Carl Maria von Weber an Gottfried Weber in Mainz
München, Sonntag, 20. August 1815

S: Wohlgebohren

Herrn Gottfried Weber

Richter am Kreis Gericht

zu

Mainz.

gegen Recipisse.

Geliebter theurer Bruder!

In diesem Augenblike erhalte ich deine wenigen Worte vom 9t huj:. Sie haben mir arg ins Herz geschnitten, aber ich habe es wohl dem Anschein nach verdient. Es fehlt nichts mehr um das Maas meiner Leiden voll zu machen als daß dieselbe Ursache die mich mit mir selbst, und der Kunst entzweite, auch noch die Liebe und das Vertrauen der Wenigen denen ich noch Glaube und die ich Liebe, – mir entreißt.      ich sah es wohl so kommen, wie ich immer mehr und mehr losgerißen von allem vereinzelt in der Welt stehen muß. – Aber es wird anderst werden, und ich werde Kraft genug haben, mich selbst wieder zu erheben. ja ich fühle jezt schon Beßerung, denn ich kann wieder Arbeiten.      Mein theurer lieber Bruder! Könnte ich doch bey dir sein, und in deiner treuen Freundes Brust den Schmerz niederlegen den man dem todten Papier nicht anvertrauen kann. Schildern kann ich dir nichts, aber kannst du mich begreiffen und fühlen, so wirst du es in wenig Worten verstehen.      Du hast meine trübe Stimmung schon in meinen frühern Briefen gesehen.      ich habe dir ein Bild meines Kunstlebens daß ein in Prag, daß ein immerwährendes Streben* ist, gegeben. dazu gesellte sich seit Jahr und Tag eine unendlich heftige Liebe. Meine erste. – hatte ich vorher über alles gelacht was ich darüber gelesen und gehört hatte, so lernte ich nun an mir selbst das Unbegreifflichste Begreifflich finden.      Hätte diese Neigung ein heitres frohes Wesen getroffen, so würde ich ein glüklicher Mensch gewesen sein. So aber traf es ein Wesen, deßen heftiger, argwöhnischer, Launenhafter Charakter, mich nur unglüklich gemacht hätte. ich war auf dem Punkte sie zu heyrathen. doch hatte ich so viel Besonnenheit erhalten mich damit nicht zu übereilen und – liebt sie mich wahrhaft, – einst mit einem sichern Brod, sie zu meiner Frau zu machen. – die Mutter war gegen mich, da ihr das HausRegiment entzogen würde.      ich lernte einsehen daß eine Verbindung mit Lina nur uns beyderseitig unglüklich machen würde, – und wir trennten uns endlich mit beyderseitigem Willen, ich, mit demselben Herzen voll der innigsten Liebe für Sie, nur der reinen Ueberzeugung folgend, Sie anscheinend, eben so.      ich begann meine Urlaubs Reise früher als gewöhnlich schon d: 7t Juny. brachte 14 Tage auf dem Lande zu, die übrige Zeit hier bey Bärmann, der alles hervorsucht, mich heiter und ruhig zu machen.      das leztere wird hoffentlich die Zeit geben, das erstere wohl schwerlich je wiederkehren. Wer mit einer solchen Heftigkeit und so tiefem Gefühle liebt wie ich, für den ist der Frohsinn verlohren. – Mit Schrekken sehe ich die Zeit heran nahen, wo ich wieder nach Prag zurük muß, und wo meine Verhältniße mich zwingen das Wesen das ich nicht mehr lieben darf, täglich zu sehen.      daß ich also seit Jahr und Tag todt für alles war, nur mit der höchsten Anstrengung meine DienstGeschäfte besorgte, wirst du nun begreifflich finden.      Aber bey Gott!! ich bin gewiß der alte, ewig unauslöschlich steht die Liebe zu dir in meiner Seele. und keine Zeit keine Begebenheit kann sie daraus verdrängen.      ich muß etwas ausruhen – die Rükerrinnerung greifft mich noch immer zu heftig an.      ich bin so reizbar und weich geworden.      ich kann jezt sogar weinen. |

