vorschein kommt, und wäre es nicht so vortrefflich wie es ist, es müßte doch gefallen, weil man es mit Gewalt und List hat vorenthalten wollen. Das Publicum läßt sich nicht so imponiren und in seinen Geschmack vorgreifen. |

Noch immer deutlicher wird es mir, daß der Ritter mit jenem öffentlichen Protokoll einen sehr dummen Streich gemacht, das war’s eben, was ich neulich nicht begriff, wie ein so pfiffiger wohlberathener Mann so etwas thun könne. Ich hatte aber freilich nicht daran gedacht, daß gerade am 12t, also Tags darauf Spontinis Benefiz-Concert war, für das er so werben wollte, es komme nachher auch wie es wolle. Es soll ihm doch nur halb gelungen sein, denn die Einnahme betrug nur etwas mehr als die Hälfte von dem vorjährigen Benefiz. – Wie […] sorglich Alles […] auf dieses Benefiz calculirt wurde, hörte ich noch heute erzählen kann aber die Wahrheit der Geschichte fürerst nicht fest verbürgen, obgleich sie sich nur leicht ermitteln läßt. Zu Gubitz kommt neulich ein hiesiger junger Schriftsteller mit einem ungemein lobenden Aufsatz über Sp., den er gern noch vor dem 12t in den Gesellschafter eingerückt haben möchte. G. erklärt, die Sache sei ihm bedenklich, denn Sp. der das Lob des Gesellschafters nicht gewohnt sei könne leicht unter so grobem Lob eine Ironie wittern, er möge ihm daher erst die Gewißheit […] verschaffen, daß Sp. sich nicht beleidigt finden werde. Darauf kommt noch selbigen Tages der Autor mit seinem Aufsatz zurück unter den Sp. mit eigner Hand die Worte geschrieben: „Je consens que cet article soit inseré dans le Gesellschafter Sp.“ und Gubitz läßt ihn dann samt diesem Zusatz wirklich einrücken. Ich bin neugierig das Blatt zu sehn, die Zufriedenheit mit dem Lobe muß sich gar zu artig ausnehmen.

Morgen gehe ich zu Mad. Beer, um zu hören, was die Neues weiß. Ist es etwas von Wichtigkeit, das Dir zu wissen nöthig sein könnte, so melde ich es Dir gleich. Einliegend erhälst Du auch Abschrift der Correspondenz über Euryanthe die mir der Graf noch so eben für Dich schickt. Ich lerne bei dieser Gelegenheit den letzten Brief vom 22t erst kennen, der eben so vernünftig und gemäßigt ist als der vom 9t unlogisch und heftig, wie gleichsam in verbissener Wuth, daß er nicht über die arme Eur. selbst herfallen kann. Hiemit Gott befohlen.

Laß mich bald wissen was Du gethan und wenn Dirs etwa an Zeit fehlt, so sags Böttiger, von dem ich doch wahrscheinlich in diesen Tagen einen Brief bekomme. Tausend Grüße am Frau und Kind von Deinem DHL

Apparat

Zusammenfassung

übermittelt weitere Aktenstücke im Zusammenhang mit der Spontini-Affaire um Euryanthe und schildert die letzten Ereignisse; Brühl würde unter dem Ärger sehr leiden, und man erwarte das öffentliche Eingreifen Webers; insgesamt sei der Skandal von Vorteil für die Euryanthe; Bitte um baldige Nachricht über die von Weber unternommenen Schritte.

Incipit

Hier liebster Bruder schicke ich dir wieder

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Solveig Schreiter

Überlieferung

Textzeuge

Leipzig (D), Leipziger Stadtbibliothek – Musikbibliothek (D-LEm)
Signatur: PB 37 (Nr. 54e)

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (4 b.S. einschl. Adr.)
  • Mit e.Anm. Webers
Weitere Textquellen
  • Rudorff: Westermanns illustrierte deutsche Monats-Hefte, 44. Jg. (1899), 87. Bd., S. 375–377;
  • Rudorff 1900, S. 167–172;

Textkonstitution

  • "": Gelöschter Text nicht lesbar.
  • Unleserliche Stelle
  • "oder noch besser … abdrucken zu lassen": Hinzufügung am Rand.
  • "ersten": Hinzufügung.
  • "": Gelöschter Text nicht lesbar.
  • Unleserliche Stelle
  • "sorglich": Hinzufügung.
  • "": Gelöschter Text nicht lesbar.
  • Unleserliche Stelle
  • "nur": durchgestrichen.
  • "": Gelöschter Text nicht lesbar.
  • Unleserliche Stelle

Einzelstellenerläuterung

XML

Wenn Ihnen auf dieser Seite ein Fehler oder eine Ungenauigkeit aufgefallen ist,
so bitten wir um eine kurze Nachricht an bugs [@] weber-gesamtausgabe.de.