Carl Maria von Weber an Johann Gänsbacher
Hosterwitz, Montag, 24. August 1818

Mein vielgeliebter HerzensBruder!

Kaum traue ich mich noch die Augen vor dir aufzuschlagen. was wirst du von meinem langen Stillschweigen denken? hoffentlich bist du nicht so böse darüber, als ich dich dazu berechtiget glaube, denn du kennst ja deinen Weber und seine treue Liebe zu dir. Aber wie es nun geht in dieser krausen Welt, ich wollte immer recht ausführlich schreiben, dazu fand sich die Zeit nicht. am Ende wuchsen mir die Materialien über den Kopf pp pp du weißt ja auch wie das kömt, also Pater peccavi sage ich, und du verzeihst brüderlich, nicht wahr? Will nun aber auch ehrlich zu meinem Tagebuch zurükgehen und wenigstens die HauptEpochen darstellen. d: 18t July 1817 schrieb ich dir zulezt von Dresden aus*. die vielen Proben, Verdruß und Arbeiten griffen meine Gesundheit sehr an, und ich laborirte mehrere Monate an bedeutendem Halsweh.      Auch in meinen Verhältnißen stand ich immer noch etwas auf dem Sprunge, denn mitunter machten es die Italiener gar zu toll. Zu Michaeli hatte ich gehofft auf die Vereinigung mit meiner geliebten Lina, aber das sollte mir auch nicht so leicht gemacht werden. die VermählungsFeyer unsrer Prinzeßin Marianne an der [sic] Großherzog von Toskana kam dazwischen, wozu ich eine große Kantate schreiben muste. da zogen sich die Präliminarien in die Länge, und ich war in der peinlichsten Lage. Meine arme Lina hatte in Prag kein Quartier mehr, muste sich in einem elenden Neste behelfen, ich muste hier mein Quartier von Grund aus neu einrichten. diese Anordnungen, dazu componiren, eine GelegenheitsSache, und hier meine erste Arbeit, es war um toll zu werden. endlich d: 29t 8ber erfolgte die Feyer und d: 30t saß ich schon im Wagen und kam d: 31t glüklich und langersehnt an. wo ich deinen lieben Brief vom 25t Sept: durch Kleinwächter erhielt. d: 4t November war mein Hochzeitstag. bey Junghs gefeyert ganz in der Stille aber heiter und glüklich, dabey waren blos Kleinwächters, Bomsel und Lisette Frieser. denselben Abend noch pakte ich ein und d: 5t giengs schon mit der jungen Frau zum Thore hinaus, nach Mannheim wo wir d: 11t ankamen, und die Mutter zu ihrem Sohne brachten, wo sie sich seitdem wohl und gut befindet.      Wie sehr errinnerte mich hier und in Darmstadt wo ich d: 15t hingieng, alles an unsre Zeit, und die vielen heitern schönen Tage die wir da verlebten, und die nun da nicht mehr zu finden waren! Voll Sehnsucht einen Theil der Trias wieder zu schauen eilte ich nach Mainz zu Gottfried.      dieß war aber der trübste Punkt meiner Reise, denn ich kam mit dem alten Herzen voll Liebe an, und, – es war nicht das Alte. ich will nicht ungerecht sein, ich kam zu einem ungünstigen Zeitpunkte, er hatte täglich KriminalGeschäfte, war eben ausgezogen, die Frau lag in Wochen pp kurz wir sahen uns wenig, und konnten nicht warm werden. Mir scheint daß sich Gottfried zu viele Geschäfte aufgebürdet hat, das Theater pp wodurch er dazu komt an nichts mehr rechten Antheil außer seinem Treiben zu nehmen, und ein bischen Rechthaberisch und absprechend geworden ist. Kurz es that mir unendlich wehe, ich hatte mich so darauf gefreut, es war ein Hauptzwek meiner Reise gewesen, – nun, es könen nicht alle gehofften Freuden in Erfüllung gehen.      in Darmstadt gab ich Concert, dann in Giesen, wurde in Gotha freundlichst vom Herzog aufgenommen, und traf d: 20t Xber wieder in Dresden ein.     da gabs dann viel verhaltene Geschäfte und Kabalen. ich entschloß mich neben meiner vielen Arbeit, noch eine Meße zum Namenstage des Königs zu schreiben, und that es mit Liebe und Sorgfalt, d: 8t März wurde sie aufgeführt zum 1t mal, und machte Wirkung. ich wollte ich hätte die Freude sie dich hören zu laßen.      In dieser Periode hatte | ich viel Verdruß, mein Cheff und ich standen einigemal auf dem Punkte unsern Abschied zu fodern, und da lernte ich erst recht das Glük schätzen ein theilnehmendes treues Wesen um mich zu haben als Lebensgefährtin. Ich muß es nur gleich aussprechen was ich lieber gleich zu Anfange meines Briefes gesagt hätte, wie glüklich und heiter ich in meinen häuslichen Verhältnißen lebe, und wie meine geliebte Lina mir das Leben verschönert und tragen hilft. Wahrlich ich bin ein glüklicher Mann, und wünsche dir mein theurer Bruder ähnliches Glük. Niemand würde im entferntesten ahnden daß meine Lina jemals Künstlerin war, so eine fleißige, verständige, und sorgsame Hausfrau ist sie geworden, so sehr bewegt sie sich mit Lust in ihrer neuen Sphähre Sphäre.      wir sind auch beide das Bild der Gesundheit und Zufriedenheit, Gott sey es gedankt, und er möge es so erhalten.      Komm nur bald und siehe selbst. die Trennung von der Mutter war der schmerzlichste Punkt, aber auch diesen erträgt sie mit stiller Ergebung, und erkennt die Nothwendigkeit zu meiner Zufriedenheit. –