Seit dem 30t Januar habe ich dir nicht mehr geschrieben!! eine lange Zeit – ich will versuchen dir meine Hauptbegebenheiten bis jezt nachzuholen und dann deine Briefe beantworten.      d: 17t Februar erhielt ich d: Briefe vom 7t Febr:Meyerbeer zu sehen muß dich sehr gefreut haben. was du über sein Spiel sagst ist ganz wahr.      daß er aber an Herzlichkeit gewonnen habe, glaube ich nicht recht. mehr Weltmann ist er geworden. ich habe auch einen Brief von ihm aus Paris erhalten, bin ihm aber auch noch Antwort schuldig und jezt weiß ich nicht wo er ist.      Mit Freuden sehe ich aus deinen Briefen, und überall wo ich hin komme, daß du gekannt und geachtet bist.      Gestern spielte meine Schülerin Fräulein v: Wiebeking deine Sonate durch, und schwer fiel mir mein Unrecht gegen dich ein. du sollst aber künftig gewiß mit mir zu frieden sein.      O ich habe viel nachzuholen, viel vorzuarbeiten.      Dein Requiem hat mir sehr gefallen. die Ausführung hat aber gewiß große Schwierigkeiten. da jede Einzelnheit so bedeutend heraustritt.      die erste freye Zeit wende ich dazu an dir eine ordentliche Rezension darüber zu schreiben, damit du nicht immer über mich schimpfst*.      Mein Bruder hat mich sehr seit der Zeit auf eine höchst abentheuerliche Weise besucht, ohne alle Aussicht ohne allen Zwek. jezt ist er bey einer kleinen Gesellschaft in Carlsbad.      Er glaubte ich hätte die Stellen mit vollen Händen zu vergeben. aber leider konnte ich ihm wenig nüzzen. Gänsbacher ist jezt in Insbruk und formirt das 2t Battaillon in diesem Augenblik aber ist er nach Prag geschikt, um eine Musik für die Jäger zu engagiren. ist das nicht um rasend zu werden. nun Er in Prag ist sizze ich hier. –      Mit meiner und Spontinis Anstellung ist es dermalen in Berlin nichts. da die Zeiten noch auf andere Dinge hindeuten.T      daß Beer und ich so eselhaft von deinem Chronometer* sprachen, muß dich von Niemand wundern der im Östreichischen lebt. man ist da in litterarischer Hinsicht total von allem abgeschnitten, da fremde Blätter enorme Summen kosten, und ich nur höchst selten die Musik: Zeitung erhasche.

Uebrigens habe ich allen Respekt vor deiner Erfindung und werde selbe auch benuzzen.      Voglers Te Deum* werde ich dir schikken. du hast ja ohnedieß noch Sachen von mir. und ich muß mich wieder flott machen da ich in einem Jahre abermals die Anker lichten und ins offene Weltmeer steuern will.

d: 9t Aprill erhielt ich deinen Brief vom 17t März in einem von Bischoff. d: 22t schrieb ich ihm wieder über sein Concert, habe aber seitdem nichts wieder gehört. die ganze Geschichte scheint ins Stokken gerathen zu sein.

Roeck ist also noch der alte. Gott sey Dank. ich hoffe ihn im Winter 1816 zu sehen.

d: 7t Juny also reiste ich hieher, und wollte von hier aus über Gotha, Weimar und Leipzig, zurükgehen. Mein Concert verschob sich aber bis d: 2t huj: d: 8t gaben ich und Bärmann, in Augsburg Conc: beydes geschah mit dem glänzendsten Erfolge.      d: 10t erhielt von dem Prinz Eugen, /: Vice König von Italien :/ einen schönen Brillant Ring mit seiner Chiffre. ich wollt nun weiter reisen als eine große Idee mich pakte, der zu liebe ich meine weitere Reise aufgab, und sogleich zu arbeiten anfieng. ich schreibe nehmlich eine Cantate zur Feyer der Schlacht bey Belle Alliance. Ein treffliches Gedicht, von Wohlbrük, den du ja kennen must. in | meinem nächsten Brief schikke ich dir eine Abschrifft. ich schikke dann die Partitur an alle Souveraine. der hiesige englische Gesandte schikt sie an den Prinz Regenten, und besorgt eine Uebersezung ins Englische. du kannst denken wie sehr mich eine solche Arbeit, die meinen Ruf in der Welt begründen kann, Tag und Nacht beschäftigt, und – Gott sey Dank!! seit denen wenigen Tagen die ich daran denke, fühle ich das wiederkehren meiner Kraft und daß ich der Welt noch etwas nüzzen kann.

d: 5t Sept: reiße ich ab, nach Prag zurük, wo ich d: 7t Sept: einzutreffen gedenke. – habe ich wohl die Freude, hier noch einen versöhnten Freundes und Bruders Ruf von dir zu hören?

