Carl Maria von Weber’s Euryanthe. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Oper, von Helmina v. Chezy, geb. Freiin Klencke, 1840, Teil 1/9

Zurück

Zeige Markierungen im Text

Carl Maria von Weber’s Euryanthe.

Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Oper,

von Helmina v. Chezy, geb. Freiin Klencke.

Noch jedes Blättchen, auf welchem ein Vers der Euryanthe entworfen, bleibt treu verwahrt, blickt mich an, wie mit Freudenaugen, klingt mir zu, spricht zu mir von jener überschwänglichen Zeit. O, könnt’ ich sie mit allen ihren Verzauberungen schildern!

Mein erster Blick weile jetzt auf dem anmuthvollen Dresden, damals so reich belebt für mich! Jetzt unterm Leichenstein ruht erstarrt manch schönes Herz, das treu für mich geschlagen — Heinrich Otto und Jeanette Graf und Gräfin von LöbenErnst Otto von der Malsburg, Louise Brachmann, Charlotte von Werthern, Wilhelmine Willmar, Charlotte Ernst geb. Schlegel, Arthur vom Nordstern, und so manche andre Edle und Geliebte deckt längst die Gruft:

„Und, was sich sonst an meinem Lied erfreuet,Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet. —“

Im Liederkreise beim Minister v. Nostitz trat mir zuerst Carl Maria von Weber entgegen; erinnerte mich, daß wir uns 1813 mit Meyer Beer bei Vogler begegnet, und äußerte höchst verbindlich, daß er meine Lieder liebe. Ich entgegnete ihm scherzhaft, er habe diese Liebe noch nicht bethätigt. „Ich arbeite seit längerer Zeit sehr angestrengt,“ erwiederte Weber, „und mit ein paar Liedern fang ich bei Ihnen nicht an, Sie müssen mir etwas Großes dichten; so wie ich mit Allem, was jetzt vorbereitet ist, zwei Opern von Kind *) , zu ¦ Rande bin. Wenn ich Erfolg finde, so wende ich mich an Sie!“

Es bedurfte mir nicht des Erfolgs, den später der Freischütz fand, um Weber so hoch zu stellen als es dann die Welt that, ich kannte Lützow’s Jagd, kannte die frischen Melodieen, mit denen er die Seelen durchschüttert und entzückt, fühlte seine Größe aus dem Menschen selbst heraus.

Es war im Spätherbst 1817, Weber schrieb damals den Freischütz, und ging an die drei Pinto’s zur Abwechselung. Die Idee der Letzteren (bearbeitet von Theodor Hell) ist glücklich.*

Weber an seiner hübschen, jungen Gattin Seite war damals die Seele der Heiterkeit jener schönen Kreise, im unvergeßlichen Dresden; sein Ernst, wenn er so unter uns verweilte, schattirte so kräftig und hob so würdig seine frohe Laune, seine Anmaßungslosigkeit war so lieblich, seine Freundlichkeit so ruhig und wohlthuend; er war so vollständig da für alle, ließ sein Ich ganz aus dem Spiele! Schon hoch berühmt dazumal, war in seinen Augen sein Ruhm ein Juwel, das er sich noch erst zu verdienen hätte, und dicht verschloß, doch äugelte er oft sehnsüchtig zu der Stelle hin, wo das Schmuckkästlein aufbewahrt stand.

Und bis an den Tod hat er gezweifelt!

Zu schwer und innig Ernst war es ihm mit der Kunst, zu streng rief er zur Prüfung, was ihm so überreich und hold der gute Geist gewährte, was er nur kindlich hinnehmen durfte; eine zu hohe Idee hatte er von deutscher Volksthümlichkeit, überhaupt von der Gesammtmasse des Publicums, dachte nie an Goethe’s Wort:

Beseht die Gönner in der Nähe — —*

Und so barg und hegte er, als sein theuerstes Gut, und | nährte mit seinem köstlichen Herzblut die Flamme, die sein junges Leben verzehrte.

Nur als Funke glomm dies Alles noch in ihm, als er den Freischütz schrieb; erst nachdem dieser über die Bühne gegangen, hatte der Sturm des Enthusiasmus der Menge den verheerenden Brand angefacht, der Gifthauch des Neides die Glut auf sein Innerstes hingetrieben, sie rieb ihn auf.

Wie glücklich müssen Sie sein! sagte ich ihm, als er mich bei seiner Zurückkunft von Berlin besuchte. Dieser Enthusiasmus für Ihr Werk, diese Liebe! — „Nein! Freundin! Mich hebt das Lob auf eine schwindelnde Höhe; es beseligt mich, aber mich zerschmettert der leiseste, ja der unverdienteste, der absurdeste Tadel“!

Wir sprachen viel über Musik; Weber hatte eine seltene Gewalt die Gemüther zu erschließen, doch fiel mir endlich ein, daß ich zu dem Meister spreche, der von seinem Standpunct aus, von mir gar nichts Neues erfahren konnte. Ich sagte ihm das. „Nein“! erwiderte Weber. „Das ists eben, warum ich so gern mit Ihnen über Musik spreche, Ihr Gefühl leitet Sie richtig, wohingegen die Halbklugheit sogenannter Kenner sie verwirrt, und ihre Anmaßungen mich anwidern“!