Nächst den DienstGeschäften suchte ich nun auch an meine Oper zu kommen, aber es war unmöglich. Eine Reihe Gastrollen raubte alle Zeit, ich erbat mir also eine Dienst Dispensation um aufs Land zu gehen, und zu arbeiten. d: 20t Juny wollte ich dieß thun, da überraschen mich freudigst Bärmann und die Harlas, die ich gleich mit nach Pillnitz schleppte, wo wir sehr heitere Tage verlebten. daß da deiner oft gedacht wurde kannst du wohl glauben. d: 23t sangen und spielten sie schon bey Hofe mit gröstem Beyfall, und bekamen schöne Präsente. d: 30t reisten sie nach Berlin ab. und ich muste schnell eine Kantate zum Namenstag der Königin komponiren, zu welcher Feyer Bärmann unvermuthet wieder d: 1t August zurükkam, noch 8 Tage bey uns blieb und d: 10t nach München zurükgieng. von der Zeit bis jezt muste ich eine große Kantate zur Feyer des Jubiläums unsers Königs schreiben. damit bin ich nun eben fertig geworden, und war so angegriffen daß ich 2 Tage in der totalsten Abspannung vegetirt habe. Heute ist seit Jahr und Tag der erste freye Moment, und der wird nun recht eigentlich mir selbst geschenkt, indem ich mit dir mein geliebter Bruder b. . . plaudre. die Hoffnung diesen Winter noch meine Oper in Szene zu bringen ist nun dahin, da ich d: 30t huj: nach Dresden ziehe und dann der Dienst alle Zeit verschlingt. diese Gelegenheits Arbeiten die nur Eintagsfliegen in der Kunstwelt sind, gehören zur Schattenseite eines DienstVerhältnißes, und sind wegen ihrer Vergänglichkeit immer eine trübe Arbeit wenn man auch noch so treu ergeben und liebend anhänglich demjenigen ist, für den man sie schreibt. dieses ist gewiß bey mir der Fall, denn wer unsern Hof näher kennen lernt, müste ein Mensch ohne Gefühl und Empfindung sein, wollte er ihn nicht hoch ehren und treu lieben. deßhalb bin ich auch zufrieden und heiter. Verdruß giebt es überall, den muß man geduldig ertragen, und nur die Zeit und Ausdauer geben wahre Ruhe. Einen schönen Beweiß seiner Zufriedenheit gab mir der König durch einen schönen kostbaren Ring /: 200 # an Werth :/ für die Meße. Eine Auszeichnung die vor mir kein hier in Diensten stehender KapellMster erhalten hat.       Nun, mein vielgeliebter Hansel weißt du wie’s mir geht und wenn ich dir noch erzählt habe daß ich hoffe im December einen Sprößling zu erblikken, so siehst du die ganze Größe | meiner Freuden, die dadurch erhöht wird, daß meine gute Frau der herrlichsten Gesundheit in ihrem Zustande genießt, und nichts von allen gewöhnlichen Pimpeleyen hat.

Von Junghs habe ich seit langer Zeit, vorgestern Briefe erhalten. Er, Sie, Bruder und Kinder waren abwechselnd elend krank, nun geht es aber wieder beßer.      Im Kleinwächterschen Hause hat der Tod auch Verheerungen angerichtet die du wohl alle wißen wirst.

Nun zu deinen lieben Briefen, von denen ich horribile dictu 2 zu beantworten habe.       Meine Anstellung hier ist lebenslänglich. Meine kleine Dikke hat dich sehr lieb, und grüßt dich durch mich aufs herzlichste, sie kann den l’amerò gar nicht vergeßen, und ladet ihn freundlichst ein ihr Haus in Dresden zu besuchen. Ja das wäre eine Freude Bruder wenn du kämst – Vielleicht könntest du dem Könige eine Meße überreichen und dadurch deine Reise bezahlt machen. überlege dirs einmal.      Schleßinger wird wohl unterdeßen schon selbst mit dir korrespondirt haben*. Mit Peters aus Leipzig der hier war, habe ich auch wegen dir gesprochen, der sehr gerne von dir Verlegen will, und honett bezahlt*.