Dahm sage für Heute alles herzliche von mir, ich weiß ihm großen Dank, daß er dich vermocht hat, selbst diese wenigen Zeilen zu schreiben, und dadurch mein Stillschweigen gebrochen hat.      Es ist mir ganz wohl und leicht ums Herz da ich dir alles gesagt habe. – ich werde ihm dieser Tage antworten. Heute gieng des älteren Freundes Recht über alles.

die Post geht und ich muß schließen.      Grüße deine liebe Gustel aufs innigste von ihrem treuen Freunde Weber. schreibe mir was Hout und Dusch machen, und wie du dir gefällst in dem schwarzen Mainz.      ich drükke dich in Gedanken an meine Brust, und weiß daß du es eben so warm erwiedern würdest.
Laß dieß bald wißen deinen gewiß unveränderlich treusten Bruder Weber. Maximilians Plaz No: 1328.

Apparat

Zusammenfassung

entschuldigt sein Stillschweigen über mehrere Monate; schildert seine fatale Situation in Prag (Caroline); Austausch über gemeinsame Bekannte; äußert sich über Gottfrieds Requiem, zu dem er eine Rezension ankündigt; betr. Anstellungsverhandlungen in Berlin; betr. Gottfrieds Erfindung des Chronometers; berichtet über Aufenthalt u. Konzerte in München u. Augsburg; berichtet über seine Arbeit an "Kampf und Sieg".

Incipit

In diesem Augenblicke erhalte ich Deine wenigen Worte

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

New Haven (US), Yale University, Beinecke Rare Book and Manuscript Library (US-NHub), Frederick R. Koch Foundation

Quellenbeschreibung

Weitere Textquellen
  • Bollert/Lemke 1972, S. 68–70 / TV: MMW I, S. 488–491

Textkonstitution

  • "daß ein": durchgestrichen.
  • "sehr": durchgestrichen.

Einzelstellenerläuterung

  • "… , daß ein immerwährendes Streben": Fraglich ob von "Streben" in "Sterben" oder umgekehrt korrigiert.
  • "… nicht immer über mich schimpfst": Gemeint ist keine zur Veröffentlichung bestimmte Rezension, sondern ein persönlicher Kommentar. Diesen schrieb Weber gemeinschaftlich mit Gänsbacher am 15. September 1815 und sandte ihn einen Tag später per Brief an Gottfried Weber
  • "… so eselhaft von deinem Chronometer": Vgl. die Passage bezüglich Gottfried Webers Aufsatz Ueber die jetzt bevorstehende wirkliche Einführung des Taktmessers, in: AmZ, Jg. 16, Nr. 27 (6. Juli 1814), Sp. 445–449 und Nr. 28 (13. Juli 1814), Sp. 461–465 in Webers Brief vom 30. Januar 1815. Meyerbeer reagierte zum selben Sachverhalt in zwei Briefen an Gottfried Weber: vom 5. Januar 1815 sowie 14. Februar 1815 (als Antworten auf die Briefe Gottfried Webers vom 30. Dezember 1814 und 10. Januar 1815.
  • "… Voglers Te Deum": Um welche der zu Lebzeiten Voglers ungedruckten Te-Deum-Kompositionen es sich handelt, bleibt unklar. Im 1814 gedruckten Nachlass-Verzeichnis sind unter den Nummern 106 bis 110 und 187 insgesamt sechs Werke dieses Titels aufgeführt, eines davon wurde vom Verleger André in Offenbach erworben (vermutlich SchafhäutlV 42, das wohl identisch mit SchafhäutlV 127 aus dem Jahr 1784 ist) und 1827 publiziert (RISM V 2392). Denkbar ist auch, dass es sich um das aus dem Jahr 1797 stammende Te Deum SchafhäutlV 163 handelt, das heute in D-DS, Mus. 1140 aufbewahrt wird. Vgl. hierzu Bärbel Pelker / Rüdiger Thomsen-Fürst, Georg Joseph Vogler (1749–1814). Materialien zu Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung der pfalz-bayerischen Dienstjahre, Teil 2, Frankfurt 2016, S. 54, 84f. u. 91.

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