Berlin! — Er konnte es nicht vergessen. Nie wurde der Nektarbecher der Bewunderung dem Meister süßer umkränzt, berauschender gefüllt und anmuthiger kredenzet, als in Berlin! Der Freischütz war durchaus neu, höchst volksthümlich, und rein menschlich in allen Beziehungen, die Gemüther ergreifend, so in der Wortdichtung als in des großen Tondichters höchst origineller, wunderbar innig seelenvoller Auffassung des Textes. Ich sagte reinmenschlich, und doch ist Zauberspuk und Höllenspectakel drin, aber das ists ja, da liegt’s! Weckt nur die Schauerklänge, die an der Wiege schon das innre Herz aufgerüttelt, und die schlummernden Ahnungen der übersinnlichen Welt um uns her zum Bewußtsein gerufen, so habt ihr die Menschen schon zu eigen! Wollt ihr dramatische Elemente? das Einfachste wird am gewaltigsten wirken: Unschuld, Liebe, Glaube in zwei jungen Herzen, Kampf und Bosheit und Arglist, Kampf mit der Leidenschaft, Verwirrung, und Sieg durch göttlichen Schutz — es klingt so einfach, und doch ist die Geschichte des bessern Theils der Menschheit darin, und Anklang findets in allen Seelen.

Heiter, glückselig, oft herzlich lustig, den ganzen Kreis belebend und beseelend zeigte sich C. M. v. Weber, vor seiner Reise nach Berlin bei großen glänzenden Festen im Hause des Ministers von Nostiz, des preußischen Gesandten Freiherrn von Oelsen, bei Böttiger, Kind, Förster, Hasse, Kuhn, Therese von Winkel, und in andern befreundeten Kreisen, deren Eindruck mir unvergeßlich bleibt. C. M. und Caroline von Weber bestürmt von herzlichen Bitten, sangen Lieder zur Guitarre, ordneten ¦ die Aufführung von Charaden, führten selbst mit höchst komischer Kraft die meisten auf; Weber las auch wohl einmal ein Phantasiestück, eine Abhandlung über Musik; Niemand schrieb lebenvoller, Niemand las kräftiger und natürlicher; er wollte Beides nicht zugestehen, lehnte jedes Lob von sich ab. Er war so fern von Eitelkeit, daß es ihm sogar an Selbstvertrauen fehlte; der Deutsche klebt noch an dieser Tugend der schüchternen Bescheidenheit, die andere Völker längst bei Seite geworfen haben. Aus der Selbstgenügsamkeit kann keine Größe hervorgehen.

Doch Rossini liebte der deutsche Meister nicht, er war nicht gerecht gegen ihn, er bedachte nie, daß eben das in der italienischen Natur begründet ist, was seine Deutschheit an Rossini nicht ertragen konnte, und daß bei südlichen Naturen in jener unbedingten Hingebung an die Begeisterung des Augenblicks wiederum etwas sehr Schönes und Lebensfrohes liegt, welches zwar meist der streng classischen Vollendung, selten aber der Natur in ihrer glücklichsten Entfaltung im Wege steht. Die Freiheit eines Gedankens, eines Bildes kann durch zu große Selbststrenge gar schnell abgestreift werden, und das Bessere ist nicht selten des Guten Feind. Rossini, der Ueberreiche, verwarf nichts, er vergeudete immer, was eben quoll, und wie es quoll. Seit Mozart war vielleicht noch nie ein musikalisches Genie melodieenreicher und unbefangener; seit Mozart gab es keinen so populären Tondichter, als diesen. Aus Voglers strenger Schule hervorgegangen, konnte Weber sich nicht mit dem leichten Sinn und frischen Muth des Italiers befreunden, er sah Gefahr für Geschmack und Kunst in der Bewunderung für Rossini, in der Nachfolge auf seiner Bahn voraus, und eiferte treulich dagegen; im Princip hatte er unter mehreren Hinsichten Recht, in der Anwendung irrte er, aber nur im reinsten und feurigsten Eifer für die gute Sache. Er that auch Unrecht, es dem italischen Meister beizumessen, wenn Sänger und Sängerinnen die Grenze überschritten, die er gesteckt, und ihren Part mit Schnörkeln, Trillo’s, Coloraturen und Rouladen überhäuften. Diese Klippe ist eine ewige, es ist auch nicht unverzeihlich, wenn der Sänger auch auf seinem Gebiet Schöpfer und Tondichter sein will; wie weit er geht, kommt ganz auf seine Bildung an. Warum ist nicht der Applaus durchweg verständig? Warum gibt es Claqueurs? Dies steht zumeist der höheren Geschmacksausbildung darstellender Künstler entgegen! —

(Fortsetzung folgt.)

[Originale Fußnoten]

Apparat

Zusammenfassung

Helmina von Chezy über die Entstehung der Euryanthe, Teil 1/9

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Charlene Jakob

Überlieferung

  • Textzeuge: Neue Zeitschrift für Musik, Bd. 13, Jg. 7, Nr. 1 (1. Juli 1840), S. 1–2

    Einzelstellenerläuterung

    • „… Theodor Hell ) ist glücklich.“Hier irrt Chézy. Die Novelle Der Brautkampf von Karl Seidel, auf der das Libretto von Winkler zu den Drei Pintos beruht, erschien erst 1819. Die erste Erwähung der Pintos in Webers Tagebuch findet sich 1820.
    • „… in der Nähe — —“Vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Faust – Der Tragödie erster Teil, aus dem Vorspiel auf dem Theater.

      XML

      Wenn Ihnen auf dieser Seite ein Fehler oder eine Ungenauigkeit aufgefallen ist,
      so bitten wir um eine kurze Nachricht an bugs [@] weber-gesamtausgabe.de.