von D moll höre und sehe ich nichts. ist für mich ganz todt, welches mir herzlich leid thut, freilich bin ich auch Schuld, denn ich schreibe an Niemand, doch ist sie mir Antwort schuldig geblieben. F Dur ist ganz verschollen.      deine glänzende Aufführungen, Anerkennen, und heiterer Aufenthalt in Botzen hab ich mit innigster Theilnahme gelesen. Möge dir oft die Freude gleicher Art zu Theil werden, was hat denn der Künstler für schöneren Lohn, als wenn er sein Streben mit Enthusiasmus aufgenommen sieht. d: 21t September gedenke Meiner, da wird meine Kantate in einer Kirche aufgeführt mit einem SängerChor von ohngefähr 100 Personen.      Meyerbeer ist noch immer in Italien, und schreibt für Turin diesen Carneval, glaube ich. Es war nahe daran daß ich auch nach Italien, /: nach Mayland und Venedig :/ zu gleichem Zwekke gegangen wäre. ich kann aber theils hier noch nicht so lange fort, theils in dieser Zeit meine Frau nicht verlaßen, und endlich mag und kann ich nicht solchen Klingklangdudeldum schreiben wie die Kerls jezt haben wollen.      Was aber jezt nicht geschieht, kömt doch für Mailand vielleicht übers Jahr zu Stande. dann komme ich mit der Frau in dein Gebirgslandel und besuch dich. Vorher komm aber du hübsch hieher.      in Prag siehts elend aus, und Clam schrieb mir noch vor 3 Tagen, „mit ihnen ist der gute Stern von Prag gewichen“ – – Man sagt daß Dr. Schaller* die Demmer heyrathen wolle – Glük zu !!! – dein Divertimento wird Schlesinger gewiß auch nach Wien schikken*. Wollen die Wiener nicht ordentlich zahlen, so schreib mirs nur, Peters nimmts gleich.

Nun lieber Bruder schließe ich dich in Gedanken innigst in meine Arme. Gott segne
und erhalte dich, Gesund, guten Muths und zufrieden. Meine Lina küßt dich treuen Hansel so
wie dein dir ewig treuer Bruder der gewiß nicht mehr so lange Schweigen wird, und immer
mit lauterster Liebe an dir hängt ganz dein Weber
Hosterwitz nächst Pillnitz bey Dresden d: 24t August 1818.
Schreib mir nur nach Dresden.

Apparat

Zusammenfassung

berichtet über Tätigkeit seit Mitte Juli 1817 (Dresden, Hochzeitsreise, Begegnung mit Gottfried), Meßkomposition; seine Ehe; Dresdner Aufträge; Hoffnung auf Vollendung seiner Oper aufgegeben; Privates; lädt G. nach Dresden ein; über priv. Dresdner Verhältnisse; Meyerbeer in Italien; Drucklegung von G.'s Werken;

Incipit

Kaum traue ich mich noch die Augen vor dir

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin - PK, Musikabteilung (D-B)
Signatur: Mus.ep. Weber, C. M. v. 16

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (3 b.S. o.Adr.)
  • am unteren Rand Bl. 2v von F. W. Jähns: "Eigenhändig von C. M. v. Weber"

Überlieferung

Weitere Textquellen
  • Nohl 1867, S. 267–272;

Themenkommentare

Textkonstitution

  • "Sphähre": überschrieben.
  • "b. . .": überschrieben.

Einzelstellenerläuterung

  • "… dir zulezt von Dresden aus": Im Tagebuch ist am 17. Juli 1817 ein Brief an Gänsbacher notiert.
  • "… selbst mit dir korrespondirt haben": Zu den bei Schlesinger durch Webers Vermittlung publizierten Kompositionen Gänsbachers vgl. Webers Brief vom 9. März 1816.
  • "… Verlegen will, und honett bezahlt": Bei Peters’ Vorgänger Kühnel waren bis 1813 mehrere Werke Gänsbachers verlegt worden: Sechs Lieder mit Gitarrenbegleitung (op. 3 der Gesangstücke, VN: 780) sowie die Lieder Wiedersehn (op. 4 der Gesangstücke, VN: 798) und Nachtgesang (VN: 1114). Bei Peters selbst erschienen nur Titelauflagen dieser Werke, aber offenbar keine Neuausgaben von Kompositionen Gänsbachers.
  • "… Man sagt daß Dr. Schaller": Laut Schematismus für das Königreich Böhmen 1818 (Teil 1, S. 98) Adolph Schaller, M. D., im gräfl. Clam-Gallasschen Hause.
  • "… gewiß auch nach Wien schikken": Gemeint sind Druckexemplare des bei Schlesinger verlegten Grand Divertissement in E-Dur, nicht das kurze Zeit später bei Artaria publizierte Divertissement in G-Dur op. 20 (angezeigt in der Wiener Zeitung Nr. 210 vom 15. September 1818).

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